Es ist immer gut, ein Standardwerk im eigenen Hause zu haben. Das zu Löchern hat der geschätzte Kollege Lukas Weber vor ein paar Jahren geschrieben, unter der ob ihrer Treffsicherheit nicht zu übertreffenden Überschrift „Das Loch“. Selbstredend in diesem Technik-und-Motor-Ressort. Weil man sich sprichwörtlich immer zweimal im Leben trifft, stehen wir nun wieder dort, also vor der Wand, in die ein Loch soll. Genau genommen 16.000 Löcher. Und dürfen zitieren: Auf der Suche nach etwas, das mehr wird, wenn man etwas wegnimmt, gibt es nicht viele Treffer. Das Haushaltsdefizit vielleicht oder halt einfach ein Loch. Dieses ist letztlich ein Mangel an Materie, aber umgeben von jener, es besteht also aus Leere und beinhaltet, ungeachtet der Tatsache, dass man es füllen kann, zunächst einmal nichts.
Jenseits solcher theoretischen Überlegungen stellt sich die ganz praktische Frage, wie man ein Loch macht. Immerhin liefern sie die erste Erkenntnis: Größer machen geht leicht, kleiner machen nicht. Das Mittel der Wahl zum Erzeugen von Löchern, die in Wände, Möbel und allerlei andere Gegenstände eingebracht werden sollen, ist der Bohrer. Er braucht eine Kraft, die ihn in Drehung versetzt, sei es eine Handkurbel oder ein elektrisches Gerät. Dann wird es knifflig, denn das Loch an sich hilft meist wenig, es sei denn, es ist da, um Kabel oder Leitungen hindurchzuführen. Soll es etwas halten, braucht es einen Dübel. Die Vielfalt hier ist so groß wie die der Bohrer dort, und bisweilen sind frische Ideen gefragt.

16.000 Löcher sollen in die Decke gebohrt werden
In Frankfurt querab der Messe baut gerade der Baukonzern Züblin seine neue Zentrale, die er Seed nennt. 100 Männer und Frauen sind täglich und noch ein gutes Jahr im Einsatz. Das Gebäude soll für sich sprechen, mithin die Qualität als Selbstverständnis ausdrücken, es hat Geothermie unten drunter und lauter schicke Sachen innen drin, zum Beispiel einen Physioraum mit spezieller Temperaturregelung. Die Büros werden über aufzuhängende Deckensegel gekühlt oder geheizt, die über Stangen im Sichtbeton fixiert sind, die zementfarbene Oberfläche wird nicht verkleidet. Das ist modern, hat aber zur Folge, dass der geneigte Handwerker keine Kreuzchen mit dem Bleistift anmalen darf an jener Stelle, an der zu bohren wäre.
16.000 Löcher, lautet hierzu der Auftrag, allesamt in der Decke, also über Kopf zu bohren. Wer eine Vorstellung haben möchte, geht in den Hobbyraum, nimmt seine Bosch, Makita oder Metabo und hält sie 30 Sekunden nach oben in die Luft. Mit, sagen wir, hundert Wiederholungen. Ein Müsliriegel mehr wird nicht schaden. Oder, wie es Züblins Projektmanager Andreas Wörsdörfer ausdrückt: Versuch dann mal am Abend, dein T-Shirt auszuziehen.

Ins Spiel kommen die Kerle von Fischer, sie setzen so etwas wie den Goldstandard des Dübels. So weit, so gut, so unzureichend als alleinige Geschäftsgrundlage. Weil es an sich schon schwierig ist, Bauarbeiter zu finden, und noch schwieriger, selbige zu 16.000 Löchern über Kopf mit Schutz für Augen, Mund und Ohren zu überreden, ist Fischer auf die Idee gekommen, derlei müsse doch ein Roboter können. Seit vier Jahren tüftelt die Firma an einem Bohrroboter, den sie Baubot nennt, eine höhere zweistellige Zahl an Geräten gehört mittlerweile zur Familie. Er ist im Prinzip ein kleiner Bagger mit Raupenantrieb und Gelenkarm. An der Spitze des Arms ist eine Schlagbohrmaschine von Metabo befestigt, die einen Widia-bestückten Betonbohrer beherbergt. Die Tücke steckt im Detail. Die Bohrmaschine war zunächst eingehaust, des Lärms wegen, da hat sie überhitzt. Jetzt ist sie offen fixiert, was etwas nach Bastelbude ausschaut, aber funktioniert. Die Geräuschentwicklung ist trotzdem gut auszuhalten. Ein Kraftmesser ist dran, jede Maschine hat ihre Grenzen.
Auf einen Millimeter genau bohrt der Baubot
Über eine Totalstation wird der Arbeitsbereich innerhalb des Gebäudes eingemessen. Man sieht die auf Dreibeinen stehenden Messgeräte bisweilen entlang der Autobahn, wenn die Vermesser Baustellen einrichten. Am Baubot ist das Gegenstück befestigt, der Rest ist digitale Zauberei. Oder einfach Sachkenntnis. Der Roboter fährt durch einen Operator ferngesteuert in Position, stellt sich stabil auf ausfahrende Stützen, schwenkt den Arm mehrfach hin und her und weiß sodann, wo er ist und wo die Löcher hinsollen. Auf einen Millimeter genau könne das Loch gesetzt werden, verspricht Fischer. Auch wenn der Arm weiter auslegt, die Steifigkeit der Gelenke ist hier maßgeblich. Egal auch die Temperatur, ob fünf oder 35 Grad draußen, die Materialausdehnung wird rechnerisch kompensiert.

