Für seinen Wahlkampf in Belgorod hat Ilja Kostjukow nicht viele Mittel. Um Werbematerialien drucken lassen zu können, mussten der Kandidat der Partei Jabloko und seine Mitstreiter erst Spenden sammeln. Nicht viele, eine in Euro nur dreistellige Summe. Aber überall lauern rechtliche Fallstricke, gerade werden die Vorlagen verändert. Dabei soll die Wahl zur Duma, dem Unterhaus im 550 Kilometer entfernten Moskau, schon in drei Wochen stattfinden.
So macht Kostjukow einstweilen Wahlkampf Marke Eigenbau. Stellte sich jüngst zum Beispiel mit einem Plakat, das er selbst gezeichnet hatte, vor das Denkmal eines Kosakenführers ins Zentrum seiner Heimatstadt. „Für Frieden und Freiheit!“, schrieb er mit grünem Filzstift darauf, „für Jabloko!“ Und weil das Wort „Apfel“ bedeutet, noch das rot-grüne Symbol dazu.
Es geht darum, sichtbar zu werden. Um in den Regionalableger des Staatsfernsehens eingeladen zu werden, müsste Kostjukow erst einen Antrag stellen. Dazu sind Kandidaten berechtigt, auch oppositionelle wie der junge Aktivist, der gerade erst 23 Jahre alt geworden ist. „Aber niemanden interessiert das Belgoroder Fernsehen“, sagt Kostjukow. Von einem solchen Auftritt könne man bestenfalls Ausschnitte für die sozialen Medien verwenden.
Trotzdem spürt Kostjukow, wie seine Botschaft verfängt. „Alles ist absurd einfach“, berichtet er der F.A.S. im Videotelefonat aus Jablokos Räumlichkeiten nahe dem Belgoroder Bahnhof, Adresse: Volksboulevard 70, Büro 620. „Wir gehen zu jemandem auf der Straße und fragen, was er sich von einem Kandidaten für die Duma wünschen würde. Er denkt nach und sagt dann vielleicht, dass es nicht genug Sportplätze gebe. Dann leite ich zum wichtigsten Ziel über und frage: Was ist jetzt das Hauptproblem für uns Belgoroder? Der Krieg, ist die Antwort. Dann sage ich, dass ich gegen den Krieg bin. Dass ich für eine Waffenruhe eintrete, für Frieden, Freiheit, ein Leben ohne Angst vor politischen Repressionen. Bitte, hier ist meine Visitenkarte, machen Sie mit bei unserer Kampagne. So ist es immer, zu wem man auch geht: Alle nennen als Hauptproblem den Krieg. Denn diese Raketen, diese Drohnen, sie fallen uns jeden Tag auf den Kopf. Sie zerstören die Stadt, fügen Menschen Schmerzen zu, und nicht nur auf unserer Seite, sondern auch aufseiten Charkows. Alle leiden darunter. Und wofür?“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Charkow, auf Ukrainisch Charkiw, war lange gleichsam die Schwesterstadt Belgorods. Die zweitgrößte Stadt des Nachbarlandes liegt nur 80 Straßenkilometer entfernt. Die Fahrt war kurz, die Bindung eng. Kostjukows Eltern hätten dort früher selbst günstig Haushaltschemikalien gekauft und in Russland weiterverkauft, erzählte der Aktivist der F.A.Z. im November 2022 in Belgorod. Der damals 19 Jahre alte Jurastudent hatte da schon begonnen, Leuten, die zum Beispiel wegen „Diskreditierung“ der Streitkräfte politisch verfolgt wurden, zu helfen.
Immer mehr Angriffe auf die Frontstadt
Zugleich engagierte er sich in seiner Heimatstadt, vor allem für den Erhalt des Netzes von Oberleitungsbussen. „Diese Kampagne war so laut und so unbequem für die Mächtigen, dass sie beschlossen, mich einzuschüchtern“, erinnert sich Kostjukow. Er flog von der Universität und musste sein Studium an einer Moskauer Hochschule fortsetzen, blieb aber Belgorod treu.
