Wer Alice Weidel nicht persönlich kennt, hat sie wahrscheinlich im Fernsehen gesehen. Dort stellt sie sich den kritischen Fragen, und das kann so und so ausgehen. Manchmal ist Weidel regelrecht heiter. Dann lacht sie, und nichts kann ihre Laune trüben, auch nicht eine Frage, die aus ihrer Sicht jeder Grundlage entbehrt. Das loben die Anhänger, weil es souverän wirkt, wenn sie nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen kann. Die Anhänger unterstellen, dass ihr das Lachen schon vergehen würde, wenn ihr ein echtes, belegbares Problem unterkäme. Solange Weidel lacht, scheint es kein Problem zu geben.
Ihre Anhänger finden aber auch das Gegenteil gut. Gemeint sind Interviews, in denen Weidel ihre Irritation nicht verbirgt. Dann sieht sie aus, als würde die Dummheit der Menschen sie beelenden. Das Lächeln ist weg, die Mundwinkel werden tief, sie holt Luft und spricht jedes Wort. Sehr. Deutlich. Oder sie benutzt ihre zweite Angriffsstimme. Dann leiert sie die Wörter herunter, wie es Leute machen, die sich herablassen, anderen die Welt zu erklären. Meistens ist das der Punkt, an dem sie irgendjemanden runtermacht, den Moderator, den Bundeskanzler oder die Gesamtheit aller politischen Parteien mit Ausnahme ihrer eigenen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wer Weidel nicht mag, findet das fürchterlich schwach, weil sie den Fragen ausweicht. Andere, die Weidel gut finden, schwärmen hingegen davon, wie sie es den Journalisten zeigt, die mit ihren Fragen in ihren Augen doch nur eine legitime patriotische Position diskreditieren wollen. Weidels Parteitagsreden sind ähnlich scharf geschrieben, damit sie das aggressive Gesicht zeigen kann, das die Anhänger so mögen.
Die Menschen sehen Alice Weidel im Fernsehen und nehmen daher natürlicherweise an: Das ist ihr Kampfmodus nach außen, für politische Gegner, nervige Journalisten und alle, die ihr verquere Fragen stellen. Das Problem ist aber: Weidel redet mit Parteifreunden genauso. Gereizt, scharf, feindselig.
Die F.A.S. hat bei AfD-Politikern nachgefragt. Sowohl bei denen, die Weidel kritisch sehen, als auch bei ihren Unterstützern. Die einen beschreiben ihre Art als schnippisch und herablassend, die anderen als führungsstark und souverän, aber niemand leugnet, dass Weidel eine herrische Ader hat. Sie kann abkanzeln, runtermachen, schlecht gelaunt sein, Leuten ins Wort fallen, laut werden, ganz so wie in der Öffentlichkeit. Nur dass es in solchen Fällen keine politischen Gegner sind, die es abkriegen, sondern aus Sicht der AfD linientreue, verdiente und fleißige Leute.
„Das ist keine künstliche Empörung. Das ist sehr authentisch“
Man könnte sagen, es sei normal, dass Spitzenpolitiker mal lauter und deutlicher werden. Das würde auch passen zur AfD. Schließlich gibt es dort viele, die sich nicht zieren zu sagen, was sie fühlen. AfD-Politiker, die Weidel kritisieren, meinen aber etwas anderes: Sie finden es überhaupt nicht normal, wie Weidel mit ihnen umspringt. Und sie sind sicher, dass Weidel nichts davon spielt. Das nämlich meinen manche Beobachter, weil der Zorn aufgesetzt wirken kann, wenn er aus dem Nichts kommt und keine erkennbare Ursache hat. Weidels Kritiker widersprechen dem. Sie sagen Sätze wie: „Das ist keine einstudierte Geschichte. Das ist keine künstliche Empörung. Das ist sehr authentisch.“

Weidel war schon immer so, und manchmal wünschen sich AfD-Politiker, die das erdulden müssen, dass mehr Menschen davon wüssten. Manche leiden darunter und wissen sich nicht zu helfen. Sie empfinden solche Begegnungen als unangenehm, ungerecht und übergriffig. Einer sagt: „Ich habe das Gefühl, es wird schlimmer. Je mehr sie erreicht, umso mehr glaubt sie sich erlauben zu können.“
Mitglieder des Bundesvorstandes haben schon in früheren Zeiten mit einem gewissen Schaudern erzählt, wie es ist, wenn die Vorsitzende morgens schlecht gelaunt an Telefonkonferenzen teilnimmt. Da kann es altgedienten Funktionären passieren, dass sie behandelt werden wie eine Journalistin, die sich die Frage traut, wie durchsetzungsfähig Weidel in ihrer Partei wirklich ist. Genauso kann es Abgeordneten im Fraktionsvorstand gehen, wenn sie eine aus Weidels Sicht törichte Wortmeldung oder unkluge Entscheidung zu verantworten haben.
