
Haben sie oder haben sie nicht – miteinander gesprochen? Barbara Mundel sagt: Nein. Sie habe deswegen im Juni bei einer Pressekonferenz öffentlich gemacht, dass sie gern ihren Vertrag als Intendantin der städtischen Münchner Kammerspiele um zwei Jahre verlängern würde. Kulturreferent Marek Wiechers sagt: Man habe häufig miteinander gesprochen, von einem Verlängerungswunsch sei keine Rede gewesen. Seit 1. Juni läuft die Ausschreibung für die Nachfolge, die Vorlage stammt aus dem Februar, beschlossen wurde sie im März, von einer klammheimlichen Ausschreibung, wie sie Teile der Münchner Presse insinuiert hatten, könne keine Rede sein.
Barbara Mundel sprach am Donnerstag im Kulturausschuss dennoch von einem „unwürdigen Ränkespiel“, sie wolle Schaden vom Haus abwenden und verzichte deshalb auf den Verlängerungswunsch. Die dritte Amtszeit hätte am 1. September 2028 begonnen. Mundel ist Jahrgang 1959, mit Ende sechzig hat man ein Alter erreicht, in dem man schon darüber nachdenken kann, das operative Geschäft in die Hände jüngerer Menschen zu legen. Mundels Amtszeit begann 2020, sie war in den ersten Jahren geprägt durch die Pandemie, weswegen der Stadtrat 2022 ihren Vertrag vorzeitig um sechs Jahre verlängerte.
Unvergessen ist das Stück „Dorn vs. Nida-Rümelin“
Was nicht dazu führte, dass das Theater voller wurde, in den schlechtesten Zeiten blieb die Auslastung unter sechzig Prozent, aktuell ist sie auf 75 Prozent gestiegen. Und richtig gute Presse war die Ausnahme, zuletzt sah sich das Haus mit dem Vorwurf konfrontiert, antisemitischem Gedankengut eine Bühne zu bieten. Auch intern knirschte es, vermutlich deswegen hat nur ein knappes Viertel der 300 Beschäftigen einen Unterstützungsbrief für Mundel unterschrieben.
Der Chefposten in den Kammerspielen entwickelt traditionell Zentrifugalkräfte. Der berühmteste Fall ist der Abgang des 18 Jahre regierenden Dieter Dorn, der dem damaligen Kulturreferenten Julian Nida-Rümelin bis heute anhaftet, weil er es sich gefallen lassen musste, dass ihn der grollende Dorn als „bestangezogenes Stück Seife der Stadt“ titulierte. Dorn wechselte die Straßenseite und machte am Bayerischen Staatsschauspiel weiter. Sein Kammerspielenachfolger Frank Baumbauer blieb acht Jahre, Johan Simon und Matthias Lilienthal jeweils fünf. Letzter fühlte sich von der Münchner Kulturpolitik nicht geliebt und gab das schon drei Jahre nach Amtsantritt bekannt. Parallelen zum Fall Mundel scheinen auf der Hand zu liegen.
Untergang des Abendlandes?
Dass das Theater in der Maximilianstraße hoch- und wieder niedergeschrieben wird, hat ebenfalls Tradition, einige Journalisten verdanken ihre Karrieren dieser Disziplin. Aber dass nun die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk im Falle einer Nichtverlängerung Mundels den Untergang des Abendlandes heraufziehen sahen, war doch überraschend. Denn die Behauptung, die Kammerspiele seien eines der wichtigsten Sprechtheater der Republik, gehört einer Zeit an, bevor der Sinkflug des Hauses begann. Längst hat sich das bürgerliche Publikum neu orientiert und sitzt im staatlichen Residenztheater, dessen Auslastung an der Hundertprozentmarke kratzt.
Es wäre den Kammerspielen und der Theaterstadt München zu wünschen, dass die nächste Intendantin, der nächste Intendant die Wunden im Inneren heilen und das Haus nach außen zu einer neuen Blüte führen könnte.
