Wer sich schon immer mal fragte, ob Künstler inmitten des Konzertes auf die Toilette austreten müssen, bekam beim Gastspiel des australischen Musikprojekts Tame Impala in der ausverkauften Frankfurter Festhalle Antwort. Kevin Parker, vollbärtiger Bandchef, Sänger, Gitarrist, Synthesizerspieler und Komponist in Personalunion, machte sich in der Mitte des knapp zweieinhalbstündigen Klang-Licht-und-Projektions-Happenings mit einem Kameramann in Gefolgschaft auf den Weg durch die langen Gänge der Festhalle bis zur Herrentoilette. Während er sich erleichterte, sah man Parkers Füße in Turnschuhen und die unteren Hosenbeine auf der übergroßen Leinwand. Er vergaß auch nicht, sich die Hände zu waschen.
Auch sonst unterschieden sich Darbietung, Musik und Anspruch von Tame Impala von denen anderer Künstler. Bekam die mit Dominic Simper (Gitarre, Synthesizer, Keyboards), Jay Watson (Synthesizer, Keyboards, Gitarre, Harmonieggesang), Julien Barbagallo (Drums, Synthesizer, Harmoniegesang), Cam Avery (Bass, Synthesizer, Harmoniegsang) und James Ireland (Gitarre, Synthesizer, Percussion, Drums) komplettierte Formation doch spielend einen erstaunlich weitgestreuten Stilmix unter einen Hut: Neo-Psychedelic-Pop traf da auf Indierock, Synthiepop auf Clubbeats und Electronica auf Rave, Techno und Trance. Eine Mischung, die die euphorisierte, mehrheitlich jüngere Besucherschar völlig in den Bann schlug. Schon der Auftakt des Konzerts mit „Apocalypse Dreams“ war energetisch und eigentümlich melancholisch zugleich und ließ an Pink Floyd denken, Kopfkino inklusive. Kevin Parkers helle Kopfstimme, geschlechtsspezifisch undefiniert, trägt dazu entscheidend bei.

Auf der Setlist fanden sich sowohl Stücke vom aktuellen fünften Studioalbum „Deadbeat“ als auch ältere Songs, vor allem vom 2015 veröffentlichten Album „Currents“, die allesamt mit gigantisch aufbereiteten Arrangements versehen waren. Kevin Parker, meist am Mikrofon und seinen Gitarren zugange, marschierte während des Konzerts nicht nur zur Toilette, sondern bei anderer Gelegenheit auch einmal zu einem runden Podium in der Hallenmitte, ausgestattet mit großen Kissen, einem Spot von oben und vier bunt blinkenden Stehlampen aus den Fünfzigerjahren, wo er an diversen elektronischen Gerätschaften herumfummelte, sang oder sich auch mal nur ausgestreckt räkelte.
Seine Mitmusiker verschwammen derweil wie Statisten im Bühnennebel, beschäftigt damit, Kevin Parkers traumhafte, oft auch skurrile Klangideen in Musik umzusetzen. Der Frontmann schlenderte dazu mit selbstgedrehter Zigarette an den Absperrgittern vorbei, schüttelte Hände und umarmte Fans, die sich ihm glücklich an den Hals warfen.
Fabelhafte Klanginszenierungen wie „Breathe Deeper“, „Gossip“, „Elephant“, „Sundown Syndrome“ und „Afterthought“ waren da schon abgehakt, als der Songtitel „Feels Like We Only Go Backwards“ den Gedanken aufkommen ließ, ob Kevin Parker im Grunde nur ausgiebig die Popgeschichte zitiert. Dass Tame Impala aber nur hin und wieder den Rückwärtsgang einlegen, bewiest dieser Neo-Psychedelic-Pop-Zirkus auf der Zielgeraden mit „My Old Ways“, „The Less I Know The Better“ und „End Of Summer“. Das war doch ein sehr eigenständiger Klangkosmos.
