Die Luft schien raus bei den Bee Gees, damals 1972, 1973. Ihre Alben verkauften sich immer schlechter, ihr Gespür für bestechende, sofort ins Ohr gehende Popsongs war irgendwie dahin und die Musik der Brüder Barry, Robin und Maurice Gibb, die sich doch ohnehin nach Streitereien erst wieder halbwegs zusammengerauft hatten, ein Fall fürs Oldies-Radio. Doch die Zeitläufte wollten es anders. Die Bee Gees taten sich nämlich mit dem Produzenten Arif Mardin zusammen, der als Hausproduzent des Labels Atlantic und vor allem durch seine Arbeit mit Aretha Franklin höchstes Renommee genoss.
Mardin verpasste den harmonieseligen Songs der Bee Gees nicht nur einen an Soul und Funk orientierten, rhythmusbetonten Touch, sondern ermunterte sie auch, eine Oktave höher zu singen. Schon auf dem 1974 erschienenen Album „Mr. Natural“ erklangen nun hie und da Harmoniegesänge im Falsetto, die dann 1975 in dem Album „Main Course“ und dem großen Hit „Jive Talkin’“ kulminierten, der nicht nur die Karriere der Bee Gees neu definierte und ihr künftiges Markenzeichen, Barry Gibbs Falsett, in voller Pracht herausstellte, sondern auch eine Ära einleitete.
Diese Disco-Ära ist zwar längst vorüber und die meisten ihrer Protagonisten sind vergessen, doch die Songs der Bee Gees aus jener Zeit scheinen unvergänglich und sind bis heute Tanzflächen-Magneten, was auch die Unternehmung sechs junger Niederländer erklären dürfte, die sich unter dem Namen MainCourse das gewaltige Repertoire der Bee Gees vornehmen und sehr nahe am Original erklingen lassen. In ihrem Heimatland füllen sie damit selbst den riesigen, 14.000 Besucher fassenden Ziggo Dome in Amsterdam bis auf den letzten Platz, was nicht allein nur mit der derzeit ohnehin in weiten Teilen der westlichen Welt herrschenden Vorliebe für Sounds der Siebziger- und Achtzigerjahre zu erklären ist. Zur Popularität von MainCourse in den Niederlanden hat auch ihr Sieg 2024 bei der Fernsehshow „Batttle of The Bands“ beigetragen, in dessen Folge sich das Sextett „Europas Tribute Band des Jahres“ nennen darf.
Der Weg dorthin war allerdings nicht ganz gerade. Während der Corona-Pandemie von einigen Musikstudenten am Konservatorium in Enschede gegründet, war die frühe Version des Projekts eher ein Desaster und die ersten Aufführungen, noch mit Perücken und in Glitzerkostümen, Anlass für Gespött unter den Freunden. Der wohlmeinende Rat, den ganzen Fummel doch einfach sein zu lassen und sich lieber auf eine eigenständige Interpretation des komplexen Songmaterials zu konzentrieren, erwies sich als richtig, wie Jeffrey Italiaander sagt, der bei der Produktion die Stimme von Robin Gibb übernimmt. Eigentlich als Musical-Darsteller ausgebildet und auch schon in verschiedenen Bühnenproduktionen in Deutschland aktiv, ist er für die heutige Besetzung der Band gecastet worden.
Gleiches gilt für Mike Ott, der die Gesangsparts von Barry Gibb so authentisch übernimmt, als hätte er am selben Helium-Spender gesaugt wie sein großes Vorbild. Ott, Spross eines alteingesessenen Stuckateur-Betriebs in Amsterdam und einige Jahre selbst als Gipser tätig, ist musikalischer Autodidakt und trotzdem das Kraftzentrum der Gruppe, der noch Keyboarder Martijn Bakker als Stimme von Maurice Gibb sowie der Gitarrist Rik Haker, der Bassist Kevin Kos und der Schlagzeuger Yme van Elsloo angehören.

Rund 40 Songs der Bee Gees aus fast all deren Schaffensphasen haben die sechs Niederländer in ihrem Repertoire. Die präsentieren sie als eine Reise durch die Jahrzehnte, von den an Beat, Soul und Folk angelehnten Perlen der Sechzigerjahre wie „New York Mining Disaster 1941“, „To Love Somebody“ und „Massachusetts“, über den puren Pop der frühen Siebzigerjahre wie „How Can You Mend A Broken Heart“ und die Spätsiebziger-Disco-Sause mit Klassikern wie „Stayin’ Alive“ und „Night Fever“ bis zu den Neunzigerjahre-Hits wie „You Win Again“.
Die meisten Stücke interpretieren MainCourse etwas schneller und rockiger und damit zeitgemäßer, „so wie sie die Bee Gees nun wohl spielen würden. Die sind ja immer mit der Zeit gegangen“, sagt die Band unisono, die sich bei der intensiven Beschäftigung mit den Gibb-Kompositionen so weitergebildet hat, dass auch für sie ein Kurswechsel anstehen könnte. Mit einem englischen Produzenten arbeiten die sechs Musiker auch an eigenen Songs.
Bee Gees by MainCourse gastiert am 21. Mai in Stuttgart, am 22. Mai in Zürich, am 23. Mai in der Alten Oper Frankfurt und am 24. Mai im Rosengarten Mannheim. Weitere Auftritte folgen in München (25. Mai), Nürnberg (27. Mai), Leipzig (28. Mai), Berlin (29. Mai), Halle/Saale (30. Mai) und Dortmund (31. Mai)
