Anja Blacha ist die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands. Die Fünfunddreißigjährige, geboren in Bielefeld, hat zwölf der 14 Achttausender erfolgreich ohne Flaschensauerstoff bestiegen. Zur Jahreswende 2019/2020 lief sie über gut 1300 Kilometer allein zum Südpol. In diesen Tagen ist sie auf dem Weg zum Gipfel des Lhotse, dem der Aufstieg zum 14. Achttausender, der Shishapangma, folgen soll. Ihre Berichte werden an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden sie von Stephanie Geiger.
Teil 4: Anpassung an das Leben in der Höhe
Weil ich ohne Flaschensauerstoff unterwegs bin, ist die Höhenanpassung entscheidend für den Erfolg meiner Expedition. Ich habe zwar ein Hypoxie-Zelt zuhause, mit dem ich den Sauerstoffmangel in größeren Höhen simulieren kann. Man schläft aber schon allein wegen des Zelts und des Geräuschpegels nicht so gut darin. Weil ich nicht schon zuhause ungemütlich schlafen will, nutze ich es nur selten.
Für die Höhenanpassung ist es am effektivsten, wenn ich zu Fuß zum Basislager gehe, auf diese Weise langsam an Höhe gewinne und dann Rotationen am Berg mache. So gewöhne ich den Körper auch an die hypobare Umgebung, also den verminderten Luftdruck, was deutliche Vorteile gegenüber der normobaren Akklimatisierung im Höhenzelt daheim hat. Das heißt, ich bleibe erst im Basislager und gewöhne mich an die Höhe, steige zum ersten Hochlager auf, trage Ausrüstung wie Zelt, Schlafsack und Kocher hinauf, schlafe dort oben und steige wieder ins Basislager ab. Beim nächsten Mal steige ich dann zum Lager 1 und weiter zum Lager 2. Ziel dieser Rotationen ist, dem Körper einen Impuls zu geben, weniger Sauerstoffzufuhr und geringeren Luftdruck auszuhalten und im Basislager wieder zu regenerieren.
Ich würde jetzt gerne mit diesen Rotationen beginnen, doch die Arbeiten an der Route durch den Khumbu-Eisbruch, in dem ein Sherpa-Team jede Saison Leitern und Seile anbringt, um Gletscherspalten und Eisabbrüche zu überwinden, verzögern sich. Also bleibe ich im Basislager auf Stand-by.
Man sieht wenig, hört aber viel über Medikamente am Berg. Es gibt Trekking- und Expeditionsveranstalter, die Diamox, das bei der Höhenanpassung unterstützen soll, vom ersten Tag an empfehlen. Wir hatten gerade eine Trekkinggruppe für eine Nacht bei uns im Basislager zu Besuch, deren Teilnehmer sehr freizügig Diamox und Co. eingenommen haben.

Am K2 (8611 Meter) war ich mal mit einem Amerikaner unterwegs. Er war sehr sportlich und ambitioniert, hatte es im Jahr vorher aber nicht auf den Gipfel geschafft. Medizin gehörte für ihn dazu. Er hat sich meinem Tempo angeschlossen und gesehen, dass mein „go slow to go fast“ ungemein hilft.
Ich will spüren, wie mein Körper mit der Höhe klarkommt und wie es mir geht, deshalb nehme ich am Berg keine Medikamente. Ein einziges Mal habe ich ein Aspirin genommen, weil es mir nicht gut ging, sich eine Erkältung anbahnte. Hinterher ging es mir noch schlechter. Das war am Broad Peak (8051 Meter). Seither nehme ich nichts mehr. Ich habe aber immer etwas für den Notfall dabei. Dexamethason, ein Notfallmittel gegen ein Höhenhirnödem, als Ampulle und auch in Tablettenform, Nifedipin, das für die Behandlung bei einem Höhenlungenödem verwendet wird, Diamox, Paracetamol und Ibuprofen.
Am Makalu hatte ich im Jahr 2024 relativ zur Höhe die kürzeste Höhenvorbereitung. Ich stand nach 23 Tagen auf dem 8485 Meter hohen Gipfel. Auch der Aufstieg auf die Annapurna (8091 Meter) im vergangenen Jahr war sportlich: Insgesamt waren es 18 Tage von Kathmandu bis zum Gipfel. Und am Manaslu (8163 Meter) waren es nur 15 Tage. Bin ich nicht gut an die Höhe angepasst, bin ich auf den höheren Etappen zunehmend langsamer und kälteempfindlicher.
