
Das Ehrlichste im deutschen Fernsehen ist vermutlich dieser Name: Klaus Borowski. Er gehört einem Kommissar, der im Kieler „Tatort“ ermittelt, ebenso wie dem Schauspieler, der der Figur in über 20 Jahren Körper, Stimme und Bauchgefühl gab. Das ist seit 2003 der Schauspieler Axel Milberg.
Man fragt sich die alte Frage: Ist so eine Figur, die einer wie Milberg über 44 Folgen gespielt und entwickelt hat, Fluch oder Segen für einen Schauspieler? Eine dauerhafte Rolle im „Tatort“ ist in Sachen Broterwerb natürlich eine feine Sache. Gleichzeitig überschattet sie, wenn der Schauspieler selbst oder andere auf dessen Arbeit blicken, doch vieles, was zum Gesamtwerk gehörte.
Schauspielunterricht an der Otto-Falckenberg-Schule in München
Der zielstrebige Axel Milberg, ein „Natural Born Kieler“ (SZ), der 1956 in der nördlichsten Landeshauptstadt in eine Akademiker-Familie geboren wird, früh in der Kieler Gelehrtenschule Theater spielt und später an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspiel studiert, hat mehr Rollen im Repertoire als diesen mürrischen Norddeutschen, der in vielen seiner Fälle wirkte wie bestellt und nicht abgeholt, daraus aber stets eine Menge machte.
Wenn auch oft in Nebenrollen trat Milberg in vielen großen Filmen auf. Er spielte in Dieter Wedels „Der Schattenmann“ (1995), Margarethe von Trottas „Heller Wahn“ (1982) und „Jahrestage“ (2000), in Helmut Dietls „Rossini“ (1996) und Sönke Wortmanns „Der Campus“ (1997). Er spielte auch an der Seite von Bruno Ganz als Partner der Walser-Figur Tassilo S. Grübel in „Tassilo – Ein Fall für sich“.
Abseits von Kiel hat sich Milberg durch seine Rolle als Veras (Iris Berben) Lebensgefährte Darius in Matti Geschonnecks Kammerspiel „Liebesjahre“ (2011) oder als Generaloberst Friedrich Fromm in Jo Baiers „Stauffenberg“ (2004) ins Langzeitgedächtnis des Fernsehpublikums gespielt. Gesehen haben sollte man ihn auch als Regisseur Veit Harlan in Horst Königsteins Doku-Drama „Jud Süß – Ein Film als Verbrechen?“ (2001).
Nicht genuin friesisch, aber herb
Und dennoch: Die größte Halbwertszeit in Sachen Publikumserinnerung wird Milberg – wenn man die versprengten und als ungelenke PR-Unfälle zu verbuchenden Charity-Youtube-Clips (Stichwort: „Champagne-Preis für Lebensfreude“) ausblendet – als Klaus Borowski erreichen. Auch dafür hat man ihn in Kiel bei der Verleihung des Verdienstordens des Landes Schleswig-Holstein zum Ehrenkommissar ernannt. Einen Erfolg, den Milberg auch dem Drehbuch-Autor Sascha Arango verdankt, der zehn Borowski-„Tatorte“ schrieb und wohl ebenso von der Figur verfolgt wird wie Milberg selbst.
Schnoddrig, spröde, grummelig: das sind Charaktereigenschaften, die man Milbergs Borowski, aber auch anderen von ihm dargestellten Figuren zuschreibt. Dahinter verbirgt sich die Größe eines Schauspielers, der in München wohnt, aus Schleswig-Holstein kommt, aber häufig spielt, als befände er sich in einem entgleisten Werbespot für Jever-Bier (anderes Bundesland): also nicht genuin friesisch, aber herb.
Und zwar nicht aus Weltentrotz, sondern als jemand, der etwas von der universalen Überforderung durch die Welt verstanden hat. Einer, der in seinen besten Momenten nicht viel zu sagen braucht, obwohl er keiner ist, der stets die Zähne zusammenbeißt. Einer, der einen Menschen spielen kann, der sich dem Zweifel ergibt.
Man fragt sich: Hat Axel Milberg, der 2025 mit „Borowski und das Haupt der Medusa“ seinen Abschied vom „Tatort“ gab, am Schluss zu Borowski gefunden, oder fand die Figur am Ende zu Milberg? Dass die beiden lange miteinander gerungen haben, kann man in Milbergs Darstellung des Kommissars entdecken. Und wenn es dazu beiträgt, dass eine Rolle und eine Figur daran wachsen, dann darf man es wohl Kunst nennen. Heute wird Axel Milberg 70 Jahre alt.
