Mister Cross, die Bezeichnung „Yacht Rock“ für den Softrock der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre ist Ihnen sicher ein Begriff. Es gab ja sogar mal eine Onlinevideoserie dieses Namens, in der einer Ihrer größten Erfolge, der Hit „Sailing“, eine wichtige Rolle spielt. Heute bedienen sich wieder viele junge Musiker und Bands dieser Stilistik. Wie blicken Sie denn auf die Renaissance eines Genres, zu dessen bekanntesten Vertretern Sie vor nun gut 45 Jahren gehörten?
Ich glaube, der Erfolg der genannten Serie ist vor allem der Musik zu verdanken, auch wenn sie parodiert wird. Denn die Plots der Episoden sind ja eher albern bis kitschig. Die Macher der Serie sprachen von der Yacht als Inbegriff für das Genre, das ist aber Quatsch. Bei Yachten denkt man doch an Oligarchen, an reiche Leute. Und diese Assoziation gefällt mir und auch meinen Kollegen nicht. Wir möchten nicht mit diesen übermäßig reichen Figuren da in Verbindung gebracht werden.
Von dem Begriff einmal abgesehen, ist aber der Musikstil wieder sehr populär. Bands wie Young Gun Silver Fox oder Musiker wie Joel Sarakula oder Mac DeMarco spielen auf die Soundästhetik von Steely Dan, der Doobie Brothers mit Michael McDonald, von Toto und natürlich auch von Ihnen an. Das war ja viele Jahre ganz anders. Softrock war als Fahrstuhlmusik verschrien.
Ja, unsere große Zeit war tatsächlich in den späten Siebzigerjahren und in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre. Wissen Sie, was lustig an der Bezeichnung Yacht Rock ist? Es gibt ja nun auch eine ernste Dokumentation mit diesem Titel, die über HBO zu sehen ist. Und meine Tochter Madison gehört zu den Produzenten.
Sie hat die Dokumentation produziert?
Ja, und damit ist Yacht Rock doch ein Teil unserer Familie. Ich bin der Ansicht, dass dieser Musikstil etwas für jeden bereithält, auch wenn man beispielsweise mit Hip-Hop oder R&B aufgewachsen ist. Der Mensch hat ein Verlangen nach Melodiösität und Harmonien, und das boten die Songwriter meiner Generation. Auch die qualitätsvolle Produktion spielt gewiss eine Rolle. Wir haben also Melodien, Harmonien, eine gute Produktion, exzellente Musiker, die Meister auf ihren Instrumenten sind und Partituren lesen können. Diese Kombination ist heute noch attraktiv, gerade auch für junge Hörer. Ich will nichts gegen die aktuelle Popmusik sagen, doch geht es da eben oft um die Produktion und nicht so sehr ums Songwriting.
Welche Erfahrungen haben Sie denn mit Ihrem Konzertpublikum? Sind da auch jüngere Hörer dabei, oder hat es eher Ihr Alter?
Das ist bunt gemischt, zwischen 20 und 70 Jahren möchte ich sagen. In Amerika ist es lustig zu sehen, dass wegen des Yacht-Rock-Trends viele Besucher tatsächlich Kapitänsmützen und dergleichen tragen. In Europa ist das weniger zu beobachten, doch sah ich bei meiner letzten Tour, als ich gemeinsam mit Toto unterwegs war, viele junge Besucher im Publikum. Ob die nun von ihren Eltern mitgenommen worden waren oder doch von ihren Freunden, weiß ich nicht. Doch die Tour war ein schöner Erfolg. Zur Renaissance unserer Musik hat das Yacht-Rock-Ding gewiss seinen Teil beigetragen. Doch es sind wohl vor allem die Songs, die die Leute anlocken. Bei unserer vergangenen Tour haben Toto und ich teils vor mehr als 30.000 Besuchern gespielt. Das war wie in den alten Tagen bei gemeinsamen Konzerten mit den Eagles.
Angesichts des ungebrochenen Interesses an Ihrer Musik, juckt es Sie da, an die Schublade mit den unveröffentlichten Songs zu gehen und einige davon aufzunehmen, oder bleiben Sie dem Material treu, mit dem Sie berühmt geworden sind?