Belgorod ist längst Frontstadt, diente schon 2022 als Aufmarschgebiet für die Invasion. Beim Besuch im November 2022 etwa war der Bahnhof voller Soldaten. Kurz zuvor, im September jenes Jahres, hatten die Invasoren die grenznahen Gebiete räumen müssen, die sie seit dem Frühjahr besetzt hatten. Auch in Belgorod hatte es schon erste Todesfälle bei Angriffen mit Drohnen und Raketen gegeben; noch näher an der Grenze knallte es ständig, wie in der Stadt Schebekino. Seither sind die Invasoren wieder einige Kilometer ins Charkiwer Gebiet vorgerückt, zerstörten dabei 2024 die Stadt Wowtschansk.
Herrscher Wladimir Putin will eine „Sicherheitszone“ entlang der Grenze schaffen. Mehr Sicherheit für die Belgoroder hat das aber nicht gebracht, die ukrainischen Angriffe sind immer mehr, immer intensiver geworden. Ein Regionalportal führt eine Liste der Zivilisten, die in dem Gebiet seit dem Beginn der „speziellen Militäroperation“, dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, „durch Attacken der ukrainischen Streitkräfte“ getötet worden sind. Demnach sind es schon mehr als 630. Immer wieder gehen auch russische Gleitbomben, die die Ukraine treffen sollten, in Belgorod und anderen Orten der Gegend nieder. Von „nicht planmäßigen Abgängen“ spricht das Militär. Oder schweigt ganz.
Seit die Ukrainer im August 2024 in Belgorods Nachbargebiet Kursk eingefallen sind, wo sie sich monatelang hielten, gelten in den beiden Regionen sowie im Brjansker Gebiet die Regeln einer „Antiterroroperation“. Sie schränken unter anderem die Möglichkeit ein, von dort zu berichten. So wird der Austausch über den in Russland blockierten, aber über VPN-Umweg weiterhin viel benutzten Messenger Telegram noch wichtiger.
„Die Leute beginnen, eins und eins zusammenzuzählen“
Natürlich habe sich Kriegsmüdigkeit ausgebreitet, berichtet Ilja Kostjukow auf diesem Wege. „Belgorod lebt diese ganzen fünf Jahre unter Kriegsbedingungen.“ Wohl jeder kenne jemanden, der gelitten habe. Kostjukows eigene Wohnung im Süden von Belgorod liegt in der Einflugschneise der Drohnen, die vor allem nachts kommen, „ich höre sie laut und deutlich“. Zweimal schon seien seine Fenster von Splittern zerschlagen worden. Die Orte gleich an der Grenze seien eine „verbrannte Zone“, die Leute sähen die steigenden Preise, und dass alles schlechter werde. Ihr Erkenntnisprozess dauere lang, sagt Kostjukow, „aber letztlich wird eine Grenze überschritten, und die Leute beginnen, eins und eins zusammenzuzählen“: dass auf den eigenen Beschuss von Städten wie Charkiw der Gegenbeschuss folge. Dass die Ukrainer nicht, wie die Propaganda glauben macht, einfach von sich aus „Terrorangriffe“ verübten.
Kostjukow stieß schon als Teenager zu Jabloko, 2021. Dass die liberale Partei noch einmal für viele Russen zur Hoffnungsträgerin werden würde, war da nicht absehbar. 1999, noch vor Kostjukows Geburt und Putins erster Präsidentschaft, war sie letztmals in die Duma eingezogen. Einer ihrer Gründer, Grigorij Jawlinskij, trat 2000 und 2018 erfolglos gegen Putin an, 2012 wurde er nicht zugelassen. Erfolgreich diskreditierte der Kreml liberale Ideen als schwächlich, unpatriotisch, westlich.
Aber im Krieg geht das Regime immer härter gegen alle Kritiker vor, sperrt sie ein, treibt sie außer Landes. Wenig läuft nach Plan, periphere Akteure können auf einmal Kristallisationsfiguren werden. Wie vor den Präsidentenscheinwahlen 2024. Da konzentrierten sich die Hoffnungen russischer Kriegsgegner auf Boris Nadjeschdin, einen bedächtigen Politveteranen aus dem Moskauer Umland, der mit einer Friedensbotschaft gegen Putin antreten wollte. Zigtausende unterschrieben damals für ihn, in Belgorod sammelte Kostjukow Unterschriften. Alsbald erklärte Putins Wahlkommission viele davon für fehlerhaft und ließ Nadjeschdins Kandidatur nicht zu.
