
Die deutsche Arzneimittelversorgung ist nach Einschätzung des Pharmaverbands Pro Generika nur unzureichend auf Krisenfälle vorbereitet. Schon heute sei die Versorgung mit Medikamenten gefährdet, wie wiederkehrende Lieferengpässe gezeigt hätten. Den Autoren, Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, und Björn Stahlhut, ehemaliger Bundeswehroffizier und leitender Redakteur des Fachmagazins für Sicherheits- und Krisenvorsorge „security-network“, zufolge, wird ein großer Teil der für den deutschen Markt benötigten Arzneimittel in Asien, insbesondere in China, produziert.
Im Krisenfall könnte dabei ein steigender medizinischer Bedarf auf eingeschränkte Liefermöglichkeiten treffen. Bretthauer und Stahlhut fordern daher eine stärkere Vorsorge, um die Versorgung auch unter außergewöhnlichen Bedingungen zu erhalten.
Anhand von fünf Szenarien, von Lieferengpässen und Cyberangriffen über hybride Angriffe und wirtschaftlichen Druck bis hin zum Verteidigungsfall, zeigt das Papier, welche Vorbereitungen bereits heute getroffen werden müssten. In dem geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetz, das von der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angestoßen wurde, müssten verstärkt Vorsorgeleistungen integriert werden.
Wer zahlt für die Vorsorge?
Unter anderem durch einen intensiveren Austausch zwischen Arzneimittelherstellern und dem Bundesgesundheitsministerium (BMG). In die Vorsorge sollten zudem neben Staat und Privatwirtschaft auch Wissenschaft, Zivilgesellschaft und europäische Partner einbezogen werden. Bretthauer und Stahlhut plädieren deshalb für ein europäisches Netz strategischer Produktions- und Lieferkapazitäten. Dies sei insbesondere mit Blick auf China geboten, das sie durch wirtschaftliche Abhängigkeiten als „geostrategisches Risiko“ für die Arzneimittelversorgung einstufen.
Ein von den Autoren gefordertes „Gesundheitssicherstellungs- und Vorsorgegesetz“ (GeSiVoG) müsse die Arzneimittelvorsorge aber auch wirtschaftlich tragfähig machen. Zusätzliche Lagerbestände, alternative Lieferanten und widerstandsfähigere Lieferketten sollten deshalb staatlich mitfinanziert werden. Gerade im Wettbewerb mit China müsse das GeSiVoG Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Arzneimittelprodukte in Europa konkurrenzfähig bleiben. Die Logik: Versorgungssicherheit setze industrielle Möglichkeiten voraus.
Arzneimittelengpässe sind nicht neu
Verdeutlicht wird das im Papier am Beispiel des Antibiotikums Amoxicillin. Einer Pro-Generika-Studie von 2020 zufolge lag der europäische Jahresbedarf bei rund 3670 Tonnen, von denen etwa 30 Prozent in Europa produziert wurden. Um diesen Anteil auf 60 Prozent zu erhöhen, wären rund 1101 Tonnen mehr nötig. Die Autoren beziffern die dafür erforderlichen Investitionen auf etwa 66 Millionen Euro. Für einen Anteil von 90 Prozent wären zusätzliche 2202 Tonnen und rund 132 Millionen Euro erforderlich. Die Zahlen seien allerdings nur als Größenordnung zu verstehen.
Bereits im Jahr 2022 hatte das BMG für das Brustkrebsmedikament Tamoxifen einen Versorgungsmangel festgestellt und daraufhin Sondereinfuhren veranlasst. Im April 2023 folgte ein weiterer Versorgungsmangel bei antibiotikahaltigen Säften für Kinder. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfahl in der Folge den Einsatz alternativer Arzneimittel und Wirkstoffe. Erst im Februar dieses Jahres erklärte das BMG den Versorgungsmangel für beendet.
Die Forderung nach einer krisenfesteren Arzneimittelversorgung kam zuletzt auch von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Anlässlich des Deutschen Apothekertags in München legte die Vereinigung der Bundesregierung einen Fünf-Punkte-Forderungskatalog vor. Darin spricht sich die ABDA unter anderem dafür aus, die Arzneimittelproduktion in Europa zu stärken und Apotheken systematisch in die Krisenvorsorge des Gesundheitssystems einzubinden.
