Acht Zentimeter hoch, knapp zwölf im Durchmesser: Viel Raum nimmt die schlichte Teeschale nicht ein, leicht kann man sie übersehen zwischen den Vitrinen voller Silber, bestickter Textilien und bemalter Pergamentrollen. Doch im Museum bemisst sich die Bedeutung eines Gegenstands nur selten nach Größe oder materiellem Wert, sondern vielmehr nach dem Zusammenhang, in den man ihn stellt, und den Begriffen, mit denen man ihn bezeichnet.
Wie weit die Macht solcher Zuschreibungen reicht, zeigt nun im Hamburger MARKK ausgerechnet jene unscheinbare japanische Teeschale, die dort nicht in der Dauersammlung zu Ostasien steht, sondern in der gerade eröffneten Sonderausstellung über jüdisches Kulturgut. Mit der Ausstellung setzt sich das Haus zum ersten Mal systematisch mit den als „jüdisch“ klassifizierten Objekten seiner Bestände und der Frage auseinander, was sich über ihre Herkunft und ihre wechselnden Bedeutungen in verschiedenen Kontexten rekonstruieren lässt. Ausgangspunkt ist die Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde, die Zeugnisse jüdischer Alltagskultur und religiöser Tradition zusammentrug und ihre Bestände 1913 dem Museum als Leihgabe überließ.
Unter dem Druck der Nazis wurde die Sammlung 1935 abgebaut
Dort wurde sie mehr als zwei Jahrzehnte lang gezeigt, bis Direktor Franz Termer die Präsentation 1935 unter nationalsozialistischem Druck abbauen und ihre Exponate an die Gesellschaft zurückgeben ließ. Danach verliert sich die Spur der knapp 400 Objekte; geblieben sind lediglich einige Inventarkarten, die nun wie ein papierenes Gedächtnis der verschollenen Sammlung ausgestellt werden, sowie zehn in den Neunzigerjahren im Altonaer Museum identifizierte und an das MARKK überwiesene Gegenstände, bei denen bis heute ungeklärt ist, wie sie überhaupt nach Altona gelangten oder wem sie rechtmäßig gehören.
Dass das Museum die Provenienzforschung zu NS-Raubgut erst 2021 aufgenommen hat – nach eigener Auskunft 30 Jahre zu spät –, sei dahingestellt. Gemessen am Umfang der Aufgabe, bleibt die Präsentation der Ergebnisse erstaunlich schmal. Im Rundgang ist ihr kaum mehr als eine Ecke, im Katalog knapp fünf Seiten zugedacht. Dabei werden aktuell 252 Konvolute untersucht, die zwischen 1933 und 1952 in die Sammlung gelangten: Lediglich 26 davon gelten als unbedenklich, 202 werden weiterhin geprüft, 21 sind in unterschiedlichem Maß belastet.

Umso aufschlussreicher ist der einzig ausführlich erzählte Provenienzfall, der zu der unscheinbaren Teeschale vom Beginn zurückführt: Sie gehörte Anna und Sigfrid Berliner, die 1938 in die USA fliehen mussten und ihr Umzugsgut im Hamburger Hafen zurückließen, wo es von der Gestapo versteigert wurde. Die damals vom Museum erworbene Schale wurde also nicht aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Gebrauchs, sondern allein durch die Verfolgung ihrer Besitzer zu einem „jüdischen“ Gegenstand. Gerade deshalb ist die Teeschale zugleich Fremdkörper und Schlüsselobjekt der Ausstellung, führt sie doch deren zentrale Frage vor Augen: Was macht einen Gegenstand jüdisch – seine Funktion, sein Schöpfer, sein Besitzer oder erst die Zuschreibung derjenigen, die ihn sammeln, rauben, ordnen und ausstellen?
