Brandon McNulty schlug vor dem Zielstrich ungläubig beide Hände auf den Helm, dann hüllte sich der Sensations-Weltmeister in eine US-Flagge und ließ seiner Freude in dem Armen seiner Ehefrau Summer freien Lauf. Völlig überraschend hat der 28-Jährige die Superstars im WM-Straßenrennen düpiert.
McNulty verwies zum WM-Abschluss in Kanada nach 273,4 Kilometern den Australier Michael Matthews und den früheren Weltmeister Mathieu van der Poel auf die Plätze und sicherte sich seinen ersten WM-Titel. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagte McNulty mit Tränen in den Augen: „Es ist wie ein Wunder.“
McNulty ist der erste US-Weltmeister seit Lance Armstrong im Jahr 1993. Der Slowene Pogacar, Weltmeister von 2024 und 2025, konnte seinen Titel aufgrund einer bei der Vuelta erlittenen Sturzverletzung nicht verteidigen. Zu den Geschlagenen gehörte der hoch gehandelte Belgier Remco Evenepoel, der eine Woche nach seinem vierten WM-Triumph im Einzelzeitfahren als Zwölfter das historische Double verpasste.
Rundkurs als Ausscheidungsfahren
Mit dem Einbiegen auf den 13,4 Kilometer langen und zwölfmal zu bewältigenden Rundkurs um den Mont Royal zog das Tempo an – und das Rennen entwickelte sich zu einem Ausscheidungsfahren. Mit jeder Runde, die unter anderem über die steilen Anstiege Côte Camillien-Houde und Chemin de Polytechnique führte, wurde das Hauptfeld kleiner.
Überraschend früh fiel dabei auch der frische gekürte Vuelta-Sieger Enric Mas (Spanien) zurück, der abgehängt war, als die Top-Favoriten die Schlagzahl erhöhten. Allen voran van der Poel zeigte sich dabei als Aktivposten. Der dreimalige Roubaix-Sieger attackierte und setzte sich in einer kleinen Gruppe ab.
Nur eine WM-Medaille für German Cycling
Die Gold-Kandidaten Isaac Del Toro (Mexiko) und Paul Seixas (Frankreich) kämpften in einer hektischen Phase um die Kontrolle in der Verfolgung, fehlende Geschlossenheit erschwerte dabei die Nachführarbeit.
35 Kilometer vor dem Ziel gelang den Verfolgern zwar der Zusammenschluss. Doch dann nutzte McNulty die Chance für eine Solo-Attacke. Er fuhr einen Vorsprung von zwischenzeitlich rund einer Minute heraus. Auch wenn sein Polster am Ende schrumpfte, gelang ihm die Flucht bis ins Ziel, in das er einen Vorsprung von 13 Sekunden rettete.
Das Warten auf den ersten deutschen Weltmeister im Straßenrennen seit Rudi Altig 1966 geht somit weiter. Die sechsköpfige deutsche Mannschaft um Florian Lipowitz, der nach einem Sturz bei der Tour de France im Juli erst kürzlich ins Renngeschehen zurückgekehrt war, setzte keine entscheidenden Akzente. Der deutsche Meister Felix Engelhardt war Teil einer ersten größeren Fluchtgruppe, die aber keine Erfolgsaussichten hatte. Lipowitz verlor in der vorentscheidenden Phase rund 75 Kilometer vor dem Ziel den Anschluss an die Favoriten.
Für den deutschen Verband German Cycling ging die WM damit mit nur einer Medaille zu Ende. Franziska Koch hatte direkt im ersten Wettbewerb dieser Titelkämpfe Bronze im Einzelzeitfahren gewonnen.