Manchmal überlegen Funktionäre, ob es jemanden geben könnte, der mit ihr reden könnte, dass es so nicht geht. Aber wer? Der Name Tino Chrupalla fällt. Da winkt Weidels Umfeld schon ab. Von dem würde sie sich bestimmt nichts sagen lassen. Alexander Gauland? Nein, von dem auch nicht. Alle anderen sollten sich ohnehin nicht trauen, lautet die allgemeine Einschätzung. Es sei denn, sie wollten enden wie kürzlich die ZDF-Journalistin Dunja Hayali in einem aufsehenerregenden Interview, in dem Weidel aus einer zornigen Laune heraus keine einzige Frage beantwortete.
Einmal sagte ein hochgestellter AfD-Politiker zu einem anderen AfD-Politiker: „Ich muss mich für Frau Weidel entschuldigen. Das war hochgradig unanständig von ihr.“ Das sollte besänftigen. Es war aber eine hilflose Geste, denn Weidel selbst hatte sich nicht entschuldigt. In der Partei wird über solche Sachen sehr ernst geredet, also nicht mit einem Augenzwinkern wie über jemanden, der eine lustige Marotte hat, sondern wie über ein folgenschweres Problem. Funktionäre fühlen sich von Weidel gekränkt. Sie wollen so nicht mit sich reden lassen. Einer sagt, er würde wohl ein „blutendes Magengeschwür“ bekommen, wenn er für Weidel arbeiten müsste. Es gibt sogar bei denen, die Weidel wohlgesinnt sind, die Befürchtung, dass es Weidel schaden könnte, wenn rauskäme, wie sie die Leute manchmal behandelt.
Die Betroffenen sagen: Weidel weiß nicht alles, urteilt aber trotzdem
Manchmal sind die Ausbrüche laut den Betroffenen nicht in der Sache begründet, sondern stammen daher, dass Weidel nicht tief genug in ein Thema eingearbeitet ist und sich aber trotzdem ein vehementes Urteil erlaubt. So beschreibt es jemand, der mal mit ihr im Bundesvorstand saß. Jemand, der auch dort Mitglied war, sagt, dass Weidel manchmal eine Stunde zu spät kam und eine Stunde früher wieder ging, dazwischen aber sehr offen ihre Gefühle zum Ausdruck brachte. So was erzeugt bei den Funktionären zusätzlich einen negativen Eindruck. Sie machen die Fleißarbeit und werden dann noch niedergemacht. Weidel selbst möchte zu diesem ganzen Gerede über ihre Person nichts sagen. Sie lässt eine Frist zur Stellungnahme einfach verstreichen.

Früher, um das Jahr 2017 herum, stürmte Weidel manchmal erbost aus Talkshows. Das fanden die Anhänger wunderbar, es gab in ihrem Team aber die Sorge, dass sie nicht mehr eingeladen wird, wenn sie so weitermacht. Also übte Weidel, freundlich zu bleiben. Sie hatte auch Coachings auf Fraktionskosten. Da kamen Berater, die 1400 bis 1600 Euro am Tag kosteten. Die Sitzungen stellten sich aber als schwierig heraus, weil Weidel sich ungern etwas sagen lassen wollte. Sie trainierte lieber selbst. Seither lächelt sie viel und lacht, wenn jemand ihr etwas Negatives vorhält. Den Schilderungen zufolge sind weder die Wut noch dieses Lachen künstlich aufgesetzt. Vielmehr bemüht sich Weidel, entspannt zu bleiben, die Mimik folgt dann dieser inneren Einstellung.
Das alles ist ein großer Unterschied zu Tino Chrupalla, dem anderen AfD-Vorsitzenden. Vorfälle, bei denen Chrupalla anderen Parteikollegen gegenüber ausfällig geworden wäre, sind in der Partei nicht bekannt. Über Chrupalla heißt es, dass er immer ans Telefon geht, wenn ihn jemand anruft, und dass er auch zu unwichtigen Terminen kommt, wenn er im Wahlkampf helfen soll. Über Weidel sagen sie in der Partei das Gegenteil: schwer erreichbar, weniger auf Terminen. Entschuldigend wird angeführt, dass Weidel aufgrund ihrer Bekanntheit eine höhere Sicherheitseinstufung durch das Bundeskriminalamt hat als Chrupalla. Das führt dazu, dass ihr geraten wird, nicht stundenlang auf Marktplätzen in Ostdeutschland herumzustehen. In solchen Momenten wird eine Hierarchie zwischen den eigentlich gleichgestellten Parteivorsitzenden sichtbar.