Genau hier zeigt sich allerdings auch die Grenze jener fragenden Haltung, die die Ausstellung zum Programm erhebt. Wo Provenienzketten abreißen, ist Zurückhaltung geboten; wo die historischen Abläufe hingegen bekannt sind, wären bisweilen entschiedenere Aussagen möglich. Das gilt etwa für den Kunsthistoriker Carl Schellenberg, der für die Museen jene Silbergegenstände auswählte, die jüdische Bürger seit 1939 abgeben mussten, und nach 1945 damit betraut wurde, deren Eigentümer wieder ausfindig zu machen. Diese personelle Kontinuität wird ebenso dokumentiert wie die Tatsache, dass das MARKK, damals noch „Museum für Völkerkunde Hamburg“, 1948 angab, keine Bestände aus jüdischem Eigentum zu besitzen; das darin liegende institutionelle Versagen bleibt jedoch nahezu unausgesprochen.

Wie viel anschaulicher sich derselbe Zusammenhang erzählen lässt, zeigt der Projektraum „Wegmarken jüdischer Geschichte“ im Altonaer Museum, der in 14 Stationen durch 400 Jahre jüdischer Geschichte Hamburgs führt. Dort macht ein kleines Silberkännchen Carl Schellenbergs zweifelhafte Rolle konkret: Statt sich auf die Suche nach den rechtmäßigen Eigentümern zu machen, entnahm er das Stück den verwahrten Beständen und schenkte es der Frau des damaligen Museumsdirektors, die es später dem Haus überließ; wem es ursprünglich gehörte, ist bis heute unbekannt.
Der im Projektraum erprobte Ansatz soll von November an in der Ausstellung „Menschen & Orte. Hamburgs jüdische Geschichte“ weiter ausgeführt werden. Sie will jüdisches Leben als Teil der Stadtgeschichte sichtbar machen – vom Hafen und jüdischen Friedhof über Wohnhäuser und Werkstätten folgt sie den Spuren sephardischer und aschkenasischer Gemeinden, jüdischer Arbeiter, Händler und Künstler.
Jüdisches Leben erscheint so nicht als abgeschlossene Vorgeschichte der Schoa oder Leistungsschau weniger prominenter Persönlichkeiten, sondern als Geflecht religiöser und säkularer Lebensweisen, das bis in die Gegenwart reicht. Eine dritte Perspektive eröffnet vom 11. September an das Bucerius Kunst Forum mit der Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“, die den Anteil jüdischer Sammler am Durchbruch der modernen Kunst würdigt und rund hundert durch Enteignung verstreute Werke aus 15 einstigen Sammlungen wieder vereint.
Seit Jahrzehnten diskutiert Hamburg über ein Jüdisches Museum
Was ursprünglich nicht zwischen den Häusern abgesprochen war, verweist kaum zufällig auf die Dringlichkeit, mit der die Hansestadt aktuell über die museale Darstellung jüdischer Geschichte nachdenkt. Das seit Jahrzehnten diskutierte Jüdische Museum für Hamburg, sollte es denn kommen, wird für sich zu klären haben, ob es historische Sammlung, Ort jüdischer Gegenwart oder gesellschaftliches Forum sein will und wie es von der Schoa erzählt, ohne 400 Jahre jüdischer Geschichte auf Verfolgung und Vernichtung zu reduzieren. Hinzu kommt das strukturelle Problem, dass viele der Gegenstände, die ein solches Museum zeigen müsste, zerstört, geraubt oder verstreut wurden.
Die drei Ausstellungen machen jedoch deutlich, dass ein modernes Jüdisches Museum nicht von voll gestellten Vitrinen leben müsste, sondern von der Fähigkeit, anhand weniger Dinge vielschichtig zu erzählen und auch das Verlorene sichtbar zu machen. An Geschichten jedenfalls herrscht in Hamburg kein Mangel – manchmal genügt ja schon eine kleine Teeschale, um eine ganze Museumsgeschichte zu erzählen.
Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK. Museum am Rothenbaum, bis 27. Juni 2027. Der Katalog kostet 12 Euro.
Wegmarken jüdischer Geschichte. Ein Projektraum für Hamburg. Museum Altona, bis auf Weiteres. Kein Katalog.
