Eshete Masresha darf bleiben. Noch im Sommer 2023 fürchtete der damals Vierundzwanzigjährige, dass er trotz einer abgeschlossenen Ausbildung und eines festen Arbeitsplatzes als abgelehnter Asylbewerber abgeschoben werden könnte. Nichts wollte er lieber, als in Rödermark bleiben und arbeiten. Kerstin Riegler wollte das genauso sehr wie er. Die Mitinhaberin des Metallbauunternehmens Ruhland Riegler sagte: „Wir brauchen Eshete, wir finden doch sonst keine Leute.“ Er sei wertvoll für das Unternehmen, in dessen Fluren die Bilder vieler bekannter Gebäude aus der Region hängen – Ruhland Riegler baut Zink-, Kupfer- und andere Metallkonstruktionen auf den Dächern von Frankfurter Wahrzeichen.
Wie wichtig der gelehrige Mitarbeiter für ihr Unternehmen ist, machte Riegler auch bei einem Besuch von Vertretern der hessischen Landesregierung deutlich. Schließlich hatte der Sohn eines Bauern, der in Äthiopien nur drei Jahre lang zur Schule gegangen war und 2015 nach Deutschland kam, sich mächtig angestrengt, um so weit zu kommen: Seine ersten Deutschkenntnisse brachte er sich über eine Handy-App bei und schaffte schließlich den Hauptschulabschluss. 2018 trat er seine Lehrstelle in Rieglers Betrieb an. „Er hat einen besseren Abschluss gemacht als mancher mit Deutsch als Muttersprache“, berichtet Riegler. Das Unternehmen unterstützte ihn mit Sprachkursen, half bei der Wohnungssuche und Behördengängen.
„Deutsche wollen nicht am Bau arbeiten“
Eine Investition mit ungewissem Erfolg. Doch schon kurz nach dem Besuch aus dem Ministerium erhielt Masresha seine Aufenthaltsgenehmigung und musste nicht mehr fürchten, abgeschoben zu werden. Dass Masresha so lange auf eine langfristige Bleibeperspektive warten musste, ärgert Riegler sehr. Wer wie ihr Mitarbeiter eine gute Ausbildung absolviert habe und im Unternehmen gebraucht werde, sollte auch bleiben dürfen, meint sie. Immerhin zahlte Masresha schon damals von seinem Gesellengehalt Steuern und Sozialabgaben. Und zudem, so ihre Erfahrung: „Deutsche wollen nicht am Bau arbeiten.“
Masresha wollte. „Er arbeitet nach wie vor bei uns und hat sich sehr positiv entwickelt“, berichtet Riegler. Inzwischen habe er eine Niederlassungserlaubnis erhalten und sich zu einem qualifizierten Facharbeiter entwickelt.

So wie Riegler setzen viele Arbeitgeber in Hessen auf Zuwanderer als Arbeitskräfte. Im vergangenen Jahr beschäftigten in Hessen rund 80.500 Betriebe ausländische Mitarbeiter – das entspricht fast der Hälfte, 49 Prozent, aller hessischen Unternehmen. Die Zahl der Beschäftigten mit ausländischer Staatsbürgerschaft liegt bei 570.000. Hessen belegt damit zusammen mit Baden-Württemberg Platz zwei im bundesweiten Ranking, hinter Spitzenreiter Berlin. 2015 waren es erst 37 Prozent der Betriebe, in absoluten Zahlen 60.700 Unternehmen, die auf internationale Arbeitskräfte setzten.
„Das Wachstum ist keine kurzfristige Schwankung, sondern eine stabile Entwicklung über alle Jahre hinweg“, sagt Frank Martin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Der hessische Arbeitsmarkt ist angesichts der demographischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen.“
Die Zahlen, die Martins Behörde zusammengestellt hat, machen deutlich, was das bedeutet: Seit 2015 ist die Zahl der Beschäftigten in Hessen um rund 345.000 gestiegen. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer um mehr als 43 Prozent – es sind rund 247.000 mehr als vor zehn Jahren. Daraus sei zu schließen, dass 72 Prozent des gesamten hessischen Beschäftigungsaufbaus des letzten Jahrzehnts von ausländischen Arbeitskräften getragen würden, heißt es von der Regionaldirektion.
Die Beschäftigungsquote für Deutsche und Ausländer hat sich erhöht
Die Beschäftigungsquote der Deutschen im erwerbsfähigen Alter stieg im selben Zeitraum von 58 auf fast 64 Prozent. Die Beschäftigungsquote der Ausländer erhöhte sich ebenfalls, von 46 auf mehr als 59 Prozent. Beide Gruppen profitieren. Von den rund 300.000 Arbeitnehmern, die in Hessen in den nächsten sieben Jahren das Rentenalter erreichen werden, sind 90 Prozent Deutsche und nur zehn Prozent Ausländer.
Ein Teil der frei werdenden Stellen kann nur durch weitere Zuwanderung von Fachkräften besetzt werden, darin sind sich Arbeitsmarktexperten einig. Die Tatsache, dass aus der Gruppe derjenigen, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind, laut Bundesagentur für Arbeit inzwischen 70 Prozent in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung sind, zeigt, dass sich Anstrengungen für die Integration auszahlen.
An Projekten für die Qualifizierung mangelt es nicht. „Wenn es ‚Wirtschaft integriert‘ nicht schon gäbe, müsste man es heute erfinden“, sagte Andreas Haberl vom Hessischen Handwerkstag kürzlich anlässlich der Zehnjahresfeier dieses Projekts. Er weiß, wovon er spricht: Im Frühjahr meldeten die Handwerkskammern, dass jeder zweite Betrieb keine oder nicht genügend Lehrlinge finde. Auch jetzt, kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahrs, sind noch viele offene Lehrstellen registriert.
