Den Namen ASML mag so mancher schon mal gehört haben. Aber die meisten dürften wohl kaum wissen, was sich dahinter verbirgt. Sie können – durchaus verständlich – weder erklären, wofür die Abkürzung steht, noch den Geschäftszweck dieses Technologie-Konzerns, ohne dessen Maschinen in der Chipindustrie weltweit nichts geht. Sie wissen nicht, dass es sich um ein niederländisches Unternehmen gleich hinter der deutsch-niederländischen Grenze handelt, welches aktuell 44.500 Mitarbeiter beschäftigt. Schon gar nicht wissen sie, dass sie hier eine der größten Erfolgsgeschichten vor sich haben, die Europa zu bieten hat.
ASML steht für Advanced Semiconductor Materials Lithography und ist mit derzeit mit rund 645 Milliarden Euro bei Weitem das wertvollste Unternehmen Europas. Will man verstehen, was ASML genau macht, muss man sich in die Reinraum-Hallen nach Veldhoven begeben, wo jene Maschinen in partikelfreier Umgebung montiert werden. Dort werden die silbernen, reisebusgroßen Kolosse aus 100.000 Komponenten zusammengesetzt. Mit ihrer Hilfe werden in den Chipfabriken von Samsung (Korea), TSMC (Taiwan) oder Intel (USA) Siliziumplatten (Wafer) mit dem Design winzigster Schaltkreise bedruckt, auf denen später Schicht für Schicht Mikrochips im Nanometerbereich entstehen.
Das gelingt nur mit einem extrem kurzwelligen UV-Licht (EUV), wie es eigentlich nur in unmittelbarer Nähe der Sonne vorkommt. ASML muss es künstlich erzeugen: Laser feuern in den Maschinen zigtausend Mal pro Sekunde auf geschmolzenes Zinn, wobei Plasma bei über 200.000 Grad Celsius entsteht und das EUV-Licht freigesetzt wird. Ein System aus hochpräzisen Spiegeln bündelt das Licht, um die Wafer zu bedrucken.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Man stelle sich vor, die EU würde ASML von heute auf morgen die Auslieferung seiner EUV-Maschinen verbieten – ähnlich wie die amerikanische Regierung dem KI-Riesen Anthropic seine leistungsstärksten Sprachmodelle: Dann stünde die globale Halbleiterindustrie ziemlich abrupt still. Und die KI-Revolution käme zum Stillstand, denn gerade die mit der EUV-Technologie produzierten Mikrochips werden angesichts des KI-Booms dringender gebraucht denn je.
Weil ASML hier ein Monopol hat, fragt man sich, welche Kräfte diese absolute Dominanz im globalen Technologierennen wohl ins Wanken bringen könnten. Mit seiner ersten Antwort auf die Frage nach den Risiken verblüfft der französische Physiker Christophe Fouquet, seit 2024 Vorstandschef des Konzerns. Er spricht von den Verführungen des eigenen Erfolgs. „Das größte Risiko ist, dass du nicht mehr paranoid genug bist, nicht mehr hungrig genug, nicht mehr innovationsbereit. Und dass du vergisst, worauf dein Erfolg überhaupt basiert.“
ASML sei durch jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern groß geworden. „Sie haben mit uns gemeinsam diese Maschinen entwickelt. Ohne sie also wären wir nicht dort, wo wir heute stehen.“

1984 als Joint Venture von Philips und ASMI (Advanced Semiconductor Materials International), einem niederländischen Hersteller von Chipfertigungsanlagen in einem undichten Schuppen auf dem Philips-Gelände in Eindhoven gegründet, stand das Unternehmen nach ersten Erfolgen und seinem Umzug nach Veldhoven Ende der 1980er Jahre am Abgrund: ASMI zog sich als Investor zurück, die globale Elektronikbranche kriselte, und Philips strich zunächst die Mittel zusammen. Nur eine letzte Finanzspritze von Philips rettete schließlich das ambitionierte Vorhaben.
1990 gewann ASML mit einer ersten profitablen Lithographie-Plattform wichtige Schlüsselkunden. 1995 folgte der Börsengang in Amsterdam und New York. Mit Beginn der 2000er-Jahre ging es steil bergauf. Eine Technologie folgte der nächsten. Der bisher größte Coup gelang 2017 mit der Auslieferung erster Prototypen eben jener EUV-Lithographie-Technologie, die ASML zum unangefochtenen Weltmarktführer für die Fertigungsanlagen hochwertiger Halbleiter werden ließ.
