Velvet Violet – Dries van Noten
Veilchen galten in der Antike wegen ihres betörenden Dufts als idealer Strauß für die Angebetete. Dem hässlichen Feuergott Vulkan soll es laut römischer Mythologie sogar gelungen sein, der Liebesgöttin Venus einen Kuss abzutrotzen, weil er sich mit Veilchenduft umgab. Die Zeiten sind vorbei. In der modernen Parfümerie hatte das Veilchen lange den Ruf etwas angestaubt und nostalgisch zu wirken; kaum ein Parfümeur wagte es, diese Note ins Zentrum zu rücken – nun traut sich Dries van Noten an den pudrigen Duft.
In „Velvet Violet“ darf die schüchterne blaue Blüte im Herzen des Bouquets strahlen. Pinker Pfeffer fügt im Auftakt leichte Schärfe hinzu, die Noten von geröstetem Sesam und Tonkabohne auf ein weiches Bett legen. Für alle, die Abwechslung von schweren Oud-Düften suchen und trotzdem auffallen wollen – und wie alle Düfte, die wir hier vorstellen, natürlich unisex zu tragen.
Maze of Dreams – Fine Scents
Nochmal Veilchen, aber ganz anders: „Fine Scents“ ist ein unabhängiges britisches Dufthaus mit Sitz in London, das für seine Kreationen mit Meisterparfümeuren zusammenarbeitet. Für „Maze of Dreams“ versucht Frank Voelkl, die Nase hinter Le Labos sanftem Dauerbrenner-Parfüm „Santal 33“, den Augenblick einzufangen, wenn man sich im zarten Licht des Morgens an die Träume der Nacht erinnert — also nicht die Nachtmare, die einem nächtliches Doomscrooling bereitet, sondern die schönen Träume, wie man sie beim Erwachen in einem britischen Luxushotel erwartet: leichte, zarte Traumgespinste intimer Momente.
Das Veilchen kommt hierbei als Herznote zum Einsatz. Voelkl setzt seine keusche Blüte aber ans Ufer eines Sees, auf dem Seerosen leuchten. Ein bisschen aquatisch, ein bisschen pudrig ist dieser Auftakt – durch eine Basis von Sandelholz wandelt er sich mit der Zeit fast schon zum Hautduft, für den man andere nah an sich herankommen lassen muss, um ihn zu teilen. So wie man seine schönsten Träume ja auch nicht jedem erzählt.

Shiu 25 – Le Labo
Apropos, Le Labo: Das Nischendufthaus aus Brooklyn hat auch in diesem Jahr zum Herbstauftakt seine exklusive City-Kollektion erweitert. „Shiu 25“ soll eine Duft-Hommage an Chinas Hauptstadt Peking darstellen (wo das Unternehmen gerade seine neueste Boutique eröffnet hat).
Die Zahl hinter dem Parfümnamen steht für die Menge der verschiedenen Inhaltsstoffe. Der dominanteste unter diesen 25 ist das namensgebende Shiu-Öl. Das wird aus einem Extrakt des Kampherlorbeers gewonnen und entfaltet eine weiche, süße Note, weit weniger grün als der Name Kampher vermuten lässt. Irisblüten bringen trockene Klarheit und Weihrauch umweht die Komposition und verleiht einen langanhaltenden Duftschweif, der selbst einen Langstreckenflug nach China überleben dürfte.
Dorthin müsste man auch fliegen, um den neuen Duft zu kaufen, denn nur noch bis Ende September ist er weltweit in den Boutiquen von Le Labo sowie dem Onlineshop erhältlich.

Vanilla Aube – Ormonde Jayne
Auch für diesen Duft musste man zuvor um die Welt fliegen. Unter dem Namen „Vanilla Mistral“ war er bis vor kurzem nur in den US-Geschäften des britischen Nischenhauses Ormonde Jayne erhältlich. Nun kommt er mit neuem Namen auch nach Europa und ergänzt die im Frühjahr lancierte „Four Corners of the World“-Reihe, in der sich jeder Duft einem anderen exotischen Reiseziel widmet.
Hier also weht ein Mistralwind und bringt Sommerdüfte für den Herbst: Reife Granatapfel- und Feigennoten spielen mit Pistazie und würzigem Kardamom — als hätte man den Einkauf vom mediterranen Wochenmarkt im Herbst mit nachhause genommen. Eingehüllt wird all das von einer warmen, aber keineswegs süßen Vanille. Parfümeurin Élodie Bernard bleibt der Duft-DNA des Hauses treu, kreiert also ein würziges Vanille-Parfüm, das seine Träger absolut elegant umhüllt und niemals aufdringlich wirkt.

Northern Love – Frederic Malle
Der Name des neuesten Parfüms dieses französischen Ausnahmehauses verspricht einen Besuch in Skandinavien. „Northern Love“ besucht den hohen Norden zur Adventszeit: Warme Gewürznoten von Zimt über Muskat bis Vanille bilden hier das behagliche Herz, dazu hat Meisterparfümeur Bruno Jovanovic cremiges Sandelholz gestellt, und mit Jasmin-Absolue Tiefe hinzugefügt.
Jovanovic, der für Malle bereits vor rund einem Jahrzehnt die legendäre Duft-Hommage an den belgischen Designer „Dries van Noten“ kreiert hat, nimmt viele Anklänge an diesen längst vergriffenen Parfümklassiker wieder auf. Damals sollten die Gewürze an die lange Geschichte der belgischen Hafenstadt Antwerpen erinnern, in der van Noten seinen Sitz hatte. Für die neue Kreation hat Jovanovic nur wenig geändert: ein paar Gewürznelken weniger, etwas mehr Saffran – kuschelig wie ein Kaschmirpullover im Schneesturm.

