
Ein weißer Q4 Sportback e-tron steht in der Ausstellungshalle des Audi-Kundenforums in Neckarsulm. Mitarbeiter in weißen Poloshirts übergeben hier neue Autos an ihre Besitzer. Einige Fahrzeuge hängen noch an der Ladesäule. Auf zwei Etagen können sich die Besucher breit informieren: über die Geschichte von Audi, die Vorgängermarken Horch und NSU, den legendären Wankelmotor des RO80, nie in Serie gefertigte Prototypen wie den „Nuvolari quattro“ mit 600 PS, alles ganz im Zeichen des Werbeslogans „Vorsprung durch Technik“. Im Restaurant gibt es gratinierte Medaillons vom Butterfisch.
Gestört wird die automobile Idylle durch die seit Monaten geführte Debatte über die Zukunft des Standorts. Geht es nach dem Willen des VW-Vorstands in Wolfsburg, wird die Großserienproduktion von Audi-Modellen in Neckarsulm im Jahr 2034 enden. Das Thema beschäftigt Politiker wie Gewerkschafter und beunruhigt die Bürger. Denn zur Disposition stehen 15.500 Arbeitsplätze und ein Großteil des Wohlstands der Region Heilbronn. Konkret geht es darum, ob der Nachfolger des Q4 e-tron, der so ähnlich aussehen könnte wie der in der Halle des Kundenforums, künftig in Zwickau statt in Neckarsulm gebaut wird. Im Moment fertigt Audi hier größere Fahrzeuge mit Verbrennermotoren, zum Beispiel den A6 und den A8.
„Es geht hier offensichtlich auch um Politik“
Bei ihrem Besuch Anfang der Woche ziehen sich Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne), Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) und der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) für gut zwei Stunden zurück, zusammen mit dem Werksleiter, dem Betriebsratsvorsitzenden und dem Landrat – in den Sitzungssaal „NSU“ im dritten Stock. Sie beraten darüber, wie es weitergehen kann. Die an solche Gespräche anschließenden Statements sind oft nicht mehr als eine Gelegenheit für Fernsehsender, Schnittbilder aufzunehmen.
Hier ist es anders. Denn Özdemir macht ein paar Ansagen, über die man in Wolfsburg nicht einfach hinweggehen kann. Sein Kernsatz: „Mein Eindruck ist, es geht hier nicht nur um betriebswirtschaftliche Fragen, es geht hier offensichtlich auch um Politik.“ Damit weist der Ministerpräsident die Konzernführung darauf hin, dass es aus betriebswirtschaftlicher Sicht eigentlich keine Argumente gibt, die eine Schließung ausgerechnet dieses Werks zwangsläufig machen.
Mit Blick auf die Kostenstruktur, die Tarifvereinbarungen und die technische Ausrüstung – Özdemir nennt die moderne Lackiererei – müsse sich das Neckarsulmer Werk keinesfalls hinter dem Wolfsburger verstecken. Für eine Perspektive über das Jahr 2034 hinaus brauche es ein Modell mit hohen Stückzahlen: „Die Zukunft ist elektrisch, da haben wir gerade einen Markthochlauf. Audi kann das“, sagt Özdemir. Man dürfe nicht die Standorte gegeneinander ausspielen, er tausche sich auch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD) aus.
Konzernpolitisch steht das Werk schlecht da
Eigentlich haben sich Stadt und Region Heilbronn in den vergangenen zehn Jahren ausgesprochen positiv entwickelt: Die Stadt stieg dank des Innovationsparks Künstliche Intelligenz (IPAI) zu einem Zentrum der KI-Forschung auf, von dem einstigen, leicht schmuddeligen Charme von „Heilbronx“ ist wenig geblieben.
Doch die politische Unterstützung für das Heilbronner Werk könnte besser sein. Mit Audi werden in der Regel bayerische Städte wie Ingolstadt oder München assoziiert. Dass Audi aber eigentlich ein baden-württembergisches Unternehmen ist, das für die Volkswirtschaft im Südwesten mindestens so wichtig ist wie Porsche und Mercedes, wird häufig vergessen. 1873 wurde im schwäbischen Riedlingen das Vorläuferunternehmen Schmidt und Stoll gegründet, aus dem später der Motorrad- und Autohersteller NSU (Neckarsulm) hervorging. Zeitweise war NSU der größte Motorradhersteller der Welt. 1969 fusionierte dann die Auto Union aus Ingolstadt mit den NSU-Motorenwerken zum Audi-Konzern.
Das moderne Werk verfügt im Heilbronner Unterland über ein Ökosystem aus Zulieferern, Dienstleistern, Wissenschaftlern und Hochschulen. Nur konzernpolitisch steht das Werk schlecht da: Audi gehört zu den Herstellern, die unter Trumps Zöllen derzeit besonders leiden, weil der Konzern die für den amerikanischen Markt konstruierten schweren SUVs nicht in den USA produziert. Würde der Konzern in den USA ein Werk bauen, gäbe es in Deutschland erst recht Überkapazitäten.
Innerhalb des Konzerns haben die VW-Werke in Niedersachsen und Ostdeutschland mehr Fürsprecher auf ihrer Seite: Ministerpräsident Lies sitzt im VW-Aufsichtsrat, er dürfte sich für die Standorte Hannover und Emden einsetzen. An die Schließung eines VW-Werks in Ostdeutschland dürfte sich nach den desaströsen Wahlergebnissen dort derzeit niemand herantrauen. So jedenfalls beschreiben die Automobilfachleute in der Landesregierung Baden-Württembergs die Lage.
Auch eine Verlängerung der Arbeitszeit steht zur Diskussion
Die grün-schwarze Regierung muss also versuchen, den VW-Konzern mit Fakten und einem Zukunftskonzept zu überzeugen, das bis Mitte 2027 entwickelt werden soll. Gelingen könnte das, wenn die Arbeitnehmerseite geschlossen auftritt. Der Betriebsratsvorsitzende Alexander Reinhart sagt, das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten, der Wirtschaftsministerin und der Werksleitung sei sehr hilfreich gewesen: „Wir können etwas erreichen, wenn wir jetzt in die gleiche Richtung laufen.“
Dabei dürfte es unter anderem um die Frage gehen, ob es ein Volumenmodell – also ein Fahrzeug in sehr hoher Stückzahl – geben könnte, das künftig in Neckarsulm künftig produziert wird. Außerdem könnte sich die Diskussion um die Zugeständnisse der Gewerkschaften zur Verbesserung des Standorts drehen und um die Verlängerung der Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden. Özdemir hat deutlich gemacht, dass er auch von den Arbeitnehmern Zugeständnisse erwartet.
Als der Ministerpräsident schon wieder in seinem Dienstwagen sitzt, kommt ein 35 Jahre alter Mechatroniker aus Bad Rappenau in die Halle des Forums, schon sein Vater hat bei Audi gearbeitet. Er arbeitet in der Nachbearbeitung, korrigiert Fehler an den Autos, bevor sie ausgeliefert werden. Heute holt er seinen Audi Q5 ab. Die Aussicht, zum Erhalt des Werks länger arbeiten zu müssen, freut ihn wenig: „Die Arbeit ist schon anstrengend genug, der Zeitdruck ist immer höher geworden, das sieht man auch daran, dass die Zahl der Fahrzeuge mit Fehlern zugenommen hat.“