Der Arm fährt an die Decke, setzt den Bohrer an und bohrt exakt die vorgegebene Tiefe, auf dass der hernach eingesetzte Dübel perfekt halte. Am Bohrer selbst ist ein Ring angebracht, tiefer eindringen kann er ohnehin nicht, doppelt gemoppelt hält besser. Der Staub wird an der Quelle abgesaugt und in einem Behälter gefangen, es rieselt wirklich nichts zu Boden. 100 Löcher, wenn es sein muss auch 150, je Stunde bohrt der Roboter. Jeder Winkel ist möglich, man denke etwa an Tunnelröhren. Die Löcher sehen fast alle klinisch sauber aus, einige wenige platzen aus, Beton halt. Der eingeschlagene Metallanker kaschiert das meiste. Metall, denn im Brandfall dürfen sich die Dübel nicht auflösen, sonst fielen die Deckensegel herunter.
Nach 300 Löchern ist der Bohrer in der Regel dahin und muss ausgetauscht werden. Was mit dem handelsüblichen Steckverschluss flugs gelingt. Normalerweise dauert ein Loch rund zehn Sekunden. Wird stählerne Bewehrung oder hartes Gestein getroffen, auch mal eine Minute. Fischer verkauft seine Leistung deswegen nicht nach Liste, wie teuer der Baubot ist, bleibt ohnehin Betriebsgeheimnis. Abgerechnet wird je Loch. Was solch ein Auftrag kostet? Kein Kommentar. Auf der Baustelle heißt es, die Kosten lägen in etwa auf der Höhe eines Bauarbeiters.
Rund zwei Wochen brauchen die Programmierer
Was nicht klappt, ist eine kurzfristige Planänderung. Rund zwei Wochen benötigen die Programmierer, um dem Baubot seine genauen Positionen einzutrichtern. Das ist auch ein Grund, warum Fischer mit ihm während der Bauphase immer wieder an- und abrückt, gebohrt wird abschnittsweise nach Baufortschritt. Notwendig ist der eingelernte Operator, ein richtiger Mensch mit Ausbildung. Aber der nächste Schritt ist schon angedacht.

Geplant sind Roboter, die hinterherfahren, das Loch reinigen, bürsten und die Anker einsetzen. Zudem kleine, einfachere Roboter von vielleicht ein mal ein Meter Größe, sozusagen für den Hausgebrauch. Das Angebot wird erweitert um einen Kernlochbohrer, der läuft dann ohne Schlag mit höherem Drehmoment, braucht man für Rohrleitungen.
Fischer denkt groß und klein, immer nach dem Motto: Wir bieten dem Kunden den fertig gesetzten Dübel, nicht eine am Eingang abgelieferte Schachtel. Löcher braucht es in Tunneln, in Rechenzentren, in Logistikhallen. Die Dübler aus Waldachtal versprechen gar Niveauangleichungen der nicht immer topfebenen Bodenplatten in riesigen Lagerhallen, auf dass ein allfälliges Hochregal exakt im Lot stehe.
Die Konkurrenz schläft natürlich nicht, es gibt Wettbewerber, auch preislich aggressive aus China. Vorsprung durch Technik, sagt Fischer, der überzeuge. Es gebe echt gute Ingenieure in Deutschland, gute Programmierer, gute Ideen für Servicedienstleistungen und Kraft für Innovationen. Bisschen Wirtschaftsaufschwung wäre halt wünschenswert. Die Branche lebt von Löchern und möchte dennoch nicht in ihnen versinken.
