
Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist – leider – nicht neu. Was sich jedoch verändert hat, ist das Ausmaß. Der jüngste Bericht der AOK Hessen zeigt, dass besonders jene Leistungen für Missbrauch anfällig sind, die einfach zu beantragen sind, wie die sogenannte Verhinderungspflege. Dabei werden Angehörige, die zu Hause die Pflege eines Familienmitglieds schultern, durch Pflegekräfte entlastet, wenn sie beispielsweise selbst erkranken.
Alle Krankenkassen haben, gesetzlich vorgeschrieben, Prüfstellen wie die AOK, um Betrugsfällen nachgehen zu können. Nur sind, je nach Größe der Kasse, unterschiedlich viele Menschen dafür abgestellt, dem Missbrauch des Systems nachzugehen. Als größte Krankenkasse in Hessen verfügt die AOK über ein Team von zehn Personen und kann daher vergleichsweise viele Fälle aufdecken. Noch mehr Kontrolleure oder strengere Kontrollmechanismen könnten noch mehr Betrugsfälle aufdecken.
Die Pflegebranche braucht nicht noch mehr Bürokratie
Doch wer auf Betrugsfälle reflexhaft mit mehr Kontrollen und mehr Bürokratie antwortet, trifft vor allem jene, die sich gar nichts haben zuschulden kommen lassen: alle Pflegebedürftigen, deren Angehörige und die vielen Leistungserbringer, die redlich arbeiten. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Schadensumme von fünf Millionen Euro allein bei der AOK Hessen vergleichsweise klein ist, gemessen an den rund vier Milliarden Euro, die die Krankenkassen für Pflegeleistungen in Hessen im Jahr ausgeben. Ohne den Schaden kleinzureden: Die Zahlen zeigen auch, dass sich das Gros der Branche an die Spielregeln hält. Aus den aktuell aufgedeckten Betrugsfällen sollte jetzt niemand ableiten, die gesamte Pflegebranche gehöre schärfer überwacht.
Gefragt sind Augenmaß bei der Kontrolle und konsequente Härte bei aufgedecktem Betrug. Dringend notwendig sind auch intelligentere Prüfmechanismen — digitaler Abgleich, Systeme, die auffällige Muster frühzeitig erkennen und Doppelabrechnungen systematisch aufspüren. Keine pauschale Verschärfung für alle, sondern präzise Kontrolle dort, wo das Risiko nachweislich hoch ist.
Der Zugang zu Hilfsangeboten muss einfach bleiben, damit sie schnell und unbürokratisch dort wirken können, wo sie im Notfall dringend gebraucht werden. Pflegende Angehörige sollten nicht mit übermäßig vielen Formularen, Nachweispflichten und Prüfketten überschüttet werden, bevor sie überhaupt Unterstützung erhalten. Und schon gar nicht mit Misstrauen.