Es heißt, der Körper erinnere sich an die Höhe. Aus der persönlichen Beobachtung bin ich da unsicher. Ich habe solche und solche Erfahrungen gemacht. Es gibt wohl einen Erinnerungseffekt bei der Muskulatur, beispielsweise bei den Quermuskeln an den Rippen. Das trainiert man über die Zeit. Auch die durch das Bergtraining verbesserte Kapillarisierung, also die Versorgung der Muskeln durch Blutgefäße, bleibt recht lange erhalten. Aber der Vorrat an roten Blutkörperchen, den man sich in der Höhe zulegt, ist schon zwei, drei Wochen nach einer Expedition wieder abgebaut.
Teil 3: Das Leben im Basislager
Mount Everest (8848 Meter), Lhotse (8516 Meter) und Nuptse (7861 Meter) bilden eine Art Hufeisen. An ihrem Fuß liegt in etwa 5300 Meter Höhe das Basislager auf dem Khumbu-Gletscher. Als ich vor etwas mehr als einer Woche hier angekommen bin, war ich in dieser Saison eine der ersten internationalen Bergsteigerinnen. Langsam werden es mehr. Vorgestern ist ein Chinese angekommen, der mit derselben Agentur unterwegs ist wie ich. Ein Kanadier ist seit gestern hier. Es gibt Schätzungen, wonach das Basislager bis zu 2000 Menschen beherbergt.
Noch ist es eine Baustelle. Der Khumbu-Gletscher ist keine ebene Fläche. Auf der Stein- und Eislandschaft, die aussieht wie ein erstarrtes aufgewühltes Meer, entsteht jedes Jahr ein Dorf aus Zelten. Bei meinem Spaziergang durch das Lager ist mir aufgefallen, dass die Zahl der großen Domzelte pro Expedition Jahr für Jahr zunimmt. Dort sind die Cafés untergebracht, die Fernsehlounge oder Couchbereiche zum Entspannen. Für VIP-Kunden gibt es bisweilen auch kleinere private Domzelte. Ich habe ein gelbes Box-Tent, ein Steilwandzelt. Eine Expedition hat eine Terrasse aus Holz auf den Gletscher gebaut, darauf wurde Kunstrasen ausgelegt. Zwar darf der Gletscher nicht mehr stark eingeebnet werden, ob das aber immer so genau umgesetzt wird?

In diesem Jahr sind nur noch drei Hubschrauberlandeplätze zugelassen. Aber ob drei, fünf oder zehn – für den Geräuschpegel ist das egal. Von morgens um sechs an dröhnt es, dann ist Dauerlärm den ganzen Vormittag.
Während des Trekkings habe ich mich riesig auf das Basislager gefreut. Nicht einmal auf eine Dusche müssen wir hier verzichten. Dafür gibt es ein kleines Zelt, das von der Sonne schön aufgewärmt wird. Möchte ich duschen, sage ich das der Küchenmannschaft. Eine halbe Stunde später habe ich warmes Wasser in einem Eimer und eine Kelle. Mir ist das lieber als die Campingdusche mit dem Beutel. Wäschewaschen funktioniert übrigens analog. Dafür bekommt man Schüsseln zum Waschen und Spülen.
Ich lebe mit dem zirkadianen Rhythmus. Die Sonne geht im Basislager gegen halb sechs auf, um halb sieben geht sie unter. Ich stehe ein, zwei Stunden nach Sonnenaufgang auf. Im Moment habe ich zwei Köche für mich allein. Zum Frühstück machen sie mir Porridge, Reispudding oder Müsli. Es gibt Eier, Gemüse, Obst, Masala-Tee. Mittags gibt es etwa Salat, Kartoffeln, Gemüse. Am Abend erst eine Suppe mit Croutons oder Popcorn, kürzlich hatte ich frische Kürbiscremesuppe, anschließend zwei oder drei verschiedene Kohlenhydratspeisen, mit Käse gefüllte Teigtaschen, Reis, Pasta, Kartoffelpuffer, dazu Gemüse. Und noch Obst zum Nachtisch. Das ist der absolute Food-Overload. Im vergangenen Jahr hatten wir auch ausgezeichneten Kaffee. Weil die Siebträgermaschine kaputt ist, gibt es derzeit aber nur Wasser und Tee.