Eine Auszeit nach Nawalnyjs Ermordung
Zugleich wurde aber Jabloko zur Duma-Wahl zugelassen, zur Überraschung vieler. Die Losung der Partei, „Für Frieden und Freiheit!“, sprach die wachsende Zahl der kriegsmüden Russen an. Wieder korrigierte sich das Regime selbst und schloss mit Verweis auf angebliche Verstöße die sogenannte föderale Liste der Partei von der Wahl aus. Über solche Listen wird die Hälfte der 450 Duma-Mandate vergeben, die übrigen 225 gehen an Direktkandidaten, die, jedenfalls in der fälschungsfernen Theorie, die Mehrheit in ihren jeweiligen Wahlkreisen erringen. Hier hat Jabloko weiterhin 126 Kandidaten. Bis vor Kurzem war es einer mehr, doch ein Gericht hat Jablokos Vertreter für einen Wahlkreis im Moskauer Umland ausgeschlossen. Weitere könnten folgen. Noch aber kann, will und soll im Wahlkreis Nummer 79, in Belgorod, Ilja Kostjukow antreten.
Nach seinen Worten war die Kandidatur eine „recht erzwungene Entscheidung“. Er habe nicht vorgehabt anzutreten, die Partei habe ihn „gebeten“. Bis März jobbte der junge Mann am Wochenende in einer Pizzeria. Als ihn dort eines Morgens ein Betrunkener beschimpfte, kündigte er, widmete sich seither ganz seiner Rechtsschutzarbeit. Aufgrund seines Engagements ist er in der Stadt bekannt. Den Ausschlag für Jabloko dürfte aber vor allem gegeben haben, dass Kostjukow mutig ist. Schon 2022 gründete er ein „Antikriegskomitee“, nicht anonym, sondern in vollem Namen, „damit die Leute uns vertrauen“, wie er damals erläuterte.

Dabei wirkt Kostjukow nicht wie ein Draufgänger. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wirkt verbindlich, sensibel, wie jemand, der alle Eventualitäten bedenkt. Auch die schlimmsten. Eigentlich hatte er eine Auszeit von der Politik genommen, sich zurückgezogen, nachdem Alexej Nawalnyj, Putins wichtigster innenpolitischer Gegner, im Februar 2024 plötzlich in Haft gestorben, wie man heute weiß: ermordet worden war.
Auch wenn jetzt die Rede auf Nawalnyj kommt, der ihn für die Politik motiviert habe, wirkt Kostjukow bewegt. Die Streitigkeiten zwischen „dem „unumstrittenen Anführer der Opposition“ und Jabloko, vor allem Jawlinskij, schildert Kostjukow als Moskauer Angelegenheit: „Uns hier in Belgorod betrifft das kaum, wir haben unsere eigene Meinung.“ Bis zuletzt habe es die Hoffnung gegeben, Nawalnyj aus dem Straflager herauszubekommen. „Er war die Hoffnung auf die Zukunft“, sagt Kostjukow, „mit seinem Tod ist diese Hoffnung gestorben.“
Aber jetzt, sagt er, sei in ihm „die Flamme, die sich 2021 entzündete, wieder entbrannt“. Als die Nachricht vom Ausschluss der föderalen Liste von Jabloko kam, habe er „Apathie und Trauer“ gefühlt. Doch habe man im Belgoroder Stab rasch beschlossen weiterzumachen. Früher bezeichnete sich Kostjukow selbst als „Marginaler“, sagte etwa im November 2022: „Ich würde gern glauben, dass die Mehrheit der Leute hier schweigt oder gezwungen wird. Aber die harte Realität ist: Die Kriegsbefürworter sind in der Mehrheit.“
„Natürlich sind die Risiken für mich enorm“
Heute aber sieht er sich als „Anführer der Mehrheit, die den Krieg beenden will. Ich bin ihre Stimme, ihre Möglichkeit, ihre Meinung auszudrücken.“ Die Zahl der Kriegsgegner sieht er in Belgorod mittlerweile bei „wahrscheinlich 90 Prozent“ und sagt über die Machtpartei: „Wenn diese Wahlen ehrlich wären, würden wir auf den ersten Platz kommen und Einiges Russland zum Teufel schicken.“ Er ist zwar überzeugt davon, dass die Ergebniszahlen für die Duma-Wahl schon „oben“ festgelegt worden seien. Dennoch will der Jabloko-Mann in der verbleibenden, knappen Zeit so vielen Belgorodern wie möglich zeigen, dass sie mit einer Stimme für ihn als Direktkandidaten Nein zur Fortsetzung des Krieges sagen können.
