Es gibt Bilder, die Barbara Klemm nicht aufgenommen hat. In den 35 Jahren, die sie als Redaktionsfotografin der F.A.Z. in aller Welt und für alle Ressorts unterwegs gewesen ist, hat es auch immer wieder Aufträge gegeben, die sie nicht mochte. Heute, 20 Jahre nachdem sie in einen Ruhestand gewechselt ist, den man kaum so nennen kann, erinnert sie sich voller Freude an die Leichtathletik-Europameisterschaft 1986 in Stuttgart. Sportfotografie sei keine ihrer Stärken. Nicht ein einziges Mal sei es ihr gelungen, einen Hochspringer in genau jenem Moment zu erwischen, in dem er über die Latte gleitet. Sie habe eben das fotografiert, „was mein Stil ist“: den Zieleinlauf der Hindernisläufer, die Füße der Athleten im hochspritzenden Wasser der vielen Pfützen auf dem Gelände.
Klemm, die seit Jahrzehnten vor allem für ihren Blick auf Politik, Gesellschaft und Kunst hochverehrt wird, Mitglied in der Berliner Akademie der Künste ist, ausgezeichnet mit dem Orden Pour le Mérite und vielen weiteren Preisen und Titeln, die sie selbst nie erwähnen würde, ist geworden, was sie ist, weil sie ihren Beruf nicht nur „mit großem Vergnügen“, wie sie sagt, 35 Jahre lang für „die Zeitung“ ausgeübt hat. Es gehörte auch unbedingte Disziplin dazu, das Erledigen dessen, was als Aufgabe gestellt war. Auf der Suche nach dem der Sache, der Urheberin und auch den Dargestellten gemäßen Bild. Denn immer, sagt Klemm, nehme man den Personen auf den Bildern doch etwas, wenn man sie fotografiere. Auch wenn das bei Klemm so oft wie beiläufig, diskret wirkt. Bei politischen Terminen ebenso wie auf weiten Reisen durch Südamerika oder China für die F.A.Z., wenn sie, wie 1987 in der Sowjetunion, zusammen mit dem Dolmetscher aus Moskau ausbüxte nach Sankt Petersburg. Neben vielen offiziellen Terminen entstand bei einem spontanen Besuch des frisch renovierten Witebsker Bahnhofs im damaligen Leningrad das Bild der rastenden Soldaten, bei deren Anblick heutigen Betrachtern sofort der Ukrainekrieg, die Debatten um Europas Sicherheit und eine Wehrpflicht in den Sinn kommen.
Babara Klemm ging ins Risiko
Was hebt eine Fotografie, die für den Augenblick einer, meist politischen, Nachricht entsteht, über diesen Augenblick hinaus? Heute steht Barbara Klemms gesamtes Schaffen, vielfach publiziert, für jenes Mehr, für die besondere Qualität eines in den Ursprüngen meist tagesjournalistischen Bildes, das in die Gegenwart ragt. „Zeiten Bilder“ heißt der Band, der 2019, als sie 80 Jahre alt geworden ist, erschienen ist. Ein Klassiker mittlerweile unter den vielen Bänden mit Klemm-Fotografien, oft begleitet von literarischen Texten, die mittlerweile erschienen sind.

Auch auf das gute Dutzend Bilder, das Klemm nun für einen besonderen Gesprächsabend in der Leica-Welt in Wetzlar ausgewählt hatte, trifft dieser Titel zu. Sie sind solche Zeitenbilder. „Personal Perspectives – 50 Fotografien für 50 Jahre Leica Galerien“ heißt die Ausstellung, die derzeit in der dortigen Leica Galerie zu sehen ist, Klemm ist dort vertreten wie Jürgen Schadeberg, Joel Meyerowitz, Steve McCurry. Klemms kleine Kinderschar vor dem VEB Fortschritt in Rostock, aufgenommen 1974, stammt aus jener Zeit der westdeutschen Ostpolitik der frühen Siebzigerjahre, die Klemm intensiv im geteilten Deutschland begleitet hat. Im Gespräch mit der Leica-Artdirektorin und Repräsentantin der internationalen Leica-Galerien, Karin Rehn-Kaufmann, und F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop scheint auf, was diese Bilder ausmacht: Ihre Autorin weiß und wusste ganz genau, um was es ging bei politischen Terminen, sie las es sich an, lernte stets dazu – und ging ins Risiko.
