„Ich finde es ganz nett, wenn man sich am Anfang ein bisschen vorstellt. Das hilft, sich gegenseitig zu verstehen.“ Martin Flügge setzt sich, um mit Manuela Roth zu sprechen. Er wuchs im Osten auf, später arbeitete er bei der BASF. Er ist verheiratet, Vater und Großvater. Die Aufrüstung in der Welt bereitet ihm Sorgen. Deutschland sollte sich daran nicht beteiligen, findet er. Nicht zum ersten Mal nimmt er an einem Debattenformat teil. Sie ist 62 Jahre alt, mit einer Frau aus den Niederlanden verheiratet und heute nach einer Ausbildung zur Krankenschwester und einem Geschichtsstudium Projektmanagerin bei einem Gabelstaplerhersteller. Ein neutrales Deutschland? Das möchte sie sich nicht vorstellen.
Flügge und Roth kennen sich nicht. Sie treffen beim Format „Deutschland spricht“ im Tower der F.A.Z. das erste Mal aufeinander. Im Vorfeld beantworteten sie acht Ja-Nein-Fragen zu kontroversen Themen der Gegenwart. Hat Deutschland zu viel Zuwanderung? „Ich habe Ja gesagt.“ Flügge betont, Deutschland müsse seine Probleme im Bereich Bildung stärker anpacken, es gebe zu viele Arbeitslose und Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss beenden – ein Problem, das durch Einwanderung nicht gelöst werde.

Roth stimmt ihm zu, sie habe die Frage aber mit Nein beantwortet. Das System müsse so verändert werden, dass es Menschen aufnehmen und auf deren Belange eingehen kann. Um Integration von Zugewanderten gelingen zu lassen, müsse eine Methode gefunden werden, Frauen besser zu integrieren. Es bringe nichts, wenn sie in Deutschland in einer Parallelgesellschaft lebten, in der sie von Bildung und Arbeit ferngehalten würden. Wie man ein solches Vorhaben umsetzen wolle, da habe die Politik keine Antwort. Es sei ja sogar für ihre Frau als EU-Bürgerin aus den Niederlanden nicht immer leicht, sich zurechtzufinden – und das, obwohl sie sehr gut Deutsch spreche.
„Ich war eine Friedenstaube“
Ein schwieriges Thema, befinden beide. Roth zückt deshalb die Liste mit den weiteren Fragen. Sollten Parteien grundsätzlich offen für alle Koalitionen sein? „Ja“, sagt Roth, mit der Einschränkung: „nicht mit dem Teil der AfD, der nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht“. Flügge wiederum sieht in einer AfD-Koalition im Landtag eine Chance, alle zu beteiligen. Man solle die AfD dann nach ihren Arbeitsergebnissen bewerten. Es helfe nicht, sich ständig auszumalen, wie schlimm alles mit der AfD werden würde, es könne gar nicht mehr schlimmer werden.
„Was ist schlimm?“, fragt Roth. Geld werde seiner Ansicht nach nicht an der richtigen Stelle ausgegeben, es fehle dafür an anderen Stellen. Flügge äußert Unmut über Rentenkürzungen bei einer gleichzeitigen Unterstützung der Ukraine. Geld für das Hochschulbauprogramm in Hessen werde gestreckt, damit in Kassel-Calden das Defence Hub Nordhessen gebaut werden könne. „Das ist doch schlimm!“ Es ist kurz still. „Ich werde ein bisschen emotional, es soll kein Angriff auf Sie sein“, fügt er hinzu.
Roth winkt ab, sie selbst sei durchaus entsetzt über die Wiederaufrüstung. In den Achtzigern sei sie dagegen auf die Straße gegangen. „Ich war eine Friedenstaube.“ Doch die Lage heute sei komplexer als damals. Auf die Bedrohung Russlands brauche es eine europäische Antwort. Die russische Regierung habe kein Recht, eine freie und unabhängige Ukraine anzugreifen. Es sei schrecklich, dass auf beiden Seiten bereits viele junge Menschen in den Tod geschickt wurden.
„Und deswegen darf man dort keine Waffen hinschicken“, entgegnet Flügge. Er empfindet die Lage nicht als komplex. Er spricht sich für Friedensansätze aus, die in Istanbul verhandelt worden waren. Waffenlieferungen an die Ukraine seien gefährlich für Deutschland. Wohnhaft in Wiesbaden, habe er Angst, dass Russland eines Tages das Operations- und Kommandozentrum des US-Militärs militärisch angreifen könnte.
Roth hat davor zu seinem Erstaunen keine Angst. „Die Russen machen das anders.“ Im Falle des Falles rechne sie eher mit Cyberangriffen, Szenarien, die schon gegenwärtig seien und auch von anderen Akteuren durchgeführt würden. Ansonsten sei sie eher Realistin. „Wenn es kommt, dann kommt es.“ Dass es die NATO gebe, lasse sie ruhiger schlafen. Mit der Politik Donald Trumps sei sie zwar nicht einverstanden, doch bevor sie sich anderen Mächten näher fühle, dann lieber dieser.
Den Faden nimmt Flügge sofort auf. „Ich will mich gar keinen anderen Mächten näher fühlen.“ Es ist genau dieser Punkt, der das Debattenpaar scheidet. So führt sie auch die Frage, ob die deutsche Wiedervereinigung gelungen ist, zur Frage nach Abhängigkeiten. Flügge bedauert gerade, dass Deutschland nach der Auflösung des Warschauer Pakts nicht neutral geworden war, da unterbricht ihn Roth: „Gott sei Dank.“ Die Schweiz werde immer gelobt für ihre Neutralität. Doch Position zu beziehen und Haltung gegenüber autoritären Systemen zu zeigen, habe etwas mit Verantwortung zu tun. „Neutralität ist überhaupt keine Alternative für Deutschland. Niemals.“ Flügge sieht das anders. Wer nicht neutral sei, sei mitverantwortlich für die Kriege in der Welt.