Alice Weidel wurde gewählt, um Frauke Petry loszuwerden
In ihr Amt als Bundesvorsitzende kam Weidel auf ungewöhnliche Weise. Der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland wollte seine Ko-Vorsitzende Frauke Petry absetzen und suchte eine junge Frau, die ihn als älteren Herrn ergänzt. Die Wahl fiel auf Weidel. Normalerweise werden Bundesvorsitzende von Parteien gewählt, weil sie eine Hausmacht haben, zum Beispiel als Vorsitzende eines großen Landesverbandes wie Baden-Württemberg, aus dem Weidel stammt. Dann suchen sie weitere Verbündete und kämpfen sich ins Amt. Weidel war aber nie Landesvorsitzende, sie hatte nicht das Standing, um Baden-Württemberg zu einen. Sie wurde nur gewählt, um Petry loszuwerden.

So kam es, dass Weidel früher eine schwache Vorsitzende war. Sie konnte gar nicht anderen hineinregieren, weil manche ohnehin annahmen, ihre Karriere sei endlich. Diese Zeiten sind vorbei. Weidel ist unangefochten. Und das nicht erst seit dem Erfurter Parteitag, bei dem sie jüngst wiedergewählt wurde, sondern seit Jahren. Sie führt auch mehr als früher. Während im Jahr 2024 bei der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen noch der Eindruck entstanden war, die AfD sei eine Partei, die nicht geführt werde, ist das heute anders. Alice Weidel kann ihre Kandidaten für den Bundesvorstand durchsetzen. Sie beeinflusst Parteitage in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Niemand glaubt, sie loswerden zu können, deshalb sind ihre Gegner vorsichtiger geworden. Sie hören ihr besser zu als früher. Aber nicht alle mögen sie auch.
Wer schroff ist, macht sich Feinde. Über Weidel sagen ihre Kritiker, dass sie Teil eines Netzwerkes ist, dieses aber nicht selbst pflegt. Dass sie nur in ihrer Position ist, weil sie von den Anhängern wie ein Popstar gefeiert wird und weil ein Netzwerk aus Funktionären rund um den rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden Sebastian Münzenmaier darin Vorteile sieht, wenn Weidel die Partei nach außen vertritt. Es heißt, dass Weidel viele Telefonnummern habe und manchmal, wenn sie etwas will, auch einen ganzen Tag lang Leute abtelefoniert. Aber eben nur dann.
Es gibt Leute in der Partei, die das alles mögen, die autoritäre Art, den bissigen Ton. Sie sagen, Weidel schaffe Ordnung, schwärmen von „Klartext“ und „Führungsstärke“ und bemerken, dass Weidel „taff“ ist. Sitzungen, die Weidel leitet, sind angeblich viel kürzer als solche, bei denen Chrupalla den Vorsitz hat. Solche AfD-Politiker bitten Weidel, doch öfter ein Machtwort zu sprechen, damit Dinge sich nicht fünfmal im Kreis drehen, und stören sich daran, wenn Weidel zögert. Einer sagt: „Eine rechte Partei will auch geführt werden.“
Manche finden die Abgehobenheit, die sie ausstrahlt, sogar hilfreich. Sie behaupten, das könne eine Strategie sein, nach dem Motto: „Willst du was gelten, mach dich selten!“ Wenn Alice Weidel dann doch jemanden anruft, wird das von Abgeordneten oder Kreisvorsitzenden als etwas Besonderes eingeschätzt, wohingegen ein Anruf von Tino Chrupalla etwas sehr viel Normaleres ist. Das ist die freundliche Interpretation von Weidels Verhalten. Weidels Befürworter sagen, dass der Zorn oft die Richtigen trifft, also Leute, die wirklich etwas falsch gemacht haben oder nerven oder den Betrieb aufhalten. Aber sie geben zu, dass Weidel schon schroff sein kann, wenn sie will. Manchmal tun ihnen die Zurechtgestutzten auch ein bisschen leid.
Weidel kann so weich und zart lächeln, dass manche in der Partei vermuten, sie überspiele eine Unsicherheit, die jeder Mensch kennt, mit einer möglichst harten Aura. Manchmal hat Weidel richtig gute Laune. So wird es in der Partei erzählt. Dann sagen Menschen, die ihr begegnen: „Die ist ja unglaublich locker!“ Andere sind überrascht, dass Weidel sich nach einer Veranstaltung eine ganze Stunde Zeit nimmt, um mit Anhängern Selfies zu machen. Und sie dabei nicht etwa genervt wirkt, sondern entspannt und fröhlich. Neulich soll Weidel in einer Sitzung des Bundesvorstandes gesungen haben. Wenn Abgeordnete einen Termin bei Weidel haben, sagen sie manchmal vorauseilend: „Du hast sicher wenig Zeit.“ Aber von wegen: Weidel hat Zeit. Und hört ausführlich zu.
Wenn jemand Weidel ärgern wollte, was nach Auskunft aller Befragten niemand in der Partei vorhat, könnte gesagt werden: In den freundlichen, kollegialen Momenten ähnelt sie fast ein wenig ihrem Ko-Vorsitzenden, dem telefonisch erreichbaren und hilfsbereiten Tino Chrupalla.