Geschulter Blick führen Linien und Motive
Bahnhöfe und Militär zu fotografieren etwa, war in der Sowjetunion strikt verboten. Klemm hat es dennoch getan, wie so oft. Und ist nach zwei, drei Auslösern schnell gegangen, so wie im Gazastreifen 1993 und 1979 in Iran. Denn mutig und risikobereit ist Klemm immer gewesen – „aber mein Kopf ist mir wichtiger als das Bild“. Brenzlig ist es allerdings immer wieder geworden in ihrem Leben als reisende Fotografin. Und manchmal musste sie für Krisenberichterstattung nicht einmal das Redaktionsgebäude verlassen. Einer der unangenehmsten Termine, an den sie sich erinnert, war das Treffen von Martin Walser, Ignatz Bubis und Salomon Korn auf Einladung des damaligen Feuilleton-Herausgebers Frank Schirrmacher in dessen Büro am 12. Dezember 1998. Walsers Paulskirchenrede aus Anlass des Friedenspreises, in der er von der „Moralkeule Auschwitz“ sprach, hatte einen Skandal ausgelöst. Die damalige Infragestellung der deutschen Erinnerungskultur setzt sich in den Diskussionen und den Übergriffen heute fort. Das Foto, das die Anspannung widerspiegelt, ist jetzt ebenso erstmals digitalisiert worden wie der Witebsker Bahnhof oder die Trauerfeier für Georges Pompidou 1974.

Die „Szene“ sei ihr immer wichtig gewesen, sagt Klemm. Die Einbettung eines Moments, die so den Kontext herstellt, politisch, gesellschaftlich, auch kulturell. In einer Mischung aus dem „Glück“, das Barbara Klemm immer wieder nennt, und geschultem Blick führen Linien und Motive dort das Thema fort: die gestreifte Wand hinter den sich küssenden Generalsekretären Leonid Breschnew und Erich Honecker 1979, in ihrer weit gefassten Aufnahme mit den aufgereihten Betrachtern. Das Buch in Walsers Hand vor der Bücherwand des Herausgeberbüros, und der Gobelin hinter dem missgelaunten Bundeskanzler Helmut Kohl, der gezwungen zum Staatsbesuch Honeckers 1987 applaudiert, während in seinem Hintergrund das jüdische Volk applaudiert, als Moses Wasser aus dem Felsen schlägt. Ein zufälliger Kommentar des Bildes im Bild, den man finden muss. „Du hast das schönste Bild“, hätten damals, ausnahmsweise, die Kollegen gesagt.
„Heute gibt es starke, gute Fotografinnen“
Die sind, wie auch die Abgebildeten auf den meisten der politischen Bilder jener Zeit, mit wenigen Ausnahmen Männer gewesen. Fotografie sei, als sie Ende der Sechzigerjahre mit den Studentendemonstrationen in Frankfurt als Fotografin anfing, eine „Männerwelt“ gewesen – wie die Politik auch. „Heute gibt es starke, gute Fotografinnen“, sagt Klemm. Damals waren um sie herum Männer, oft ältere, die durchaus versuchten, sie abzulenken, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Aber man brauche alle Aufmerksamkeit während der Foto-Termine, vor allem am Anfang und am Ende, wo die besten Bilder gelingen könnten, jene, die kein anderer macht.
Oft hat sich Klemm andere Plätze als die anderen gesucht, ist herumgestreift. Faustregel: „Da, wo man nicht rein darf, muss man versuchen, reinzukommen.“ Zum Mittagessen im Kanzlerbungalow zu Leonid Breschnew und Willy Brandt etwa aus Anlass der deutsch-sowjetischen Besuchstage im Mai 1973. Einen Zutritt, eine sogenannte Poolkarte, hatte sie für ein Treffen des Politbüros mit Außenminister Walter Scheel. Die Karte hatte zufällig dieselbe Farbe wie diejenige für das begehrte Mittagessen im Kanzlerbungalow. Klemm mogelte sich durch. Der Lohn: Das Foto von Breschnew und Brandt im Gespräch prägt bis heute das Bild der damaligen Verhandlungen – und am Ende posierten die beiden noch einmal extra für Klemm.
Sie sei froh, dass sie ihren Beruf nicht mehr unter den heutigen Bedingungen ausüben müsse, sagt Klemm. Nicht nur, weil es heute auch in den journalistischen Medien „viel zu viele Bilder“ gebe. „Die Handyfotografie hat unseren Beruf vernichtet.“ Klemm berichtet von der stetig sinkenden Wertschätzung für einen Beruf, der, wie ihre Erinnerungen zeigen, große Kenntnisse verlangt. Immer unter Zeitdruck und zugleich, das Los der professionellen Fotografen, zum Warten verdammt. Auf Politiker, die sich um Stunden verspäten, auf den einen Moment, in dem Licht, Stimmung, Szene passen, immer in gespannter Konzentration. Begleitet von dem „Druck im Magen, dass vielleicht nichts herauskommt“. Die bange Frage „Ist was drauf?“ an die Fotolaborantinnen kennen Heutige nicht mehr: Digitalkameras zeigen, was zu sehen ist. Der unentwickelte Film birgt sein Geheimnis, enthüllt es erst im Negativ und in den kleinteiligen Kontaktbögen, bis in der Dunkelkammer jene Tiefe und Leuchtkraft in allen Schattierungen von Schwarz und Weiß entsteht, für die Klemms Fotografien gerühmt werden. „Das ist das Handwerk“, sagt Barbara Klemm. Bis heute arbeitet sie so.
