Es war eine der wenigen positiven Nachrichten, die Rafael Grossi dem Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) berichten konnte, der in dieser Woche in Wien zusammengekommen ist. Von einem „historischen Durchbruch“ in Syrien schwärmte der IAEA-Chef, der sich derzeit um die Nachfolge von António Guterres als UN-Generalsekretär bewirbt. Im August war er selbst mit einem Team von Inspektoren in die ostsyrische Provinz Deir Ezzor gereist, um die mutmaßlichen Atomanlagen von Al-Kibar in Augenschein zu nehmen.
Israel hatte die in einem Wadi am Euphrat versteckte Anlage 2007 in einer Geheimoperation aus der Luft zerstört. Wie oft bei derartigen Aktionen gab es von der Regierung in Jerusalem keine offizielle Erklärung. Details zum Ziel der Luftschläge und dem Vorwurf, dass Syriens Regime unter Baschar al-Assad in Al-Kibar ein verdecktes Atomprogramm betrieben habe, sickerten erst in den Monaten danach an die Öffentlichkeit.
Verdeckt unter dem Wüstensand
Auffallend war schon damals, dass in der Region kaum Protest gegen das eigenmächtige Vorgehen Israels erhoben wurde. Das konnte als ein Zeichen gelten, dass man sich auch in den Nachbarländern vor einem atomar aufgerüsteten Syrien fürchtete. Über die Jahre verdichteten sich die Hinweise, dass Israel mit seiner Einschätzung richtig gelegen hatte. Doch Zweifel blieben, auch, weil das Assad-Regime politisch mauerte und parallel dazu die Reste der zerstörten Anlagen unter dem Wüstensand verschwinden ließ.

Unmittelbar nach dem Sturz Assads Ende 2024 habe sich die IAEA mit den neuen Verantwortlichen in Syrien in Verbindung gesetzt, berichtete Grossi in dieser Woche. In den Wirren des Umsturzes dauerte es aber offenbar, bis die neuen Herrscher in Damaskus den nötigen Überblick über das verschleierte Programm bekamen. Laut Grossi betraten die Vertreter der neuen Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa die Anlage gemeinsam mit den IAEA-Inspektoren zum ersten Mal. „Ein emotionaler Moment für uns alle“ sei das gewesen, beschreibt der IAEA-Chef, der sich selbst gerne medienwirksam an vorderster Front mit seinen Inspektoren zeigt, die erste Begehung. Man habe Wände einreißen und sich durch enge Durchgänge zwängen müssen. „Das war schon ein ziemliches Erlebnis.“
Der Weg zur Plutoniumbombe
Auch wenn es weiter keinen endgültigen Beweis für einen militärischen Charakter des syrischen Atomprogramms gibt, weisen zahlreiche Indizien in diese Richtung. Demnach bauten die Syrer mit Hilfe Nordkoreas einen Reaktor, der sich an der Anlage im nordkoreanischen Yongbyon orientiert, der zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium dient.
Grundsätzlich gibt es zwei klassische Pfade zur Atombombe, die sich nach Material und technischen Anforderungen unterscheiden: Für Uranwaffen muss der Anteil des Isotops Uran-235, der in natürlichem Uran unter einem Prozent liegt, auf mehr als 90 Prozent erhöht werden. Für diese „Anreicherung“ sind technisch komplexe Kaskaden von Gaszentrifugen nötig, wie sie etwa Iran für sein Atomprogramm verwendet. Für Plutoniumbomben wird wiederum das Isotop Plutonium-239 verwendet, das im Zuge des radioaktiven Zerfalls von Uran in einem Kernreaktor entsteht. Bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente kann Plutonium in chemischen Trennprozessen vom übrigen Material separiert werden.
In einer weiteren Anlage konnten die IAEA-Inspektoren insgesamt 73 Tonnen von natürlichem Uranmetall dokumentieren. 55 Tonnen waren bereits zu insgesamt 8808 Brennstäben verarbeitet. Laut einer Analyse des amerikanischen Institute for Science and International Security (ISIS) entsprechen auch Gewicht und Menge der Brennstäbe dem Design des nordkoreanischen Reaktors Yongbyon. Die Fachleute von ISIS gehen davon aus, dass der Reaktor in Al-Kibar bei einer Leistung von 70 Prozent pro Jahr sechs bis sieben Kilogramm waffenfähiges Plutonium hätte herstellen können, was für rund anderthalb Atomwaffen pro Jahr gereicht hätte. Insgesamt hätten die entdeckten Vorräte an Brennstäben für rund sechs Bomben gereicht, auch wenn auf dem Weg zu einer einsetzbaren Atomwaffe noch diverse technische Schwierigkeiten gelegen hätten.
Indizien für ein Atomwaffenprogramm
Auch Grossi selbst wollte, wie es für die IAEA üblich ist, keinen finalen Schluss aus den Erkenntnissen ziehen, ob das Atomprogramm einen militärischen Charakter gehabt habe. Das sei nicht seine Aufgabe. In dem Bericht heißt es diplomatisch, der Reaktor sei „nicht dafür konfiguriert“ gewesen, Elektrizität zu produzieren. In einer Pressekonferenz listete der IAEA-Chef aber die Indizien auf, die auf ein Atomwaffenprogramm hindeuten: etwa der geheime Charakter der Aktivitäten, vor allem aber Konfiguration und technische Eigenheiten des Reaktors, der „sehr effizient in der Herstellung von spaltbarem Material“ sei, das für die Herstellung von Atomwaffen verwendet werden könne.
Was nun mit den Brennstäben passieren wird, ist bislang offen. Der Besitz ist für Syrien grundsätzlich nicht verboten, solange es deklariert ist, weshalb das Material zunächst im Land bleiben soll und möglicherweise weiterverkauft werden könnte. Die IAEA habe alles dokumentiert und mit den gängigen Sicherungsmaßnahmen versehen, sagte Grossi, doch handele es sich um eine schwierige Situation, auch, weil der Ort des geheimen Depots schwer zugänglich sei. „Wichtig ist, dass wir immer wissen, wo das Material ist, bis zum letzten Körnchen.“
Beim Thema Iran ist Grossi von derlei positiven Botschaften weit entfernt. Der Gouverneursrat konnte lediglich eine von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA eingebrachte Resolution verabschieden, die Grossi auffordert, dem UN-Sicherheitsrat über die anhaltende Weigerung Teherans zu berichten, seine Verpflichtungen gegenüber der IAEA einzuhalten. Im Sicherheitsrat ist allerdings wenig zu erwarten. Denn China und Russland, die Iran mit ihrem Vetorecht zur Seite stehen, verweigerten schon in Wien ihre Zustimmung zu der Resolution.
