Sie war das Gesicht der „Second Wave“, der zweiten Welle des Feminismus, deren Errungenschaften heute so selbstverständlich scheinen, dass manche sie schon wieder für verzichtbar erklären: Gloria Steinem. Und „Gesicht“ tut ihr furchtbar unrecht, es erzählt aber davon, wie die Medienwelt auch in den Sechziger- und Siebzigerjahren funktionierte. Steinem wusste, dass ihr gutes Aussehen ihr die Aufmerksamkeit bringen konnte, die sie zur Durchsetzung ihrer politischen Forderungen brauchte.
Diese Forderungen waren damals radikal, sind es im Grunde heute noch: gleicher Zugang zu politischer Macht, gleiche Bezahlung, Beteiligung von Männern an Haushalt und Kindererziehung, Selbstbestimmung über den eigenen Körper einschließlich des Zugangs zu Abtreibungen, Schutz vor Gewalt von Männern. Heute wird Steinem manchmal als liberale, weiße Feministin beschrieben, doch sie gehörte zu jenen, die nicht nur auf dem Kongress von NOW (National Women’s Political Caucus) im Jahr 1971 betonten, dass die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht zu trennen seien von ökonomischer Ausbeutung und Rassismus.
Undercover im Playboy-Club
Bevor Steinem eine der bekanntesten Feministinnen der Welt wurde, war sie Journalistin. Geboren 1934 in Toledo, Ohio, ging sie ans Smith College in Massachusetts, verbrachte zwei Jahre in Indien und zog nach New York. Ihre erste große Geschichte schrieb Steinem 1963, nachdem sie undercover in die Welt des Playboy Clubs eingetaucht war. Sie gründete 1968 das „New York Magazine“ mit und 1971 das erste feministische Magazin des Landes, „Ms.“. „Ms.“ ist nicht gleichbedeutend mit „Fräulein“, sondern im Amerikanischen die förmliche Anrede einer Frau überall dort, wo ihr Ehestatus irrelevant ist. Das Magazin veränderte, worüber öffentlich gesprochen wurde: Ehe, Haushalt, Sex, Abtreibung, Gewalt waren keine reinen Privatangelegenheiten mehr. Steinem selbst hatte in London mit 22 Jahren einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Sie kämpfte zeitlebens für das Recht auf den Zugang zu sicheren Abtreibungen.

Steinem wurde von ihren Gegnern heftig bekämpft. Es gab auch Kritik aus der Bewegung selbst, etwa als sie 1972 George McGovern statt die schwarze NOW-Mitgründerin Shirley Chisholm im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten unterstützte. Auch dass Steinem für das World Youth Festival 1959 in Wien mobilisiert hatte, mit dem die CIA ihren kulturellen Einfluss vergrößern wollte, wurde oft kritisiert.
Und als sie im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton unterstützte, bekam Steinem Gegenwind von jungen Feministinnen, nachdem sie über die vermeintlich vorwiegend männlichen Unterstützer des linken Kandidaten Bernie Sanders gesagt hatte: „The boys are with Bernie.“ Manche ihrer früheren Positionen korrigierte Steinem selbst. War sie zuvor nicht als laute Unterstützerin von Menschen, die transgender sind, aufgetreten, schrieb sie etwa 2020, Einschränkungen von deren medizinischer Versorgung gefährdeten alle Amerikaner.
Ihr wichtigstes Vermächtnis ist die Veränderung des Denkens
Der Rückblick auf Gloria Steinems Leben erinnert daran, dass politische Veränderungen auch in der kulturellen Sphäre erkämpft werden. Steinem selbst wusste allerdings immer, dass das nicht reicht, und konzentrierte sich auch auf die Bildung von politischen Netzwerken innerhalb der Demokratischen Partei. Ihr wichtigstes Vermächtnis liegt nicht in einer einzelnen Forderung, sondern in der Veränderung der politischen Vorstellungskraft, die sie gemeinsam mit vielen anderen Feministinnen wie Betty Friedan oder Dorothy Pitman Hughes bewirkte.
Vor „Ms.“ und NOW konnte die amerikanische Öffentlichkeit so tun, als seien Ehe, Sex, Kinder, Abtreibung, Hausarbeit oder Gewalt in Partnerschaften reine Privatangelegenheiten. Die militanten Suffragetten hatten das Wahlrecht erkämpft, in der Arbeiterbewegung gab es Frauen, die für die Arbeiterinnen kämpften, doch erst der Feminismus der „Second Wave“ machte das vermeintlich Private politisch. Am 2. September ist Gloria Steinem im Alter von 92 Jahren gestorben.
