
Als Anfang April der zweite Zwischenbericht des Forschungsprojekts über die Auswirkungen des Konsumcannabisgesetzes (Ekocan) vorgelegt wurde, blieb in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem ein Befund in Erinnerung: Ein Anstieg des Cannabiskonsums in Zusammenhang mit der Teillegalisierung in Deutschland sei bisher nicht erkennbar, hieß es da, und dass sich zwischen dem legalen und dem illegalen Cannabismarkt zwar Verschiebungen ergeben hätten, aber insgesamt keine signifikante Vergrößerung des Marktes an sich. Das in Deutschland konsumierte Cannabis stamme „in zunehmendem Maße aus grundsätzlich legalen Quellen; ein Anstieg des Konsums, der diese Marktverschiebungen kompensieren würde, ist bisher nicht erkennbar“.
Diesen Eindruck wollen Suchtforscher, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten nicht unwidersprochen stehen lassen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sowie die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) warnen jetzt in einer gemeinsamen Stellungnahme, im Ekocan-Zwischenbericht werde ein zu positives Bild gezeichnet. Sie fürchten, der Bericht könnte als zumindest vorläufige Entwarnung nach der Teillegalisierung missverstanden werden.
Die näheren Gründe ihrer gemeinsamen Kritik führt Mathias Luderer, Leiter des Bereichs Suchtmedizin in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, gegenüber der F.A.Z. aus.
Wann zeigen sich die Auswirkungen der Legalisierung?
Da sei zum einen der kurze Zeitraum, der bisher nur ausgewertet werden konnte. Das Gesetz trat im April 2024 in Kraft. „Zwei Jahre sind für eine solche Auswertung nicht aussagekräftig genug. Wir sehen in anderen Ländern, beispielsweise Kanada, dass es fünf bis zehn Jahre dauert, bis sich die Auswirkungen einer Legalisierung in einem Anstieg des Konsums zeigen“, sagt Luderer. Eine Abhängigkeit entwickele sich erst über einen längeren Zeitraum. Auch die Probleme durch den Cannabiskonsum entstünden erst allmählich. So seien vor allem Intoxikationen und psychotische Erkrankungen erst nach längeren Zeiträumen feststellbar. Trotz des kurzen Zeitraums seit 2024 gebe es aber schon deutliche Warnzeichen, zum Beispiel mehr cannabisbezogene Aufnahmen in Krankenhäusern.
Auch die Zunahme problematischer Konsummuster unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen werde in dem Zwischenbericht nicht klar genug benannt, so Luderer. „Gleichzeitig sehen wir, dass über den längeren Zeitraum auch eine Normalisierung in der Wahrnehmung eintritt. Wenn unter 100 Leuten einer Cannabis raucht, empfindet man das als ungewöhnlich, wenn es aber zehn oder 20 Leute tun, bekommt man den Eindruck, dass es wohl doch nicht gefährlich oder ungewöhnlich ist.“ Hierzu heißt es im Ekocan-Bericht: „Nach den verfügbaren Informationen ist die Konsumprävalenz von Cannabis (also die Häufigkeit des Konsums, Anm. der Red.) unter Jugendlichen nach der Teillegalisierung stabil oder sogar leicht rückläufig.“ Auch sei es „bislang nicht zu einem Rückgang der Risikowahrnehmung des Cannabiskonsums unter Jugendlichen gekommen“.
Keine Weiterleitung mehr durch Polizei und Justiz
Der Projektkoordinator der Evaluation des Cannabisgesetzes, Jakob Manthey vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung an der Universität Hamburg, sagte der F.A.Z., dass man die drei Fachgesellschaften zur Beteiligung an der Datensammlung eingeladen und auch jetzt den Dialog gesucht habe – bisher ohne Erfolg. Ekocan weise nun insbesondere die Kritik an der Datenbasis zurück und bereite eine Antwort vor, die demnächst veröffentlicht werden solle.
Besonders große Sorge macht den drei Fachgesellschaften aber ein Umstand, der auch im Ekocan-Bericht kritisch festgestellt wird: Immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene nehmen die Angebote der Suchtberatungen und Frühinterventionsprogramme wahr. Im Ekocan-Bericht heißt es dazu in zwei Passagen: „Die Teilnehmendenzahlen in den Frühinterventionsprogrammen sind laut den Fachkräften stark zurückgegangen, da Weiterleitungen durch die Justiz ausblieben“; fast die Hälfte der befragten jungen Erwachsenen habe angegeben, „keinerlei cannabisbezogene Präventionsangebote genutzt zu haben“.
Der Grund hierfür ist, dass der Cannabiskonsum nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und daher auch die Auflage einer Suchtberatung entfällt. „Damit entsteht ausgerechnet in einer Hochrisikogruppe eine Versorgungslücke“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme der Psychiater und Suchtforscher.
Größte Suchtklinik für Jugendliche schließt
Zu diesem Punkt merkt auch der Ekocan-Bericht an, Paragraph 7 des Cannabiskonsumgesetzes („KCanG“), der diese Lücke schließen sollte, „erfüllt die Erwartungen des Gesetzgebers bislang nicht“. Laut dem neuen Gesetz sollen die örtlichen Jugendhilfeträger nur noch „darauf hinwirken“, dass bei einer Gefährdung des Wohls des Kindes oder Jugendlichen eine Frühinterventionsmaßnahme in Anspruch genommen wird. Aus Sicht der Psychiater und Psychologen ist das zu unkonkret und nur auf Freiwilligkeit ausgerichtet. „Prävention war im Vorfeld des Gesetzes als ein wichtiger Bestandteil versprochen worden“, erinnert Luderer. In Kombination mit weiterhin deutlich sichtbarer Onlinewerbung für Medizinalcannabis ergebe sich „eine sehr ungünstige Mischung“.
Überdies werde voraussichtlich Ende Juni die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn geschlossen, die mit 60 von knapp 100 Plätzen in Deutschland die größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche ist. Angesichts all dieser Entwicklungen könne man nicht abwarten, wie es weitergehe. „Die Evaluationsberichte zum Cannabiskonsumgesetz wurden etabliert, um bei Fehlentwicklungen schnell gegensteuern zu können“, sagt Luderer, „das muss jetzt auch geschehen.“
