250 Prozessschritte auf einer Produktionslinie von 700 Metern – und im Schnitt alle neun Sekunden läuft eine Bremse vom Band: Torsten Rauch hat alle Zahlen parat. Der Leiter des Bremsenwerks von Aumovio in Frankfurt steht in einer Halle, die komplett ausgefüllt ist mit Roboterkammern, Förderbändern und Teststationen auf zwei Ebenen. Zu 99 Prozent automatisiert sei die Produktion des Bremssystems MK C2, sagt Rauch.
Die MK C2 ist die modernste Bremse, die Aumovio an seinem Hauptsitz im Frankfurter Stadtteil Rödelheim in Serie fertigt. Sie hat dem vor einem Jahr bei der Aufspaltung von Continental entstandenen Konzern eine Menge Ärger beschert: Im September 2024, kurz nachdem die Continental-Spitze in Hannover ihre Spaltungspläne bekannt gegeben hatte, stoppte BMW die Auslieferung von mehr als 1,5 Millionen Fahrzeugen. Der Autobauer begründete den Schritt mit Problemen mit „dem von einem Lieferanten zugelieferten Integrierten Bremssystem“. Schnell sickerte durch, dass es um die MK C2 von Continental Automotive ging, jener Sparte des Dax-Konzerns, die in die Unabhängigkeit entlassen werden sollte.
Diesen Plan zog Continental durch. Aus der Automotive-Sparte wurde vor einem Jahr Aumovio, und mittlerweile hat die neue Aktiengesellschaft den Streit mit BMW beigelegt. Der Ende Juli bekannt gegebene Vergleich sieht vor, dass der Zulieferer 350 Millionen Euro an den Autohersteller zahlt. Gleichzeitig will BMW die MK C2 aber weiter verwenden – wie übrigens auch mehrere andere Autobauer, mit denen es keine vergleichbaren Auseinandersetzungen um das Bremssystem gab.
KI-Assistenten sollen Mitarbeiter über Kopfhörer anleiten
Werksleiter Rauch will über die Hintergründe des Streits nicht sprechen, er blickt lieber nach vorn. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) will er die Effizienz im Bremsenwerk weiter steigern. Schon jetzt kommt er in der Halle, in der die MK C2 vom Band läuft, mit zwölf Mitarbeitern je Schicht aus – sie sind hauptsächlich für die Behebung von Störungen an den Maschinen zuständig. Die werden auf Bildschirmen angezeigt, die in den Gängen zwischen den Bändern und Robotern hängen. Künftig sollen KI-Agenten die Beschäftigten per Headset bei den Wartungsarbeiten unterstützen.

Damit Störungen möglichst gar nicht erst auftreten, lässt Rauch derzeit sämtliche Prozesse im Werk von KI analysieren. Insgesamt gibt es dort 18 Produktionslinien für verschiedene Bremssysteme. Fehler etwa bei zugelieferten Komponenten ließen sich zurückverfolgen bis zur Maschine, auf der sie beim Lieferanten hergestellt wurden, sagt der Werksleiter. „Früher brauchte man dafür drei Tage, die KI schafft das in zwei Minuten.“
Schneller zu werden, sei notwendig, meint Rauch mit Blick auf die Konkurrenz, der die deutsche Autobranche auf dem Weltmarkt ausgesetzt ist. „Die chinesischen Hersteller müssen nicht mehr lernen, wie man eine Bremse entwickelt oder ein Auto.“
Chinesen sind Wettbewerber – und Kunden
Trotzdem ist es den Frankfurtern gelungen, ein neues Bremssystem an einen chinesischen Autobauer zu verkaufen. Dank des Serienauftrags aus China könne Ende 2027 die Produktion der Neuentwicklung mit dem Arbeitstitel Distributed Brake System aufgenommen werden, teilte Aumovio am 10. September mit.
