Alexandrine Maviel-Sonet, Sie verantworten bei der Luxusschmuckmarke Van Cleef & Arpels die Archive und zeigen zusammen mit dem Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) eine Ausstellung mit Stücken Ihrer beiden Sammlungen – „Glanzstücke“. Van Cleef & Arpels wurde 1906 von Alfred van Cleef in Paris gegründet. Wusste er von der zu der Zeit stilprägenden Produktionsgemeinschaft Wiener Werkstätte?
In unseren Archiven befassen wir uns vor allem mit den Entwürfen des Hauses. Die Familie hat damals wenig schriftlich über ihr Leben dokumentiert. Wir haben ein paar Bücher aus ihrer Sammlung aus dieser Zeit und können daraus schließen, was sie über die wichtigsten künstlerischen Bewegungen und Trends gewusst haben könnten. Aber wir haben keine Hinweise darauf, dass Alfred van Cleef in der Zeit Wien besuchte oder mit jemandem von der Wiener Werkstätte Kontakt hatte. Aber sowohl in Paris als auch in Wien kam zehn Jahre später ja Art déco auf, es muss also Verbindungen innerhalb Europas gegeben haben.
War die Wiener Werkstätte damit der Ausgangspunkt für diese Ausstellung?
Van Cleef & Arpels und die Wiener Werkstätte kommen aus der gleichen Zeit. Als wir uns zum ersten Mal für die Ausstellung mit dem MAK-Team zusammensetzten, dachten wir auch: Wir müssen doch Gemeinsamkeiten haben. Die Sammlung des MAK ist riesig, es sind mehr als 700.000 Stücke. Bei genauerer Sichtung ist uns dann bewusst geworden, dass der Dialog zwischen unseren Institutionen mehr umfassen könnte als die Zeit der Wiener Werkstätte, Elemente aus der Antike wie der Gegenwart.
In der Ausstellung zeigen Sie neben Schmuck auch einige Objekte, unter anderem eine Schiffsskulptur von 1906.
Das ist das älteste Stück unserer historischen Sammlung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren diese wertvollen Objekte wichtig, ganz im Sinne der Wiener Werkstätte ging es darum, dass Objekte das Alltagsleben verbessern konnten. Dazu gehörten wertvolle Zigarettenschachteln, Puderdosen, Lippenstifthalter. Das waren Accessoires aus Edelmetallen, die Kundinnen und Kunden ein Leben lang bei sich hatten.

Vergleichbar mit dem Kugelschreiber heute?
Das ist vielleicht eines der letzten wertvollen Objekte, mit dem manche noch alt werden. Damals hüteten die Leute eine ganze Reihe solcher Stücke. Die Maison ließ 1933 auch eine Minaudière patentieren, eine in Gold gefasste Box mit Utensilien wie Spiegel, Lippenstift, Puderdose, Zigarettenspitze, Feuerzeug, einer Uhr und einem Notizblock. Alles, was eine Frau zum Ausgehen brauchte, zum Abendessen, für die Oper und andere gesellschaftliche Ereignisse. Das war ein durchdachter Entwurf, alles passte genau an die richtige Stelle und entsprach damit dem grafischen, linearen Stil der Zeit.

Wie haben Sie Stücke für die Ausstellung ausgewählt?
Wir haben mehr als 3000 Stücke in unserer historischen Sammlung, zahlenmäßig nicht vergleichbar mit der Sammlung des MAK, aber das ergibt trotzdem einen schönen Überblick über die hohe Kunst der Schmuckfertigung eines ganzen Jahrhunderts. Wir haben uns für die Ausstellung dann auf verschiedene gemeinsame Themenwelten konzentriert: Flora und Fauna, Transformation und Transport zum Beispiel. Manchmal sind die Ähnlichkeiten verblüffend, die gleichen Farben, die gleichen Formen. Da ist zum Beispiel ein Set aus Saphirkette und passenden Ohrringen mit Diamanten aus Gelbgold in Form von Blättern, und genau diese Blätter finden sich auch als Muster auf einem Textil aus der Zeit der Wiener Werkstätte aus dem Jahr 1906.
Was haben Sie noch über Van Cleef & Arpels gelernt, das selbst Ihnen vorher nicht bewusst war?
Die Sammlung des MAK verfügt über eine große Auswahl an Tapeten und Textilien der Wiener Werkstätte. Die Muster wiederholen sich immer wieder auf den Stücken. Und unsere Maison arbeitet auch mit diesen wiederkehrenden Motiven. Da sind zum Beispiel tanzende Blumen, später kam die Zeit des Op-Art auf. Dieses rhythmische Design haben wir uns mit dem MAK näher angeschaut, und dabei ist uns aufgefallen, welch musikalischen Charakter diese Stücke haben. Daran denkt man ja gar nicht bei Schmuck, aber sie haben auch einen Rhythmus.
„Glanzstücke – Van Cleef & Arpels Haute Joaillerie x Meisterwerke der MAK Sammlung“ ist bis zum 27. September 2026 im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien zu sehen.
