
Hundert Jahre alt werden, und das in guter geistiger und passabler körperlicher Verfassung, ist für viele Menschen erstrebenswert. Helmut Luft, selbst Altersforscher und in gewisser Hinsicht sein eigener Untersuchungsgegenstand, hat es geschafft, und sogar noch ein Jahr darüber hinaus. Wie das geht, das erzählte er der F.A.Z. vor anderthalb Jahren in einem Interview. Glück und Genetik bildeten die Basis. Doch Laufen, Lernen, Lachen und Lieben seien das Wichtigste, also Aktivität, Neugier, Humor und Begeisterung. Luft selbst hielt sich auch mit hundert Jahren noch beim Golfspiel fit, nahm Gesangsunterricht und pflegte seine sozialen Beziehungen.
Dass Körper und Geist enger zusammenhängen, als viele Mediziner zugeben möchten, war dem Arzt Helmut Luft bald klar gewesen. Der Bauernsohn aus der Nähe von Darmstadt studierte Medizin in den letzten Kriegsjahren in Berlin und nach Kriegsende in Frankfurt. Schon seine Promotionsschrift über „Traum und Stimmung“ deutete in die Richtung, die für ihn wegweisend sein würde. Deshalb beließ er es nicht beim Studium der Humanmedizin, sondern setzte nach etlichen Weiterbildungen noch eine Ausbildung zum Psychoanalytiker drauf. Er absolvierte sie von 1965 an am kurz zuvor gegründeten Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, das damals von Alexander Mitscherlich geleitet wurde.
Von 1965 bis zum Jahr 2000 leitete er die Kurklinik in Hofheim, bekannt als „Luft-Klinik“, und entwickelte das Haus mit seinen 100 Betten konsequent zu einem Fachzentrum für Neurologie und Psychosomatik weiter. Behandelt habe er die Körper, aber interessiert habe ihn die Psyche, sagte er. „Manchmal kann man Wunder bewirken, wenn man das ganzheitlich betrachtet und den Menschen und seine Lebensgeschichte miteinbezieht.“
Luft übernahm Funktionen bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung sowie als Gutachter bei den Landesärztekammern in Hessen und Rheinland-Pfalz. An der Mainzer Gutenberg-Universität war er Mitgründer und Präsident des Psychoanalytischen Instituts.
Ab 1994 widmete er sich zunehmend dem Thema Alter. „Das kam, als ich selbst gemerkt habe, dass ich als alt gelte, mich aber keineswegs so gefühlt habe“, sagte Luft. „Da habe ich mich gefragt, ab wann ist man eigentlich alt? Ich habe das systematisch untersucht, bis sechzig und ab sechzig bis unendlich. Da gibt es gewaltige Unterschiede.“ Luft beobachtete an sich selbst, wie er immer wieder an den gleichen Themen vorbeikreiste, doch stets eine neue Perspektive einnahm.
Auch mit mehr als 90 Jahren hätten bei ihm noch Entwicklungen stattgefunden. „Ich habe den Eindruck, das ist noch einmal ein Qualitätssprung des Denkens, weil der Körper einen völlig im Stich lässt“, sagt Luft. „Man ist schon mit einem Bein in der Ewigkeit, und es kommen einem Gedanken, die einem vorher nicht kommen.“
Über seine Erfahrungen mit dem Alter schrieb er zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher. Im Jahr 2025 erschien sein letztes Buch „Jenseits von 90. Das Versagen des Körpers und die Reifung der Person im hohen Alter“. Helmut Luft hatte noch Pläne für weitere Publikationen im Kopf, doch am Ende ließ ihn nach einem Sturz sein Körper im Stich. Er starb am 20. April im Alter von 101 Jahren in Hofheim.