Für die Besteigung kann ich im Moment nicht viel tun. Die Icefall Doctors, die die Fixseile verlegen, haben noch keine ausreichend sichere Route durch den Eisbruch des Khumbu-Gletschers gefunden. Heute Vormittag war ich auf dem Kala Patthar (5675 Meter), einem Vorgipfel des Pumori (7161 Meter), eine fünfstündige Wanderung. In den vergangenen Tagen habe ich Telefonate geführt, E-Mails beantwortet, Vorträge abgestimmt. Weil Dawa Sonam, einer der Sherpas im Basislager, im vergangenen Winter in Österreich gearbeitet hat und gerade Deutsch lernt, versuche ich nun, jeden Tag mit ihm zu üben.
Die Zeit geht schnell vorbei. In dieser Höhe braucht alles ein bisschen länger, alles geht etwas langsamer. Die Entschleunigung hat aber auch ihr Gutes. Die kleinen Dinge, Momente und Interaktionen rücken in den Fokus und lassen einen viel bewusster wahrnehmen, was es für einen erfüllten Tag braucht – oder eben auch nicht.
Teil 2: Gut eingepackt
Um nichts zu vergessen, habe ich Packlisten. Ich nehme die Liste vom letzten Mal und streiche, was ich nicht gebraucht habe. Den Daunenanzug habe ich diesmal zu Hause gelassen. Ich hatte ihn als Back-up bei allen Expeditionen dabei. Es ging aber auf den letzten zehn Gipfeln ohne. Ich bin am Berg lieber mit einer zweiteiligen Kombination aus Daunenjacke und Daunenhose unterwegs.
Auf meiner Packliste stehen rund 250 Dinge. Zelt, Kocher und Topf, eine Matte für die Hochlager, Klettergurt, Eispickel, Steigeisen, Helm und Karabiner. Dann das Essen für die Hochlager: Riegel, Nüsse, Trockenfrüchte und Expeditionsnahrung, das mit warmem Wasser angerührt wird – mein All-time-Favorite ist Couscous mit Linsen und Spinat.
Ich habe Handwärmer, Handschuhe und ein Reparatur-Kit mit Tape, Reepschnur und Flicken für Matratze und Zelt dabei. Und natürlich die schweren Stiefel für den Aufstieg, bequeme Booties und Adiletten fürs Basislager und Sneaker für das Trekking und Wanderungen nahe dem Basislager. Insgesamt sind es 60 Kilogramm plus acht Kilogramm Handgepäck.

Mit dem Packen beginne ich zwei, drei Wochen vor der Abreise. Ich bemühe mich, alles möglichst redundant auf die Taschen zu verteilen. Den einen Pickel packe ich in Tasche eins, den Ersatzpickel in Tasche zwei, die dicken Fäustlinge in Tasche eins, die warmen Fingerhandschuhe in Tasche zwei, Skibrille in Tasche eins, Sonnenbrille in Tasche zwei.
Im Basislager sortiere ich dann alles um, um einen besseren Überblick zu haben: in die eine das Essen und die Kochausrüstung, in die andere die gesamte Hardware, in die dritte die Bekleidung. Die Daunensachen habe ich im Zelt aufgehängt, damit sie nicht zu lange komprimiert sind. Das ist besser für die Isolationsleistung.
Über die Jahre sind meine Packlisten eher kürzer geworden. Für den Lhotse habe ich nur ein Zelt für die Hochlager dabei, in Pakistan waren es immer zwei. Wenn mir hier in Nepal das Zelt kaputtgeht, bekomme ich recht einfach Ersatz aus Kathmandu oder kann das Zelt von anderen mitbenutzen. In Pakistan ist es viel komplizierter, sich Ersatz bringen zu lassen. An manchen Bergen dort muss man seinen Zeltplatz sogar dauerhaft mit einem Zelt reserviert lassen, sonst findet man keinen Platz mehr.
Am Nanga Parbat war das so. Da brauchte ich ein Zelt, das dauerhaft am Lager 2 blieb, und ein Zelt für die anderen beiden Hochlager. Ich bin überzeugt von meinen Listen: Es gibt Studien, wonach in Kliniken durch Checklisten Komplikationen um die Hälfte reduziert werden konnten. Einen Cybersecurity-Angriff ohne Eskalations-Checkliste managen? Pures Chaos!