„Das Ziel war nie, dass wir die einzigen sein werden. Das Ziel war lediglich, der Industrie ein Tool zur Verfügung zu stellen, von dem wir dachten, dass es für die Weiterentwicklung der Chipindustrie enorm hilfreich sein würde“, sagt Fouquet. „Natürlich brauchen unsere Kunden die EUV-Technologie, um erfolgreich zu sein. Aber sie brauchen für die Produktion ihrer Chips noch so viele andere Komponenten.“
In den Hallen in Veldhoven ist es still. Bedächtig schieben Mitarbeiter in ihren Schutzanzügen Module der mehrere Hundert Millionen Euro teuren Lithografie-Systeme auf großen Wagen über die Gänge, oder sie stehen auf Gerüsten und schrauben an den Maschinen. 900 Zulieferer sind daran beteiligt, 80 Prozent davon sind europäisch.
Ein Netzwerk von Partnern
Aus den vielen Partnern ist über die Jahre ein robustes Netzwerk entstanden, das die Monopolstellung von ASML relativiert, den Konzern aber auch wie einen Burgwall schützt. Denn so ein Netzwerk lässt sich nicht einfach nachbauen. Deshalb kommt der CEO schließlich noch einmal zurück auf das größte Risiko: „Dass wir nämlich genau das alles vergessen. Dass unsere Position aus Vertrauen und Zusammenarbeit entstanden ist, dass wir mit unseren Partnern gemeinsam die Zukunft entwerfen, die neuen Halbleitergenerationen, dass wir mit ihnen fünf bis zehn Jahre vorausdenken.“ 4,5 Milliarden Euro investiert ASML jährlich in die Forschung.
Erfolg macht Konzerne behäbig. Das ist ein weiteres Risiko. Im Januar hat ASML deshalb eine Reorganisation angekündigt mit einem Abbau von möglicherweise 1700 Arbeitsplätzen. Doch inzwischen zeichnet sich ab, dass es deutlich weniger sein werden. Die steigende Nachfrage nach der EUV-Technologie treibt den Umsatz, die Prognose für dieses Jahr liegt zwischen 36 und 40 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2026 hat ASML netto 2,8 Milliarden Euro verdient.
Natürlich gibt es darüber hinaus Risiken außerhalb des Einflussbereichs von ASML, auch geopolitische. Da sind Ambitionen der Amerikaner und Chinesen, in der EUV-Technologie einen Durchbruch zu erzielen, um endlich von Europa unabhängiger zu werden. Seit 2019 darf ASML keine EUV-Lithographie-Systeme nach China exportieren. Anfang dieses Jahres wurden die Restriktionen weiter verschärft.
Die nächste Generation von Maschinen für leistungsfähigere Chips
Doch Analysten großer Banken irritiert das alles kaum: Sie sehen die Marktstellung von ASML nicht bedroht, weil das für die industrielle Produktion notwendige Ökosystem über Jahre nicht nachzubauen ist. Der auf die Halbleiterindustrie spezialisierte J.P.-Morgan-Analyst Sandeep Deshpande bezeichnet ASML deshalb auch als einen der weltweit robustesten Alleinanbieter. Gerade hat ASML eine umfangreiche Kooperation mit Tata Electronics in Indien unterzeichnet, wo für 11 Milliarden Dollar eine Chipfabrik entstehen wird.
Außerdem hat der Konzern mit der sogenannten High-NA-EUV-Technologie schon die nächste Maschinengeneration entwickelt für noch leistungsfähigere Chips. Wenn man auf der Vorstandsetage hoch oben über dem weitläufigen Betriebsgelände einen Blick aus dem Fenster wirft, kann man beobachten, wie für die Herstellung dieser neuen Anlage gerade eine Halle hochgezogen wird.
Im Zentrum des Netzwerks befinden sich die beiden deutschen Traditionsunternehmen Trumpf und Zeiss: Trumpf liefert die EUV-Hochleistungslaser für die Erzeugung des extrem ultravioletten Lichts. Carl Zeiss steuert das optische Spiegelsystem bei, dessen Oberflächen so glatt poliert werden, dass Unebenheiten nur noch im Bereich von Bruchteilen eines Atomdurchmessers liegen. An der Carl Zeiss SMT, die ausschließlich für ASML produziert, ist der niederländische Konzern zu 24,9 Prozent beteiligt. Aus Sicherheitsgründen? „Ob und in welchem Rahmen wir uns beteiligen, hängt vom jeweiligen Unternehmen ab“, sagt Fouquet. „Wenn es Kapital benötigt, um für uns etwas zu entwickeln, dann investieren wir, sonst nicht.“ Zeiss SMT habe das Kapital genutzt, um die neue High-NA-Optik zu entwickeln.
