Soziale Medien, die in Russland eigentlich blockiert sind, haben einen Veteranen aus dem Dorf Lisinowka im südwestlichen Gebiet Woronesch binnen weniger Tage bekannt gemacht, ihm wohl aber auch eine Razzia und Arrest eingetragen. Am vergangenen Donnerstag forderte der 39 Jahre alte Videoblogger Alexandr Lunin, der sich zu diesem Anlass trotz sommerlicher Wärme seine mit Orden behängte Jacke angezogen hatte, den russischen Herrscher auf, ihn zu treffen.
Wenn Wladimir Putin ihm nicht „in nächster Zeit“ eine „Audienz“ im Kreml gewähre, auf der er in direkter Fernsehübertragung „die ganze Wahrheit darüber, was bei uns im Land jetzt vor sich geht“ erzählen könne, werde das „sehr ernste Folgen haben“, sagte Lunin. In diesem Fall werde „die Armee ihre Waffen gegen den Kreml wenden“.
Als Problem schildert Lunin in dem nur gut eineinhalb Minuten dauernden Clip die vielfach berichtete Praxis, dass russische Soldaten von den eigenen Kommandeuren um Geld erpresst und gequält werden, wenn sie sich weigern, „dumme, selbstmörderische Befehle“ zu befolgen, oder gar getötet werden, „annulliert“ im Kriegsjargon. Das betreffe derzeit „Hunderte, Tausende Soldaten“.
Erinnerungen an Prigoschin
Lunins Appell verbreitete sich in Windeseile, wurde allein auf dem in Russland nur über VPN aufzurufenden Netzwerk Instagram millionenfach aufgerufen. Journalisten überprüften Lunins Vita. Demnach kämpfte er bald nach dem Überfall auf die Ukraine von 2022 mit einem Freiwilligenbataillon in der Südukraine, erst als Schütze, dann als Leiter eines Spähtrupps. Den Journalisten erzählte Lunin, später habe er als Soldat im westrussischen Gebiet Kursk gekämpft, sei verwundet und 2025 wegen Ungehorsams entlassen worden.
Anders als Prigoschin verfügt Lunin nicht über bewaffnete Kräfte. Den Appell an Putin zeichnete er in seinem Garten auf, im Hintergrund bellt ein Hund. Er gibt darin an, nur eine Botschaft zu übermitteln, die ihm tags zuvor Vertreter des Verteidigungsministeriums und anderer bewaffneter Strukturen aufgetragen hätten.
Journalisten, die ihn anriefen, als der Appell schon Klicks sammelte, erzählte Lunin, er sei am vergangenen Mittwoch in Lisinowka mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, als ein Geländewagen mit drei Beamten aus dem Verteidigungs- und dem Innenministerium herangefahren sei. Die Männer hätten sich nicht namentlich vorgestellt. Aufmerksam geworden seien sie auf ihn wegen eines ersten, wenige Tage zuvor veröffentlichten Appells an Putin, den auch Putins Präsidialverwaltung bemerkt habe.
Wie Beauty-Bloggerin Bonja glaubt er an den „guten Zaren“
In diesem ersten Aufruf nimmt Lunin, auch schon in der Jacke mit Orden, Bezug auf einen anderen Instagram-Appell an den Herrscher, der im Frühjahr Furore gemacht hatte. Dabei zählte die in Monaco lebende Beauty-Bloggerin Viktorija Bonja einige Probleme Russlands auf. Ihr Clip verbreitete sich zwar ebenfalls schnell millionenfach, was als Zeichen dafür gewertet wurde, wie sehr viele Russen nach Stimmen hungern, die von der Zensur verschwiegene Missstände benennen. Doch erwähnte Bonja den Krieg nur am Rande und ließ sich aufgrund ihres Luxuslebens im Westen leicht vom Medienapparat diskreditieren. Sie ließ sich zudem von einer bloßen Kenntnisnahme durch Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, zu Tränen rühren und bald sogar vom Propagandaapparat einspannen.
Auf den ersten Blick wirkt der kriegserprobte Dorfbewohner Lunin ganz anders als die Influencerin. Trotz seiner zur Schau gestellten Männlichkeit mit Vollbart, Tätowierungen und derben Flüchen eint beide aber der offensichtliche, unter Russen verbreitete Glaube, der Herrscher als „guter Zar“ müsse nur richtig informiert werden, dann werde alles besser. „Ich gebe Ihnen mein Wort als Mann, dass ich Ihnen, wenn Sie mich zu sich in den Kreml einladen, die echte Wahrheit erzähle, die Ihnen kein einziger Ihrer Beamten, Ihrer Untergebenen sagen wird“, sagt Lunin im ersten Appell.
Darin kommt er noch ohne Aufstandsdrohung aus und nennt als Beispielproblem nur, dass sein Haus nur deshalb jetzt stärkeren Strom bekomme, weil sein Kamerad dafür bezahlt habe, obwohl er, Lunin, sich an die Regionalbehörden gewendet habe. „Ich bin der, der Gerechtigkeit erreicht“, sagt Lunin noch und hebt hervor, er sei zweifacher Vater und in seiner Familie trinke niemand Alkohol.
Razzia, Arrest und Unklarheiten
Peskow sagte am Freitag, man habe von dem Appell gehört, sich damit aber noch nicht auseinandersetzen können, es seien darin wohl „ziemlich seltsame Formulierungen“. Am Samstag erzählte Lunins Frau auf der Plattform Tiktok von einer nächtlichen Razzia. Die Polizisten hätten „USB-Sticks, Computer, Notebooks, Nunchakus“ – japanische Waffen, sogenannte Würgehölzer – mitgenommen. Ihr Mann sei nicht da gewesen, sondern nach Moskau gefahren. Später hieß es in Lunins Telegram-Kanal, er sei in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren für elf Tage in Arrest genommen worden. Unter welchen Vorwürfen, wurde nicht benannt.