Handwerk setzt auf Flüchtlinge
Flüchtlinge rücken deshalb zunehmend in den Fokus des Handwerks. Von den derzeit mehr als 24.000 Lehrlingen in hessischen Handwerksbetrieben stammen knapp 3000 aus den acht vorrangigen Fluchtländern: Afghanistan, Eritrea, dem Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Von den Hessischen Handwerkskammern heißt es: „Allein in den Jahren 2015 bis 2022 wurden in Hessen insgesamt mehr als 6500 Ausbildungsverträge mit Menschen abgeschlossen, die aus den Hauptfluchtländern stammen.“
Nicht immer läuft der Einstieg in die Ausbildung reibungslos. Da hilft das Programm „Wirtschaft integriert“ seit zehn Jahren. Die Bilanz, die Regionalleiter Reiner Sippel beim Jubiläum präsentierte, zeigt: Beteiligt haben sich mehr als 3500 Betriebe an 28 Standorten in Hessen, in denen rund 13.000 Menschen mit Sprachförderbedarf an eine Ausbildung herangeführt wurden. Bei durchgehender Begleitung bis zum Ausbildungsende liegt die Erfolgsquote bei 83 Prozent – und 87 Prozent bleiben danach in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung.
Das Programm richtet sich an alle, die noch nicht gut genug Deutsch sprechen, um eine Ausbildung ohne Begleitung zu absolvieren – nicht nur an Asylbewerber. Seine Stärke ist die flexible Förderkette: von der ersten Berufsorientierung über ein betriebliches Langzeitpraktikum bis zur begleiteten Ausbildung mit Abschluss. In jeder Phase erhalten die Teilnehmenden individuelle Sprach- und Lernförderung sowie sozialpädagogische Begleitung.
Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) brachte die politische Dimension des Programms auf den Punkt: „Wer Menschen, die unsere Sprache noch nicht perfekt sprechen, den Weg in eine reguläre Ausbildung eröffnet, stärkt nicht nur deren Integration in unsere Gesellschaft, Hessen gewinnt damit auch wertvolle Fachkräfte.“
Bürokratie als Hemmnis
Auch wer eine Erfolgsgeschichte vorweisen kann, weiß allerdings oft von erheblichen bürokratischen Hindernissen zu berichten. Kerstin Riegler kämpfte lange um eine verlässliche Bleibeperspektive für Eshete Masresha. „Da reden wir von der Bekämpfung von Fachkräftemangel und schicken gut ausgebildete Leute dann weg“, kritisiert sie. Erst in der Gesellenzeit, betont Riegler, könnten die Betriebe überhaupt von ihrer Investition profitieren. Ohne längerfristige Perspektive lohne sich die Ausbildung von Flüchtlingen schlicht nicht – weil sie mit viel Bürokratie und Mehraufwand verbunden sei. „Das darf doch nicht alles umsonst sein.“
Dagmar Spill vom Königsteiner Freundeskreis Asyl, die drei Flüchtlinge auf ihrem Weg in den Beruf begleitet hat, kennt das. Die bürokratischen Hürden seien nach wie vor enorm: Zeugnisübersetzungen, Anerkennungsverfahren, Antragstellungen. „Der Weg in die Jobs ist oft zu schwer und ohne Begleitung kaum zu schaffen. Da müssten wir viel schneller und effizienter sein.“
Frank Martin sieht da strukturelle Verbesserungen. Das System sei zu Beginn noch auf Einzelfälle ausgelegt gewesen, nicht auf die Einwanderung von Zehntausenden in kurzer Zeit. Insbesondere in ländlichen Regionen gebe es allerdings bis heute nicht genug Sprachkurse. Angekündigte Kürzungen bereiten ihm Sorgen. Mehr noch aber die aktuelle konjunkturelle Lage, die den Anstieg der Arbeitslosenzahlen befördert und die Vermittlung zusätzlich erschwert.
Kirsten Schoder-Steinmüller, Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertages, sieht vor allem in Sachen Bürokratie Handlungsbedarf: „Vielfach stehen enorme bürokratische Hürden einer Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten im Wege. Hessens Wirtschaft ist gerne bereit, noch mehr für die Integration Geflüchteter zu tun.“ Doch die Rahmenbedingungen müssten stimmen.
Auch Khaled Al Mohammed-Al Salem hat viele Hindernisse überwunden, um dahin zu kommen, wo er heute ist. Der Dreißigjährige steht in seiner eigenen Autowerkstatt auf dem Gelände einer Tankstelle in Hofheim und strahlt – Anfang des Monats hat er auch geheiratet. 2015 war er zu Fuß geflohen – 16 Tage, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn, Österreich, München. Der Syrer hatte sein Studium abgebrochen, um der Zwangsrekrutierung im Bürgerkrieg zu entgehen. In Königstein half ihm der Freundeskreis Asyl, und so kam er in das Programm „Wirtschaft integriert“.
Er machte bei BMW eine Ausbildung, den Meistertitel – und eröffnete schließlich seine Werkstatt. Kürzlich hat er zum ersten Mal seit seiner Flucht seine Familie in Syrien besucht. Als er davon erzählt, stockt er kurz. „Es ist so viel zerstört, aber die Freude über die Freiheit ist bei allen riesengroß.“ Auf längere Sicht will er dort beim Wiederaufbau mithelfen. Aber nicht jetzt. Im Juli kommt sein erster Praktikant. Wenn alles gut geht, soll der bei ihm eine Ausbildung machen. „Ich schulde Deutschland etwas“, sagt er. Das Land habe ihn gerettet, und er wolle etwas zurückgeben.