Die am besten gehüteten Industriegeheimnisse der Welt
Wahrscheinlich sind Beteiligungen aber doch auch Teil der Risikominimierung. So hat sich im September 2025 ASML für 1,3 Milliarden Euro 11,1 Prozent an dem französischen KI-Start-up Mistral gesichert, das als einziges europäisches Unternehmen in der Liga der großen KI-Entwickler mitspielt. ASML ist Mistrals größter Anteilseigner. „Die anderen großen Anbieter haben andere Geschäftsmodelle. Man muss den richtigen Partner finden“, sagt Fouquet dazu.
Dass bei der Beteiligung das Inhouse-Datentraining und dadurch Datensouveränität, die Mistral garantiert, eine Rolle spielen, kann nicht verwundern. Die Baupläne für die EUV- und High-NA-Technologie dürften zu den bestgehüteten Industriegeheimnissen der Welt zählen. Undenkbar, diese sensiblen Daten über die offenen Infrastrukturen amerikanischer Techgiganten laufen zu lassen.
In dem nahezu perfekten Bild dieser europäischen Erfolgsgeschichte findet sich allerdings ein dunkler Fleck: Nur ein Prozent der jährlich ausgelieferten Maschinen bleiben in Europa. „Europa stellt kaum eigene Chips her“, sagt Fouquet dazu. „Und der Grund dafür ist, dass es sehr wenige Unternehmen in Europa gibt, die fortgeschrittene Chips überhaupt einsetzen. 80 Prozent der hochkomplexen Chips werden in den Vereinigten Staaten gebraucht.“
Was sich nun rächt
Die Begründungskaskade ließe sich weiterführen: In Europa wurden nie Plattformen wie Google oder Meta entwickelt, die auf hochwertige Halbleitertechnologie angewiesen sind. Deswegen gibt es auch keine Unternehmen wie Nvidia oder AMD, die Schaltpläne entwerfen und die dafür nötigen Halbleiter bauen lassen, welche dann in Laptop-Prozessoren, Grafikkarten, Spielkonsolen und Rechenzentren ihren Einsatz finden.
Hier rächt sich, was Europa und seine Mitgliedstaaten nie wahrhaben wollten: dass Zukunftstechnologie eben doch eine industriepolitische Zukunftsvorstellung und ein darauf ausgerichtetes politisches Handeln erfordern. „Die Industriepolitiken der USA und Chinas nutzen den Markt, um eigene Stärken auszubauen und globale Spitzenreiter zu fördern –gestützt durch Protektionismus“, sagt der ASML-Chef.
„Wir riskieren unseren Wohlstand“
Er weiß, dass die fehlende Nachfrage auch für ASML auf lange Sicht zu einem Standortrisiko werden könnte. „Wenn wir weiterhin all diese Produkte und Dienstleistungen überall in der Welt einkaufen, dann riskieren wir unseren Wohlstand, unsere Souveränität und laufen Gefahr, dass die wenigen Champions, die wir in Europa haben, dazu gedrängt werden, Europa zu verlassen. Das betrifft uns bei ASML heute noch nicht, aber andere Industrien schon.“ Europa sei groß genug, um so ein vollständiges Ökosystem zu beherbergen. Man müsse es nur endlich bauen.
Schon seit Längerem setzt er sich deshalb politisch ein und plädiert für einen marktgetriebenen Ansatz. Gemeinsam mit sechs anderen Großkonzernen haben er und sein Team einen Plan entwickelt, um den KI-Boom zu nutzen und in enger Zusammenarbeit mit der Politik in Europa ein Ökosystem zu etablieren, das auch von ASML beliefert werden kann. Denn ohne eine massive Erhöhung der Endnachfrage werde auch der Chip Act der EU wirkungslos bleiben.
„Wir sind jetzt in regelmäßigem Austausch mit der Politik, so regelmäßig wie noch nie zuvor“, sagt Fouquet mit Blick auf Brüssel. Ob daraus etwas wird? Und vor allem: Ob die Politik begreift, dass sie hier nicht nur die Rahmenbedingungen schaffen muss, sondern am besten auch gleich noch die Nachfrage maßgeblich befördert und – so wie es Frankreich jetzt plant – auf EU-Ebene und in allen anderen Ländern konsequent digitale Dienstleistungen bei europäischen Unternehmen einkauft? In so einem Szenario wäre Europa auch für Chipfabriken attraktiv. „Das wird schon fünf oder zehn Jahre dauern“, sagt Fouquet und bleibt zuversichtlich. „Aber das ist doch ein überschaubarer Zeitraum. China hat dafür 30 Jahre gebraucht.“