Im Konzertprogramm setzen wir auf die Songs der ersten beiden Alben, weil diese die Hitalben waren. Vom ersten Album spielen wir bis auf zwei Songs alles, und vom zweiten Album sind drei Songs im Set, das sich damit zum großen Teil aus frühem Material zusammensetzt. Diese Songs waren eben auch gut zu mir (lacht). Und dann gibt es eine Auswahl Lieder, die wir „deep cuts“ nennen. Die stammen von meinen übrigen Alben. Daraus habe ich etwa 20 Stücke gewählt, von denen wir quasi rotierend jeden Abend jeweils drei Songs spielen. So haben wir als Band etwas Abwechslung.
Und falls jemand gerade eines der Lieder auf dieser Rotationsliste besonders liebt, es aber nicht an der Reihe ist, muss er eben auch zum nächsten Konzert kommen?
Genau, das ist eine gute Idee! Ich streue diese Songs nicht nur ein, damit die Shows für die Musiker abwechslungsreich bleiben, sondern weil ich sie wirklich mag und sie mir am Herzen liegen. Es ist ein wenig ein Handel. Ich weiß, dass es großen Jubel im Publikum gibt, wenn ich einen Hit wie „Sailing“ spiele. Ich versichere den Zuhörern dann auch, dass sie alle Lieder hören werden, deretwegen sie gekommen sind, dass ich aber auch das ein oder andere Stück vorstellen möchte, das vielleicht nicht jeder gleich im Ohr hat, aber hoffentlich ebenfalls gefällt. Wenn ich dann etwa einen Song wie „Walking in Avalon“ spiele und mir die Leute danach in den sozialen Medien schreiben, wie gut er ihnen gefallen hat, und sie das Stück möglicherweise sogar kaufen, dann bin ich glücklich. Das ist für mich die Möglichkeit, diese Lieder zu präsentieren. Im Radio werden Sie nämlich einen dieser „deep cuts“ vermutlich niemals hören.
Sie sind nicht nur ein berühmter Sänger, sondern auch ein profilierter Instrumentalist. Es gibt ja die berühmte Geschichte, der zufolge Sie vor vielen, vielen Jahren bei der ersten Amerika-Tournee von Deep Purple für den erkrankten Ritchie Blackmore als Sologitarrist eingesprungen sind. Wird man Sie auf Ihrer aktuellen Tournee auch als Gitarrist erleben, oder konzentrieren Sie sich auf Ihre Rolle als Performer? Und haben Sie Ihre Hits neu arrangiert, oder bleiben Sie den Originalversionen treu?
Letzteres. Wir spielen die Hits wie „Ride Like the Wind“ oder „Sailing“ wie auf den Alben. So will sie vor allem das Publikum in Amerika hören. Ich weiß, dass Zuhörer in Europa nichts dagegen haben, wenn man etwas spielerischer mit den Songs umgeht, doch die Amerikaner mögen es eher nahe am Original. Wir haben aber einige Songs etwas umarrangiert. Ich arbeite ja mit großartigen Musikern, die alle einen Jazz-Hintergrund haben, und die dürfen alle gerne ihr Solo haben. Und um Ihre vorherige Frage zu beantworten: Ich sehe mich ja zuerst als Songschreiber, dann als Sänger und danach erst als Gitarrist und bin in dieser Hinsicht auch etwas geschmeichelt, wenn man mich als solchen wahrnimmt. Es gibt ja wirklich so viele großartige Gitarristen da draußen, und ich bin wahrscheinlich dann doch zu schüchtern, um diese Rolle auszufüllen. Deshalb hatte ich seinerzeit auch die Einladung ausgeschlagen, für Steely Dan zu spielen. Aber ich spiele Gitarre bei den Konzerten, jedoch in einer Singer-Songwriter-Manier. Ich habe ja so tolle Musiker dabei, die sollen bei den Instrumentalpassagen im Mittelpunkt stehen.
Spielen Sie mit diesen Musikern als reguläre Band zusammen, oder stellen Sie für die Tourneen jeweils eine Gruppe neu auf?
