Frau North, 12.000 Exemplare Ihres neuen Buches „Vivere“ sind in einem Lager angekommen. Es sollte „eigentlich ein richtig guter Tag werden“, schrieben Sie auf Instagram. Jedoch fehlte die ISBN auf den Umschlägen. Wie passiert so etwas?
Ich habe mein Buch im Self-Publishing rausgebracht, also ohne Verlag. Eine Datei wird in Zusammenarbeit mit einer Cover-Designerin erstellt, die ich beauftrage. Dann sage ich ihr, was noch draufmuss. Es gibt mehrere Entwurfschleifen, in denen viele Änderungen eingearbeitet werden. Die finale Datei wird dann von mir an die Druckerei geschickt. Doch im letzten Durchgang habe ich bemerkt, dass die ISBN-Nummer fehlt. Zwar wurde sie von der Designerin eingefügt, aber ich habe am Ende den vorletzten Entwurf statt den aktuellen an die Druckerei übermittelt. Du schaust da fünf-, zehn-, zwanzigmal drüber. Irgendwann siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, besonders bei mehreren Dateien, die alle „Final 1, 2, 3“ heißen. Und dann kamen die Bücher im Lager an, während ich im Urlaub war. Erst da fiel der Fehler auf. Ich lag am Strand und dachte: Oh shit, die ISBN-Nummer fehlt!
Warum ist die ISBN, die dreizehnstellige Internationale Standardbuchnummer, so wichtig?
Sie ist relevant für den Buchhandel. Damit wird das Buch abgescannt und ins System aufgenommen. Das Problem ist, dass der Großteil der Bücher über den Handel bestellt worden ist. Dementsprechend war das ungünstig.

Was haben Sie dann gemacht?
Ich habe vom Strand aus Sticker bestellt, die man abziehen kann, und bin nach dem Urlaub direkt ins Lager, um die Bücher zu bekleben.
Sie haben die Sticker alle einzeln aufgeklebt?
Ja, das geht schneller, als man denkt. Für 800 Bücher braucht man rein rechnerisch zwei Stunden, wenn man durchzieht. Insgesamt habe ich für 8500 Bücher drei Tage gebraucht. Ich hatte allerdings auch meine dreijährige Tochter dabei, die ich nicht lange unbeaufsichtigt lassen konnte.
Was ist mit den restlichen 3500 Exemplaren, die noch nicht beklebt sind?
Der Rest liegt noch im Lager in München. Im Moment bestellt der Buchhandel Exemplare nach, weil mein Video viral gegangen ist. Für die Verkaufszahlen ist das sehr gut. Aber diese Exemplare werden jetzt vollends fremdbeklebt. Es ging nicht anders. Ich hätte sonst heute in den Zug steigen und drei Stunden fahren müssen. Den Rest übernimmt jetzt eine Logistikfirma, natürlich nicht umsonst.
Wie viel kostet der Aufkleber pro Buch?
Ich habe einen guten Preis und zahle zwischen zehn und 15 Cent. Es gibt aber auch Firmen, bei denen zahlt man 35 Cent pro Buch, was sehr teuer ist, denn die Gewinnspanne beim Buch ist ja nicht riesig.
Sie sagten, dass Video sei in den sozialen Medien viral gegangen. Wie viele haben sich das angeschaut? Und wie waren die Reaktionen?
Auf Tiktok waren es rund 460.000 Menschen und bei Instagram rund 500.000. Die Reaktionen waren krass. Es gab, wie immer, Trolle, die geglaubt haben, dass das eine Marketing-Strategie oder ein PR-Stunt gewesen sei. Im Großen und Ganzen kam das aber sehr gut an, weil es die menschliche Seite hinter der Branche zeigt. Viele haben sogar ihre Hilfe angeboten. Etwa 500 Menschen haben sich bereit erklärt, vorbeizukommen, um beim Kleben zu helfen. Ich habe damit den Glauben an die Menschheit zurückgewonnen. Das war rührend. Leider konnte ich die Hilfe nicht annehmen.
Ich bin Freiberuflerin und kann nicht einfach mal so jemanden für mich arbeiten lassen. Es gibt hierzulande Arbeitsschutzgesetze und den Gefahrenschutz. Stellen Sie sich vor, wie eine Palette runterkracht, jemand darunterliegt, und er ist nicht versichert. Klingt sehr deutsch, aber ist leider Realität.
