
Der amerikanische KI-Anbieter Anthropic warnt potentielle Investoren in seinem Börsenprospekt ausführlich vor den „katastrophalen oder existenziellen Risiken für die Menschheit“ durch Künstliche Intelligenz, wirbt aber für seinen Börsengang gleichzeitig um eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar. Das wäre mehr als doppelt so viel wie im Mai, als Anthropic seine Bewertung auf 965 Milliarden Dollar schätzte. Zum Vergleich: Elon Musks SpaceX-Konzern ging im Juni zu einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar an die Börse, es war der bis dato größte Börsengang der Geschichte.
Das Börsenprospekt hatte Anthropic in den vergangenen Tagen einer kleinen Gruppe an Partnern zugänglich gemacht, berichten die Nachrichtenagentur Reuters und die „Financial Times“, die aus dem Dokument zitieren. Offiziell veröffentlicht ist das Dokument bei der Börsenaufsicht SEC noch nicht.
Woher kommen 518 Milliarden Dollar für Rechenkapazitäten?
Anthropic hat dem Prospekt zufolge seinen Umsatz im Jahr 2025 auf 4,6 Milliarden Dollar verzwölffacht. Demgegenüber steht unter dem Strich ein rekordträchtiger Verlust von 42 Milliarden Dollar. Dieser beinhaltet aber eine buchhalterische Belastung von rund 34 Milliarden Dollar durch die Neubewertung bestimmter Finanzierungen, die nach einem Börsengang in Anthropic-Aktien umgewandelt werden könnten. Aussagekräftiger ist der operative Verlust, der immer noch mehr als acht Milliarden Dollar beträgt. Für das operative Geschäft gab Anthropic 12,7 Milliarden Dollar aus, davon 7,3 Milliarden für Rechenkapazitäten und Investitionen in die KI-Infrastruktur. Diese Zahl hat sich 2025 verdreifacht.
Sinken werden die enormen Kosten nicht. Anthropic plant, in den kommenden Jahren 518 Milliarden Dollar für Rechenkapazitäten auszugeben. Das Unternehmen ist langfristige Verpflichtungen eingegangen, die es irgendwie erwirtschaften oder von Investoren einsammeln muss. Mit Amazons Cloudsparte AWS hat Anthropic einen Deal über fünf Gigawatt an Rechenkapazitäten. Im Gegenzug hat der KI-Anbieter sich verpflichtet, über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar zu zahlen.
Ein Viertel des Umsatzes von zwei Unternehmen
Gleichzeitig warnt Anthropic in seinem Börsenprospekt, dass viele seiner größten Kunden nicht durch langfristige Verträge gebunden seien und so auch deutlich weniger oder gar nichts mehr an den KI-Anbieter zahlen könnten. Fast ein Viertel des Umsatzes stammte 2025 zudem von nur zwei nicht näher benannten Kunden. Für 2028 plant das Unternehmen mit einem Umsatz von 200 Milliarden Dollar, ein ambitioniertes Wachstumsziel.
Anthropic verdient Geld durch den Verkauf von Zugang zu seinen KI-Modellen, die in vielen Bereichen als führend gelten. Das Unternehmen verkauft zwar auch Abos zu einem festen monatlichen Preis an Privatpersonen, setzt aber vor allem auf sein Firmenkundengeschäft. Unternehmen beziehen die KI über eine Schnittstelle und zahlen nutzungsabhängig nach verbrauchten Token. Ein Token ist die kleinste Einheit, in die ein Sprachmodell einen Text zerlegt.
Der Tokenpreis ist drastisch gefallen
Die Preise für solche Token sind in den vergangenen Jahren drastisch gefallen. 2022 kosteten eine Million Token noch rund 18 Euro, 2026 sind es 35 Cent. Die Einnahmen von Anthropic oder dem ChatGPT-Entwickler Open AI steigen bislang trotzdem rasant, weil parallel auch der Tokenverbrauch explodiert ist. Sogenannte KI-Agenten können ganze digitale Aufgabenketten autonom erledigen. Unternehmen erhoffen sich davon große Produktivitätszuwächse, der Tokenverbrauch ist entsprechend hoch. Inzwischen versuchen viele große Unternehmen, die KI-Kosten stärker zu kontrollieren. Sie setzen aber auch darauf, dass die Tokenpreise weiter fallen.
Für Anthropics Geschäftsmodell kann das zum Risiko werden, weil nicht garantiert ist, dass ein höherer Tokenverbrauch die fallenden Preise langfristig auffängt. Hinzu kommt die Konkurrenz durch chinesische Anbieter, die KI-Modelle auf zumindest vergleichbarem Niveau zu einem Bruchteil des Preises anbieten.
Dass junge Technologieunternehmen lange große Verluste einfahren, ist nichts Neues. Sie verkaufen Anteile an ihren Unternehmen an Wagniskapitalgeber oder andere Investoren. Im Mai hat Anthropic eine Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar abgeschlossen. Laut dem öffentlich gewordenen Börsenprospekt verfügte das Unternehmen zum 31. Dezember 2025 über liquide Mittel und kurzfristige Anlagen in Höhe von insgesamt 20,28 Milliarden Dollar.
Die Maßstäbe der Verluste sind im Falle der KI-Anbieter Anthropic oder Open AI durch die enorm hohen Kosten für KI-Rechenkapazitäten aber um ein Vielfaches größer. Der Facebook-Konzern Meta erzielte im Jahr vor seinem Börsengang einen operativen Gewinn von mehr als 1,7 Milliarden Dollar, bei Google waren es immerhin 342 Millionen Dollar. Amazon ging unprofitabel an die Börse, allerdings mit einem vergleichsweise kleinen Verlust von 5,8 Millionen Dollar.
Die Entwicklung der gesamten US-Wirtschaft hängt davon ab, dass die Pläne der KI-Unternehmen aufgehen. In den vergangenen Jahren ist ein enges Geflecht an gegenseitigen Beteiligungen in der amerikanischen KI-Wirtschaft entstanden. Kritiker argumentieren, dass Cloudanbieter, KI-Unternehmen und Chipkonzerne wie Nvidia gegenseitig die Nachfrage hochtrieben. Gerät nur ein Unternehmen in Schwierigkeiten, könnte das eine Kettenreaktion auslösen.
Anthropics Börsengang soll wohl Mitte November nach den amerikanischen Midterms stattfinden. Er wird ein wichtiger erster Gradmesser, für wie robust die Märkte die Billionenwette der KI-Anbieter wirklich halten.