Das ist oft eine Frage von Zeitplänen. Ich habe Musiker in New York, in Austin und in Nashville, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, doch sind die ja auch mit zahlreichen anderen Projekten beschäftigt. Auch in Europa gibt es einen Stamm an Musikern und Sängerinnen, mit denen ich schon seit Langem zusammenarbeite, mit der Band, mit der ich nun toure, nun auch schon seit zehn Jahren. Die meisten davon kommen aus Paris. Sie sind wirklich phantastisch. Wir proben auch nicht, wie man das früher gemacht hätte. Es sind alles ausgebildete Musiker, die vom Blatt spielen können. Denen reicht es, am Abend vor einer Show die Setlist zu bekommen. Sie spielen und interpretieren anhand der Partituren auf ihren Tablets und nicht aus dem Gedächtnis heraus. Das ist nicht gerade typisch für eine Popband. Wissen Sie, was man in Texas macht, wenn man möchte, dass der Gitarrist mal zum Ende kommt?
Nein, was macht man denn?
Man stellt einen Notenständer mit einem Notenblatt darauf vor ihm auf. (lacht)
Beugen Sie sich selbst auch noch hin und wieder über ein Notenblatt und schreiben neue Songs?
Derzeit nicht. Dieses Jahr gebe ich gut hundert Konzerte. So viele wie seit den Achtzigerjahren nicht mehr. Noch bin ich gesund, und es macht mir große Freude. Ich fühle mich ehrlich gesagt auch nicht gerade dazu getrieben, neue Musik zu schreiben oder gar aufzunehmen. Ich habe ein Dutzend Alben veröffentlicht, von denen die ersten beiden extrem erfolgreich werden, spätere aber nicht mehr. Alben brachten irgendwann kein Geld mehr ein, und heute würden sie mich sogar Geld kosten. Da verliert man etwas den Antrieb.
Sie leben abwechselnd in Manhattan und in Austin, zwei der Musikhochburgen der Welt. Sie kennen viele Kollegen und sind im Verlauf ihrer Karriere auch viele Kollaborationen eingegangen. Gehen Sie manchmal noch raus, um einfach mit anderen zu jammen?
Ich gehe fast nie in Clubs und bin auch nicht der „Komm, wir setzen uns zusammen und spielen einfach los“-Typ. In Austin dominieren zudem Blues und Country als Stile, also anderes als meine Musik. Und wenn ich in New York weggehe, um vielleicht einen alten Freund spielen zu hören, käme ich nie auf die Idee, einfach auf die Bühne zu stürmen und mitzumischen. Ich bin nicht so impulsiv. Ich mag es lieber organisiert und kontrolliert. Und wenn ich ehrlich bin, höre ich im Radio auch eher die Börsenberichte als tatsächlich noch viel Musik.
Christopher Cross spielt am 30. April im Circus-Krone-Bau in München, am 2. Mai in der Alten Oper Frankfurt und am 5. Mai im Admiralspalast in Berlin.
Christopher Cross
Der amerikanische Singer-Songwriter Christopher Cross heißt eigentlich Christopher Charles Geppert und wurde am 3. Mai 1951 in San Antonio, Texas, als Sohn eines beim US-Militär angestellten Kinderarztes und einer ursprünglich aus Koblenz stammenden Mutter geboren. Christopher Cross war der Name seiner Band, als Warner Bros. ihn Anfang 1979 als Solokünstler unter Vertrag nahm und den Namen einfach beibehielt. Das Ende 1979 veröffentlichte, selbst betitelte Debütalbum war ein riesiger Erfolg, der mit den Singles „Ride Like the Wind“, „Sailing“ und „Never Be The Same“ drei Hits abwarf, die heute als Klassiker gelten. 1980 war Christopher Cross für sechs Grammys nominiert und gewann fünf davon. Im Jahr darauf konnte er sich dann über einen noch prestigeträchtigeren Preis freuen, als das Lied „Arthur’s Theme (Best That You Can Do)“ den Oscar für den besten Filmsong erhielt. Christopher Cross war nun ein Star, was auch die Verkäufe seines zweiten Albums „Another Page“ (1983 veröffentlicht) beflügelte und ihm mit „All Right“ und „Think of Laura“ seine letzten beiden Top-20-Hits bescherte. Christopher Cross veröffentlichte ein gutes Dutzend weiterer Alben, doch die Hochphase des Softrock war passé. Der Musiker ist Vater zweier erwachsener Kinder und lebt abwechselnd in New York und Austin.