Außer neuen Produkten fertigt das Bremsenwerk auch ältere Bremsengenerationen. Aumovio muss, wie andere Zulieferer auch, die Verfügbarkeit von Bauteilen für die Reparatur älterer Fahrzeuge gewährleisten – und das für bis zu 15 Jahre nach Auslaufen einer Baureihe, deren Modellzyklus selbst bis zu zehn Jahre betragen kann. Der Vorteil: Eine einmal von einem Autobauer bestellte Bremse kann für viele Jahre verkauft werden. Der Nachteil: Im Rödelheimer Werk müssen auch Produktionslinien für Bremsen betrieben werden, die nur noch in geringer Stückzahl vom Band laufen.
Die Vielzahl an Anlagen und Geräten ist ein weiterer Grund, warum Aumovio in Künstliche Intelligenz investiert, „In der Vergangenheit ging durch den Abgang von Mitarbeitern viel Wissen verloren“, sagt Peter Bonerz, der als Leiter Industrial Engineering die KI-Projekte im Werk vorantreibt. Deshalb werde unter dem Titel „Overall Factory Brain“ eine zentrale, KI-gestützte Wissensplattform eingeführt. Sie soll Produktionsdaten, Prozesswissen und die Erfahrungen der Beschäftigten bündeln und situationsbezogen bereitstellen.
Roboter sollen weitere Aufgaben von Mitarbeitern übernehmen
Zugleich lässt Rauch Einsatzfelder für Physical AI prüfen – Roboter, die mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. Im Bremsenwerk geht es darum, mit intelligenten Systemen Kameras, Sensorik und flexible Greifer so zu verbinden, dass sie die menschliche Hand-Auge-Koordination nachahmen. Solche Roboter könnten künftig bislang schwer automatisierbare Aufgaben etwa an Verpackungsstationen, bei der Materialbereitstellung, Montage und Qualitätsprüfung übernehmen.
In einem Unternehmen, das seit Jahren Stellen abbaut, ist das ein sensibles Thema. Betriebsratschef Anil Alpay weiß um die Ängste in der Belegschaft – doch er hält den KI-Einsatz im Werk für richtig. „Wenn wir uns diesem Thema nicht offen stellen, wird es schwierig sein, die Beschäftigung in Deutschland mit den Lohnkosten noch aufrechtzuerhalten“, sagte Alpay beim IG-Metall-Aktionstag am Montag. Besorgt äußerte er sich über die Einschnitte in Forschung und Entwicklung – bei den Ingenieuren also, die weitere Innovationen hervorbringen sollen. Allein in Frankfurt seien in den vergangenen Jahren, zunächst bei Continental, dann bei Aumovio, mehr als 1500 Stellen abgebaut worden.
Aktuell arbeiten nach Unternehmensangaben in Rödelheim rund 4000 Beschäftigte – rund 1200 in verschiedenen Entwicklungsabteilungen, 450 in der Produktion und 200 im Vertrieb. Die restlichen 2150 sind in der Verwaltung und anderen Zentralfunktionen des Konzerns mit international rund 80.000 Beschäftigten tätig.
Schon zu Continental-Zeiten hatte die Automotive-Sparte, aus der Aumovio hervorging, ihre Zentrale in Frankfurt. Denn hier begann 1998 die Expansion des Reifenherstellers in die Fahrzeugtechnik: 1998 kaufte Continental das Bremsenwerk in Rödelheim, das auf das Traditionsunternehmen Teves zurückgeht.
Schon 1906 hatte Namensgeber Alfred Teves, zuvor Lagerist beim Automobilhersteller Adlerwerke, in Frankfurt ein eigenes Unternehmen für „Automobil-Technisches Material und Zubehörteile“ gegründet. 1926, vor 100 Jahren, nahm Teves als Erster in Deutschland die Produktion hydraulischer Bremsen auf. Sie wurden unter dem Kürzel „Ate“ vertrieben – heute gehört die mittlerweile in Versalien geschriebene Marke zu Aumovio Aftermarket, also zum Ersatzteilgeschäft des Zulieferers.
