Die Hauswände sind durchsichtig. Durch die grauen Fassaden großstädtischer Wohnkasernen, die sich ringsum auftürmen, geben sie den Blick auf Gras- und Waldlandschaften frei und weiten so den Horizont, vor dem sich die Tragödie abspielt. Das stellt die erste Bühnenanweisung, eigentlich schon fast ein Prosagedicht, klar: Der Tod, den dieses Stück im Titel ankündigt, hat eine allumfassende Dimension.
Das Drama zeigt die letzten 24 Stunden im Leben eines amerikanischen Jedermanns, dessen Name Willy Loman seine niedrige soziale Stellung ausweist. Umso hochfliegender sind seine Hoffnungen und Träume: Erfolg im Geschäftsleben, Wohlstand, Ansehen, Lebensglück, Familienidyll, Erfüllung für die beiden Söhne und was dergleichen väterliche Schwärmereien mehr sind.
Ein Verkäufer, dem niemand mehr etwas abkauft
Sobald Loman aber mit zwei schweren Koffern auftritt, merkt man gleich, dass sich sein Leben auf einer Abwärtsspirale bewegt: ein Verkäufer, dem längst niemand mehr was abkauft, nicht einmal seine unentwegten Sprüche. Die letzten beiden Bäume in der Nachbarschaft sind abgeholzt. Als Sinnbild des allseitigen Konsum- und Fortschrittsglaubens bleibt der Kühlschrank, der die Küche dominiert. Doch was frischhält, sind einzig die Erinnerungen an vergangenes Glück, die Loman ständig in Tagträumen heimsuchen, während vergangene Scham wie seine Unterwegsaffären fürsorglich verdrängt bleiben.

Schließlich sieht er keinen anderen Ausweg mehr, als einen Autounfall vorzutäuschen und ‒ statusbewusst im Studebaker ‒ in den Tod zu fahren; die Prämie seiner Lebensversicherung soll dem Sohn das Startkapital für einen Neustart der verkorksten Karriere verschaffen. Das letzte Wort hat die Witwe: „Wir sind frei“, stammelt sie auf der Beerdigung. Bevor der Vorhang fällt, zeigen die New Yorker Wohntürme erneut ihre scharfe Kontur.
„Death of a Salesman“, 1949 am Broadway triumphal herausgekommen, ist ein durch und durch amerikanisches Drama, eines der weltweit erfolgreichsten dieses Erfolgslandes überhaupt. Arthur Miller (1915 bis 2005) schrieb es nach dem Zweiten Weltkrieg in sechs Wochen in einer selbst gezimmerten Holzhütte in den Bergen von Connecticut, wo der gebürtige New Yorker sein bevorzugtes Zuhause fand.
Sohn eines polnisch-jüdischen Immigranten, der bei seiner Ankunft im Gelobten Land kaum lesen oder schreiben konnte, dann zu Wohlstand kam und in der Großen Depression alles verlor, wurde Miller später als Sozialdramatiker zum Gewissen wie bald zum Buhmann der Nation. Wenn man sein Stück heute wieder sieht, kann man nicht nur spüren, wie darin der amerikanische Traum beerdigt wird. Man spürt auch, wie noch die mächtigste und prächtigste amerikanische Stadt weiter von der Prärie flüstert und die Hochhäuser von Bäumen träumen. So führt es uns das Paradox der amerikanischen Kultur vor Augen: im Paradies zu beginnen und das dann noch zu Perfektion steigern zu wollen.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
