Das Wettrüsten in der Künstlichen Intelligenz hat die gesamte Techbranche aufgewirbelt. Open AI und Anthropic überbieten sich mit Innovationen. Auch Google, Meta, Microsoft und Amazon stecken viel Geld in die KI. Nur einer der namhaften Techgiganten kommt da nicht mehr mit, so schien es zuletzt: Apple hatte zwar mal eine aufgemotzte Version seines Sprachassistenten Siri angekündigt, deren Veröffentlichung lässt aber auf sich warten. In diesem Jahr soll sie nun doch kommen, allerdings steckt dahinter keine hauseigene Technik, sondern die KI von Google.
Ein Armutszeugnis für den scheidenden Apple-Chef Tim Cook? Hat er zugesehen, wie Apple hoffnungslos abgehängt wird bei der wichtigsten Technologie unserer Zeit? Mitnichten. Apple könnte noch zum größten Gewinner des KI-Booms werden. Und das hat sehr viel mit John Ternus zu tun, dem Mann, der jetzt der neue Apple-Chef wird.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Denn die bisherigen Versuche, ein eigenes KI-Gerät als neue Produktkategorie einzuführen, sind aus einem Grund gescheitert. Bessere KI-Geräte gibt es längst. Sie heißen: Mac, iPhone, Airpods.
Ohne Hardware keine Software, und bei der Hardware macht Apple niemand etwas vor. Jeder KI-Prompt muss irgendwo eingetippt werden. Jede Software-Innovation der Konkurrenz liefert zusätzliche Gründe, ein iPhone zu kaufen.
Mac, iPhone und Airpods sind ideale KI-Geräte
Noch leistungsstärker als die Smartphones sind Apples Mac-Computer. Mit hauseigenen Chips hat der Konzern zuletzt enorme Leistungssprünge möglich gemacht. Als vor einigen Monaten ein Hype um Openclaw ausbrach, einen weitgehend autonomen KI-Agenten, der einen ständig angeschalteten Computer braucht, stiegen plötzlich die Lieferzeiten für Apples Heimcomputer Mac Mini. Die kleine Kiste erwies sich als optimale Hardware: energieeffizient und kompakt. Während die KI-Start-ups mit den immensen Kosten der gestiegenen Rechennachfrage klarkommen mussten, kurbelte der Hype für Apple bloß den Profit an.
Je mehr Menschen mit ihrer Stimme mit KI kommunzieren, desto wichtiger wird noch ein weiteres Apple-Produkt. Mit den Airpods hat der Konzern unter Tim Cook ein eigenes Milliardengeschäft aufgebaut. Selbst wenn also in Zukunft das Display weniger wichtig wird, ist Apple gut aufgestellt.
Hinzu kommt Apples vielleicht wichtigster Profittreiber: der App Store. Die meistheruntergeladene App auf dem iPhone war im vergangenen Jahr ChatGPT. An jedem Abo, das aus der App heraus abgeschlossen wird, verdient Apple bis zu 30 Prozent mit. Einer Schätzung zufolge wird Apple allein 2026 mehr als eine Milliarde Dollar nur aus den Store-Gebühren von KI-Apps seiner Konkurrenten einnehmen. Es ist eine Gelddruckmaschine sondergleichen – ganz ohne dass Apple selbst die immensen Trainings- und Betriebskosten der Modelle schultern müsste.
Mit dem neuen Einsteigerlaptop Macbook Neo für 700 Euro greift Apple außerdem plötzlich in Kundengruppen an, die es bisher nicht interessiert haben. Der Finanzchef von Laptop-Bauer Asus spricht sogar von einem „Schock“ für die ganze Branche. Da geht es weniger um KI, sondern darum, dass in Zukunft jeder Sechzehnjährige, der einen Laptop für die Schule braucht, eine Option aus dem Hause Apple hat – und früh an das Ökosystem herangeführt wird.
Insofern ist es folgerichtig, dass Apple keinen Softwaremann zum neuen Chef erkoren hat, sondern den Mann, der bisher die Hardware-Sparte des Konzerns verantwortete. Ternus’ Geschäftsbereich verdankt Apple, dass es heute so stark dasteht wie nie, mit vier Billionen Dollar Börsenwert.
Einer alten Börsenweisheit zufolge werden im Goldrausch diejenigen reich, die die Schaufeln verkaufen. Der größte Schaufelverkäufer der Techbranche ist derzeit – neben Chipentwickler Nvidia – Apple. Wann aus dem KI-Boom mal ein profitables Geschäft für Open AI & Co. wird, weiß bis heute niemand. Bei Apple muss man sich ums Geldverdienen keine Sorgen machen.
