Was hätte Anna Amalia wohl für ein Gesicht gemacht? Das kann man sich buchstäblich fragen, wenn man all die Porträts der berühmten Herzogin von Sachsen- Weimar und Eisenach betrachtet, die jetzt in ihrem letzten Wohnsitz, dem Wittumspalais in Weimar, zu sehen sind. Sie regierte nach dem überraschend frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1758 siebzehn Jahre lang das Herzogtum, bis der ältere Sohn alt genug war, um selbst Herzog zu werden (sie selbst war bei Antritt ihrer Regentschaft noch keine zwanzig).
Und sie war in der Tat eine Frau der vielen Gesichter: Musenfürstin, kühl kalkulierende Politikerin, aufgeschlossen gegenüber der Aufklärung gegenüber (sie engagierte Wieland als Prinzenerzieher), absolutistische Herrscherin, Gartenfreundin, Wissenschaftsförderin. All das spiegelt sich noch heute in Weimar im Großen und im Wittumspalais im Kleinen: mit dessen Möbeln, Musikinstrumenten, Wandbemalungen und Deckenbildern sowie eben den verschiedenen Porträts der ehemaligen Hausbesitzerin.

Darunter ist nun für viereinhalb Monate als Gast auch ein Riesenbild: sechs Quadratmeter und damit so groß, dass es gar nicht aufgehängt werden kann, sondern auf einer Staffelei im sogenannten Tafelrundenzimmer steht. Es zeigt Anna Amalia im Jahr 1774 mit ihren beiden Söhnen, und seit mehr als zweihundert Jahren hat es niemand mehr so gesehen, denn das Gemälde war bald nach Fertigstellung ein erstes Mal und danach noch mehrfach übermalt worden, wobei die Züge der Prinzen weitgehend unverändert blieben, aber die Hauptfigur geradezu entstellt wurde: zu einer anderen Frau, obwohl man ja wusste, wer dargestellt war. Aber wie gesagt: Die anderen Porträts waren einander ja auch schon nicht ähnlich und Anna Amalia seit 1807 tot – an welches Gesicht hätten die späteren Übermaler sich also halten sollen?
Damals ungewöhnliche Frauensache: Eine Malerin porträtiert eine Regentin
Untergebuttert wurde dabei indes die eigene Schöpferin: Barbara Anita de Gasc, Hofmalerin in Braunschweig (woher Anna Amalia stammte), und für ihr Repräsentationsporträt von der Auftraggeberin damals mit 200 Talern belohnt; erst seit Auffindung des Zahlungsbelegs 1997 wusste man überhaupt wieder, wer da ursprünglich gemalt hatte. Aber nicht, was da gemalt war, so verfälscht war das Bild.
Das seltene Beispiel eines Herrscherinnenporträts aus der Hand einer Frau ist ja schon Sensation genug, aber nach einer vierjährigen Restaurierung haben wir nun auch ein weiteres Gesicht von Anna Amalia, denn unter all den späteren Überarbeitungen hatte sich die erste Malschicht erhalten, und die liegt jetzt wieder frei. Und das pünktlich zur Wiedereröffnung des Wittumspalais am Donnerstag, die selbst pünktlich erfolgte, obwohl sich die vorgesehene Dachstuhl- zu einer Generalsanierung ausgewachsen hatte, nachdem man festgestellt hatte, dass Anna Amalia ihrem Anwesen mit dem Einbau eines Festsaals im Obergeschoss ein Statikproblem bechert hatte, das nur durch Anbringung eines Ringankers zu lösen war. Wie immer beim Renovieren: Wer genauer auf ein altes Gemäuer schaut, öffnet damit die Büchse der Pandora.
Das weiß man in Weimar nur zu gut, seit vor mittlerweile acht Jahren die Stadtschlosssanierung begann, die nun endlich auch der Vollendung entgegengeht: Am 1. Oktober wird als erster Gebäudeteil der Ostflügel wieder fürs Publikum zugänglich, und weil es das Jahr der Öffnungen ist, hat die Stiftung Weimarer Klassik als obligatorisches Motto für ihr aktuelles Themenjahr „Öffnen“ gewählt. 2027 folgt übrigens „Frauen“, und dann wird das Großbildnis von Anna Amalia und ihren Söhnen im Schloss zu sehen sein. Aber so nah wie nun im Wittumspalais auf seiner Staffelei wird man ihm kaum je wieder kommen.
