
Die FDP-Politikerin Karoline Preisler hat es erkannt: Der ARD-Korrespondent Georg Restle ist einer ganz großen Sache auf der Spur. Folgt man seinem Post auf X, in dem er unkommentiert die Mutmaßung der US-Publikation „The Nation“ verbreitet, verhält es sich mit dem Massenansturm marokkanischer Migranten auf die spanische Enklave Ceuta wie folgt: Es war „weder eine echte humanitäre Krise noch Teil eines antikolonialen Kampfes, sondern Teil der Bemühungen des immer stärker werdenden US-israelisch-marokkanischen Bündnisses (…), eine progressive europäische Regierung zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht zu untergraben.“
Damit verbreitet der Afrika-Korrespondent und frühere Chef des WDR-Politmagazins „Monitor“ die zurzeit gängigste Verschwörungstheorie zu den Ereignissen. Versehen mit einem Fragezeichen könnte man sie zur Debatte stellen. Zu recherchieren und Indizien zu sammeln, wäre allerdings auch nicht schlecht. Ebenso, zwischen dem zu unterscheiden, was man weiß und was man nicht weiß – etwa, woher all die viele Social-Media-Post kamen, die dazu aufriefen, nach Ceuta zu gehen beziehungsweise zu schwimmen. Davon aber ohne eigene Belege im Indikativ zu schreiben, hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.
Volker Beck: Sind „Fakten inzwischen obsolet“?
Kritik an Restle äußert nicht nur Karoline Preisler, die den in seinem Post verborgenen Antisemitismus geißelt („Der Jude ist an allem schuld“), sondern auch die CDU-Politikerin Serap Güler. Das sei „Antisemitismus & Antiamerikanismus vom Feinsten“, schreibt sie auf X. Dass sich „ein Journalist des ÖRR“ nicht schäme, „Verschwörungstheorien zu verbreiten“, sei „dabei der Gipfel“. Der einschlägig ausgewiesene Influencer Tilo Jung meint daraufhin sogleich, nicht Restle liege falsch, sondern Güler müsse sich bei dem Journalisten und beim WDR entschuldigen. Volker Beck, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, fragt unterdessen ganz trocken, ob Restle recherchiert und irgendeinen Beweis für „diese wilde Behauptung“ habe oder ob „Fakten inzwischen obsolet“ seien.
Felix Schotland, Mitglied im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln und im Rundfunkrat des WDR, hat sich in der Angelegenheit mit in einem Brief an die WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewendet. In dem Brief, den die „Jüdische Allgemeine“ dokumentiert und nach der wir zitieren, heißt es, Restle verbreite „in seinem Beitrag die Behauptung, ein angebliches ,US-israelisch-marokkanisches Netzwerk‘ verfolge das Ziel, Europa zu spalten, Regierungen zu schwächen und das Völkerrecht zu untergraben. Solche weitreichenden politischen Behauptungen ohne nachvollziehbare Einordnung oder erkennbare Distanzierung halte“ er „für äußerst problematisch“.
Gerade „ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ trage „eine besondere Verantwortung. Von ihm erwarte ich eine faktenbasierte, sorgfältige und ausgewogene Kommunikation. Aussagen dieser Tragweite sind geeignet, das Vertrauen in die journalistische Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des WDR nachhaltig zu beschädigen“. Besonders irritierend sei, „dass ein führender Journalist des WDR einen Beitrag mit einer derart zugespitzten Darstellung veröffentlicht, der den Eindruck erweckt, geopolitische Entwicklungen würden durch ein konspiratives Netzwerk gesteuert.“
Schotland will wissen, ob Restles „öffentliche Äußerung den journalistischen Standards und dem publizistischen Selbstverständnis des WDR“ entspricht, wie die Programmdirektion den Beitrag bewertet, welche Maßstäbe für WDR-Journalisten bei „der Veröffentlichung politischer Inhalte auf sozialen Medien“ gelten und ob die Programmdirektion „diese Art der Kommunikation für geeignet“ hält, „das Vertrauen der Zuschauer und Beitragszahler in die Neutralität des WDR zu stärken“.
Die Antwort des WDR auf Schotlands auch als förmliche Beschwerde gemeinten Fragen steht bislang noch aus.
