
An der Börse gibt es Zweifel, ob die Übernahme des Chemiekonzerns Evonik durch den Platzhirsch BASF zustande kommt. Einschließlich Schuldenübernahme würde der Kauf mindestens 14 Milliarden Euro kosten – die größte Transaktion in der deutschen Chemieindustrie seit Jahren. Seit die Unternehmen Gespräche öffentlich gemacht haben, hat sich die Evonik-Aktie zwar verteuert, noch aber notiert sie merklich unter dem kolportierten Barangebot von 22,15 Euro je Aktie. Wären die Aktionäre vom Zustandekommen überzeugt, wäre der Kurs höher.
Das Produktsortiment und die Präsenz beider Unternehmen würden sich ohne Frage gut ergänzen. BASF könnte seine Kerngeschäfte erweitern, etwa mit Chemikalien für die Kosmetikindustrie, ein erklärtes Ziel des Vorstandes. Er pokert zudem, dass sich Verhandlungen und Behördenfreigaben hinziehen und Zahltag für die Übernahme erst nächstes Jahr wäre. Dann, wenn der Börsengang der Pflanzenschutzsparte wieder Geld in die Kasse gespült hat.
Der Zeitpunkt für die Attacke ist dennoch günstig gewählt: Die europäische Chemieindustrie ist unter Druck und sortiert sich neu: Basischemie wandert ab, Spezialchemie muss effizienter werden. Ein Unternehmen, Covestro, ist schon weg, an den Staatskonzern Adnoc aus Abu Dhabi verkauft. Einen deutschen Champion könnte man der Politik also gut verkaufen. Denn ob das Geschäft zustande kommt, liegt alleine in der Hand der RAG-Stiftung und damit mehr oder weniger der Politik. Das Kuratorium der Stiftung ist mit zwei Bundesministern, zwei Ministerpräsidenten und dem Chef der Chemiegewerkschaft besetzt. Denn die Stiftung braucht Dividenden, um Aufgaben für die Allgemeinheit zu erledigen und die Ewigkeitslasten des Bergbaus zu finanzieren: Pumpen, die das Ruhrgebiet und Teile des Saarlands vor dem Absaufen bewahren.
Die Stiftung muss sich nun fragen, ob ihr Kalkül einer steten Dividende in dem sich rasant verändernden Branchenumfeld noch aufgeht – und für Evonik sinnvoll ist. Der Konzern hat im Februar seine Dividende an die Gewinnentwicklung gekoppelt, um mehr Spielraum für Investitionen zu behalten – ein Warnzeichen für die Stiftung. Dabei muss allen klar sein, dass heute jede Übernahme, gleich ob durch BASF oder einen Ausländer, zu Arbeitsplatzverlusten führen wird. Die Frage, ob Evonik solo besser aufgestellt ist, genug Dividenden liefert, zugleich tiefere Einschnitte vermeidet, kann die Stiftung nur selbst beantworten.