Ilja Kostjukow rechnet mit „kolossalem Druck“, mit sogenannten Provokateuren auf Veranstaltungen, die Jabloko und ihn persönlich in Verruf bringen sollten. Anwälte und politikerfahrene Belgoroder warnten ihn davor, dass „alle Ressourcen darauf geworfen werden, dich davon abzuhalten, diese Kampagne zu führen“, sagt Kostjukow. „Aber ich werde nicht aufhören, solange ich atme.“
Während seiner Mahnwache mit dem handgemalten Schild, berichtet er, hätten ihm in insgesamt etwa zwei Stunden vor dem Denkmal rund 50 Leute zugenickt, zugelächelt, ihm die Hand geschüttelt; nur ein Mann sei ihm gegenüber offen „negativ gestimmt“ aufgetreten. Aber Polizisten umlagerten ihn, nahmen seinen Helfer fest. Dem hatte Kostjukow sein Smartphone gegeben, damit er ihn fotografiert. Der Kandidat musste auf der Wache erklären, dass es sich um sein Gerät handele, erst dann wurde der Assistent freigelassen. Die üblichen Schikanen, bisher.
Dabei sieht Kostjukow die Zukunft düster. Wie jenseits der Grenze in ukrainischen Städten, die von Russland attackiert wurden, war in Belgorod schon der vergangene Winter hart: Immer wieder schalteten ukrainische Angriffe die Strom- und Warmwasserversorgung aus. „Der kommende Winter wird viel schlimmer“, meint Kostjukow. Er warnt davor, dass nach der ersten Welle im Herbst 2022 eine weitere Welle der Mobilmachung kommen werde. Der Rechtsschützer schildert, wie es schon jetzt immer schwieriger werde, Wehrdienstleistende davor zu bewahren, in Einheiten und Kasernen zu kommen, in denen sie unter Druck gesetzt würden, sich als Berufssoldaten zu verpflichten und dann in die Ukraine geschickt zu werden. „Leute, ihr müsst das Land verlassen“, sage er allen: „Ich verstehe, dass das schwer ist, aber es geht um euer Leben, eure Sicherheit. Ihr lebt in Belgorod, im Winter werdet ihr keinen Strom und keine Heizung haben, und außerdem wird euch das Wehrersatzamt jagen, um euch in den Krieg zu zerren.“
Aufbäumen vor dem Abgrund
2022 rechnete Kostjukow selbst ständig damit, zum Wehrdienst einberufen zu werden; mittlerweile glaubt er, dass ihn das Militär entweder vergessen habe oder wegen seiner öffentlichen Rolle nicht wolle. Derzeit schützt ihn überdies der Kandidatenstatus vor einer Einberufung. Das kann sich aber schnell ändern. Spätestens nach der Wahl würden die Machthaber mit ihm „abrechnen“ wollen, glaubt Kostjukow. Er denkt deshalb darüber nach, selbst das Land zu verlassen. Noch aber fühlt sich der Kandidat ermutigt von dem Zuspruch und Dank, den er erfährt. In persönlichen Mitteilungen, aber auch auf der Straße. Das rührt und motiviert ihn weiterzumachen. „Dann haben wir haben wenigstens etwas getan, bevor wir vollständig in den Abgrund stürzen.“