Ich führe solche Listen deshalb nicht nur fürs Packen. Haben alle, die ihn haben sollen, den Tracking-Link für mein Satelliten-Kommunikationsgerät? Habe ich meine Versicherungsnummern weitergegeben? Weiß ich, wer mein Funkkontakt ist? Mir geben meine Listen große innere Ruhe. Und sie funktionieren. Ich bin nun seit fast einer Woche im Basislager und scheine nichts vergessen zu haben.
Teil 1: Die Beter beruhigen
Das Basislager ist erreicht. Eine Woche nach meiner Abreise aus Europa habe ich mein Zelt auf dem Khumbu-Gletscher bezogen. Vier Tage war ich dorthin zu Fuß unterwegs. Natürlich könnte man auch mit dem Hubschrauber ins Basislager fliegen, ich nähere mich, wenn es die Zeit erlaubt, dem Berg aber lieber zu Fuß. Das ist mein persönlicher Expeditionsstil. Wie schön sind die gewundenen Pfade, auf denen man so viel entdecken und noch dazu die Gastfreundschaft der Menschen erleben kann.
Ich hatte Glück mit meinem Flug von Kathmandu in die Everest-Region. Lukla, das Dorf mit dem Flugplatz, es heißt, es sei einer der gefährlichsten der Welt, ist der Ausgangspunkt der meisten Trekkings und Expeditionen in der Region. Zwei Tage lang war Lukla aufgrund des Wetters mit den kleinen Propellermaschinen kaum zu erreichen. Mein Flug war der erste, der von Kathmandu direkt nach Lukla flog. Mit mir an Bord war eine Gruppe betender Buddhisten. Angesichts der Turbulenzen hatte das etwas Beruhigendes.

In Lukla habe ich die Träger getroffen, die mein Expeditionsgepäck ins Basislager bringen sollten. Vom Teebeutel bis zum Baustahl wird ab Lukla alles auf dem Rücken von Menschen oder Tieren transportiert. Es gibt dort keine Straßen. Expeditionen nutzen heute oft Helikopter. Dagegen protestieren regelmäßig Yak- und Mulitreiber und auch die Trägergewerkschaft.
Ein Porter trägt heute 30 Kilogramm. Die älteren Träger machen sich zwar lustig, wenn Träger dieses Gewicht als schwer monieren. Früher war das Doppelte üblich. Ich finde die Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen trotzdem richtig.
Und nicht nur da konnte ich Veränderungen feststellen. Während der ersten Male, die ich in Nepal verbrachte, hat man überall indische Musik gehört. Im vergangenen Jahr dann ganz viel Nepali-Hip-Hop. Und jetzt mischt sich zunehmend internationaler Pop dazu. Auch die sozialen Medien setzen sich mehr und mehr durch. Mit meinen Portern habe ich über Whatsapp und Google Maps vereinbart, wo wir uns treffen.
Weil der Flieger erst so spät landete, blieb ich zunächst noch eine Nacht in Lukla. Erst am nächsten Tag begann ich mit dem Trekking. Weil in den Vortagen so wenige Touristen nach Lukla gekommen sind, waren nur wenige Leute auf dem Trek unterwegs. In Namche, dem Hauptort der Sherpa-Region, habe ich Adriana Brownlee und Gelje Sherpa getroffen, alte Bekannte von mir. Die Britin und der Nepali waren die Jüngsten auf den 14 Achttausendern und haben jetzt eine eigene Expeditionsagentur gegründet. Ihr Ziel: der Mount Everest.
Am nächsten Tag war dann zum ersten Mal das Ziel meiner Expedition zu sehen. In Namche geht es erst einmal eine lange Treppe hinauf zum Everest View Hotel (3880 Meter). Dort oben sieht man die Ama Dablam, einen wunderschönen Sechstausender, und links davon die Gipfel des Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt, auf dem ich im vergangenen Jahr zum dritten Mal stand, und vom 8516 Meter hohen Lhotse, mein Ziel in diesem Jahr. Es ist ein Panorama wie gemalt.
Je näher ich dem Lhotse an den nächsten Tagen gekommen bin, desto surrealer wurde es, mir vorzustellen, dass man dort hinaufkommt. So ging es mir schon oft bei Expeditionen. Aber es hat bisher immer noch eine Route auf den Gipfel gegeben. Jetzt gönne ich mir aber erst ein paar Tage Ruhe, um mich zu erholen. Immerhin liegt das Basislager auf 5300 Meter Höhe.
