Pendelnd zwischen Fortissimo-Sturmerregtheit und leiser Todesgenesungsruhe, hat Johannes Brahms Detlev von Liliencrons Gedicht „Auf dem Kirchhofe“ für tiefe Stimme und Klavier in Töne gesetzt. Vehement platzt der Bariton Konstantin Krimmel mit der Anfangszeile heraus, vom Pianisten Ammiel Bushakevitz angestachelt durch herb akzentuierte Akkorde. Doch unversehens taut harter Vergänglichkeitsfrost in choralig weicher, im Bassbereich der Flügelsaiten verebbender Zartheit.
Das Lied aus Brahms’ op. 105 findet sich in der eröffnenden Dreiergruppe von Krimmels neuem Album „Mélancolie“. Der Name greift das Konzept seiner ebenfalls beim Label Alpha erschienenen Einspielungen mit Titeln wie „Saga“, „Zauberoper“ oder „Mythos“ auf. Schon dort beeindruckte der in Rumänien und Deutschland aufgewachsene Sänger nicht nur mit seiner außergewöhnlichen Stimme und immensen Gestaltungsintelligenz, sondern auch durch seine stilistische Vielseitigkeit. Eine vor fünf Jahren für die Deutsche Grammophon mitgeschnittene Livedarbietung von Valentin Silvestrovs „Silent Songs“ mit Hélène Grimaud bestätigte diese Offenheit für ein breites Repertoire.
Das jetzt vorgelegte Album stellt einzelnen Liedern von Brahms eine Auswahl aus den „Rumänischen Liedern“ op. 7 von Eusebius Mandyczewski gegenüber. Krimmel hat die 1885 in Wien zweisprachig als „Cântece romănesci“ mit deutscher Übersetzung veröffentlichten Gesänge hier zusammen mit seinem israelisch-südafrikanischen Liedbegleiter Bushakevitz erstmals in der Originalsprache aufgenommen. Die Texte stammen großenteils von Vasile Alecsandri (1821 bis 1890), den Krimmel wegen seines bildhaften Stils und seiner Naturverbundenheit schätzt.
Enge Freundschaft mit Brahms
Mandyczewski stammte aus einer alten rumänisch-orthodoxen Priesterfamilie. Er wurde 1857 in der Nähe der damals österreichischen, heute westukrainischen Stadt Czernowitz geboren, besuchte dort das deutsche Gymnasium und ging 1875 nach Wien, um Komposition bei Gustav Nottebohm, einem Schüler von Felix Mendelssohn und Simon Sechter, und Musikwissenschaft bei Eduard Hanslick zu studieren. Mit Brahms verband ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft. Sein musikalisches Œuvre umfasst orthodoxe Messen, Liederzyklen, Chöre in ukrainischer Sprache und mehr als zweihundert rumänische Volkslieder. Auf seine Initiative gehen die ersten Gesamtausgaben der Werke von Joseph Haydn, Franz Schubert und später auch von Brahms zurück.

Brahms und Mandyczewski teilten eine in Auseinandersetzung mit dem Volkslied entwickelte Kunstliedauffassung. Auch eine Vorliebe für Vertonungen melancholisch gestimmter Dichtung war ihnen gemeinsam. Insofern ergänzen sich die verschiedensprachigen Liedgruppen der beiden Wahl-Wiener im Albumkontext ideal. Krimmels Interpretation der rumänischen Gesänge lässt beim Hören des unvertrauten Idioms Inhalt und Charakter noch vor dem Nachschlagen von Wortbedeutungen erahnen. Ganz selbstverständlich blühen fremd klingende Diphthonge in eigener Schönheit auf. Als Verstehensbrücke dient die im letzten Vierteljahrtausend gewachsene, auch von Mandyczewski adaptierte Ausdrucksweise europäischer Liedkunst. Krimmel erfüllt sie mit unzähligen Nuancen, die er in jeder Tonhöhenlage und auf jeder dynamischen Stufe intuitiv kontrolliert. Stets ruht sein noch im kräftigsten Forte angenehmer Gesang in sich, was immer er auch singt.
All die poetischen Naturbilder für vergängliches Glück, für vergängliche Liebe, die in der für dieses Album ausgewählten Lyrik beschworen werden, entfaltet Krimmel kantabel rezitierend auf ungemein suggestive, aber völlig ungezwungene Weise. Geradezu maiengrün frisch tönt seine Stimme bei Mandyczewskis optimistisch beschwingtem Satz zu Alecsandris „Frühlingslied“, verströmt baritonal schmeichelnde Blumendüfte in den nostalgischen Vertonungen von dessen „Maienglöckchen“ oder „An ein Mädchen“, malt Melodiebögen mit unvergleichlicher Anmut und gleitet in perfektem Legato federleicht hinauf in freundlich-helle, lichte Höhen. Ihr unaufdringlich belebendes Vibrato hält ohne gekünsteltes Pathos den anbrandenden Meereswellen von Bushakevitz’ kongenial einfühlsamer Klavierbegleitung stand. Ein Genuss, dieser Zauberstimme zu lauschen!
„Mélancolie“. Lieder von Eusebius Mandyczewski und Johannes Brahms. Konstantin Krimmel (Bariton), Ammiel Bushakevitz, (Klavier). 1 CD Alpha 1258