Die weibliche Zielgruppe ist stark vertreten, etwa 80 bis 90 Prozent. Ich schreibe Bücher für Frauen beziehungsweise Romance-Bücher. Ausnahmsweise schnuppern auch Männer rein. Bei mir geht es um Fantasy, Romance und Mangas. Meine Follower sind zwischen 18 und 45 Jahre alt.
Also ist das Buch als Medium nicht tot?
Nein! Das Buch als Printmedium ist nicht tot. Ich glaube auch nicht denjenigen, die sagen, das war’s jetzt. Mittlerweile stürmen junge Menschen die Buchhandlungen! Das ist der schönste Wandel, den man sich für die Buchwelt wünschen kann: dass man junge Leser dazu bringt, wieder gebundene Bücher zu lesen. Back to the roots eben.

Worum geht es in Ihrem neuen Buch?
Es geht um eine Vampirjägerin, die sich dem Schutz der Menschen verschrieben hat und Soldatin ist. Sie sagt den Satz: „Ich lebe in einem System, das nicht für mich geschneidert wurde.“ Irgendwann bekommt sie einen neuen Partner an ihre Seite gestellt, und der ist ein Vampir. Zwar ist er einer der Guten, aber sie hat ein persönliches Problem mit Vampiren. Sie hat ihr Gedächtnis verloren und wurde drei Jahre zuvor schwer verletzt mit Bisswunden aufgefunden. Sie ist also kein großer Fan ihres Partners. Das Verhältnis ist explosiv.
Welche Botschaft wollen Sie den jungen Menschen vermitteln?
Ich habe mich auf sehr starke Protagonistinnen spezialisiert. Mein Genre war am Anfang sehr geprägt von den stillen, grauen Mäuschen, der Jungfrau, die in sich gekehrt ist, einer Büchermaus. Im Romance und Dark Romance waren Frauen die Schüchternen und Männer eher die Bad Boys. Warum muss die Frau immer süß sein, warum kann sie anderen nicht mal die Butter vom Brot nehmen? Ich möchte zeigen, dass Frauen auch stark sein können. Frauen brauchen niemanden, der sie rettet.
Was sollen Männer aus Ihren Büchern mitnehmen?
Dass sie die Gedankenwelt, das Potential hinter den Protagonisten erkennen. Viele wollen oder können nicht wahrhaben, dass dieser Retter in der Rüstung nicht mehr das ist, was Frauen lesen wollen. Viele Reaktionen sind: Das ist ja krank, das will ja keiner lesen! Doch Männer sollten sich die Zeit nehmen und sich stattdessen mit diesen Fragen beschäftigen: Wie entwickeln sich Frauen? In was für Machtstrukturen wachsen wir hinein? Wo wünschen wir uns Veränderung? Wenn Männer hin und wieder Bücher von Frauen aus unserem Genre lesen würden und dabei auf das achten, was zwischen den Zeilen steht, dann würde die Welt ein bisschen leichter für uns sein.
Woher kommt Ihre Liebe zu Manga, Anime und Fantasy?
Ich habe bis zur achten Klasse kein einziges Buch in meiner Freizeit gelesen. Bis zu dem Moment, als wir im Unterricht ein Buch vorstellen mussten. Die Klasse ist in die Bibliothek gefahren. Jeder durfte sich ein Buch aussuchen. Ich habe den Roman „Märchenmond“ (1982) des Autorenpaares Wolfgang und Heike Hohlbein gewählt. Das war ein dicker Brocken, den ich an einem Tag durchgelesen hatte.
Das klingt so, als wäre da Ihre Leidenschaft für Bücher geboren worden.
Mein Gedanke war: What the fuck, ich muss noch mehr lesen! Ich komme aus einer bescheidenen Familie mit geringem Einkommen. Ein ganzes Bücherregal hätten wir uns nicht kaufen können. Deshalb habe ich mir einen Büchereiausweis besorgt. Ich habe extrem viel gelesen und bin auf Mangas umgestiegen. Ich habe Mangas bis zum Gehtnichtmehr gelesen. Fantasy und Romance kamen erst später. Das größte Geschenk überhaupt war, als ich mir die Bücher irgendwann leisten konnte.
Zum Abschluss: Was haben Sie aus der Erfahrung gelernt?
Alles noch mal neu zu prüfen. Es wird immer etwas geben, das nicht glattläuft. Deshalb gilt: Cool bleiben! Es gibt nicht mehr viel, was mich jemals wieder aus der Ruhe bringen kann.
