Der Roboter geht wenige Schritte und setzt dann zum Salto an. Das gelingt dem 1,40 Meter großen und 37,5 Kilogramm schweren Humanoid mit dem Namen „Agile One S“ problemlos. Kurz nachdem er wieder in den Stand gekommen ist, fängt er zu tanzen an. Im Hintergrund läuft der 80er-Jahre-Hit „Beat it“ von Michael Jackson. Das gelingt dem Roboter zwar nicht so geschmeidig wie dem Interpreten in dem berühmten Video, aber beeindruckend ist es allemal.
Das Roboter-Start-up Agile Robots hat Journalisten zu einem Medientag an seinen Stammsitz in München geladen und zeigt, wozu Roboter heute schon in der Lage sind. Ganze Armeen stehen in der Anfang des Jahres eröffneten Produktionshalle in Fürstenfeldbruck, rund 25 Kilometer westlich von München. Die Szenerie wirkt ein wenig wie Science-Fiction-Filme aus den 80er Jahren. Die Humanoide der Agile-One-Serie erinnern an den Roboter „C-3PO“ aus dem Hollywood-Film „Krieg der Sterne“. Die damalige Utopie, die Kulturpessimisten eher als Dystopie werten, scheint Wirklichkeit geworden zu sein.
Schon bald eine Milliarde Euro an Umsatz
Der Gründer von Agile Robots, der 42 Jahre alte Zhaopeng Chen, sieht sein Unternehmen mit 3500 Mitarbeitenden an der Speerspitze der nächsten industriellen Revolution. Gegenüber Journalisten deutet der Chinese, der seit zwei Jahrzehnten in München lebt und in seiner Doktorarbeit am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Roboterhand entwickelt hat, auf das große Potential von „Physical AI“, also physischer Künstlicher Intelligenz (KI), mit der Robotertechnologie inzwischen bezeichnet wird.
Das Marktpotential beziffert er bis zum Jahr 2030 auf 430 Milliarden Dollar und im Jahr 2040 auf 1,6 Billionen Dollar. Wie stark der Markt wächst, zeigt sich auch schon an seinem im Jahr 2018 zusammen mit dem DLR-Robotikexperten Peter Meusel gegründeten Unternehmen. Der Umsatz verdoppelte sich bislang in jedem Jahr, was auch Übernahmen zu verdanken ist. Im vergangenen Jahr waren es 300 Millionen Euro, und Chen erwartet sehr bald, dass der Umsatz die Milliardenmarke erreicht.

Dazu benötigt Agile Robots Kapital, obwohl in den vergangenen Jahren schon 1,5 Milliarden Euro eingesammelt werden konnten und das Start-up in einer Finanzierungsrunde den Einhorn-Status, also eine Milliardenbewertung, im Jahr 2021 erreicht hatte. Chen und der im Vorstand für Produktion zuständige Rory Sexton, der viele Jahre für Apple im Silicon Valley und in Asien tätig war, zeigten sich zuversichtlich, dass eine neue Finanzierungsrunde bald abgeschlossen werden könne.
Keine Sorge wegen chinesischer Investoren
Im Juni hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, dass sie 800 Millionen Dollar ausmachen dürfte. Damals hatte der Metzinger Wettbewerber Neura Robotics 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt. Der Agile-Großaktionär, die japanische Investmentgesellschaft Softbank, dürfte sich an der neuen Runde beteiligen. Gelassen zeigen sich Chen und Sexton auch, wenn sie auf den hohen Einfluss chinesischer Anteilseigner angesprochen werden. Sie verweisen dann auf die Mehrheit, die bei der Softbank und den beiden Gründern liegt.
Als Agile Robots im Jahr 2023 das Münchner Robotik-Start-up Franka Emika übernahm, hatte die Münchner Schoeller Holding, hinter der die Brüder Christoph und Martin Schoeller stehen, das Nachsehen. Sie warnten damals den damaligen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vergeblich, dass Agile von chinesischen Investoren kontrolliert werde. An Franka Emika war auch der Konkurrent Neura interessiert. Für Chen sind alle Investoren wichtig, die sein Unternehmen in der technologischen Entwicklung und im Wachstum unterstützen.
„Wir brauchen neues Kapital, um das Wachstum unseres Geschäfts beibehalten zu können“, betonte Chen. Zu den Investoren zählen chinesische Gesellschaften wie Sequoia oder Xiaomi. Der taiwanische Auftragsfertiger Foxconn, der für Apple iPhones herstellt, ist ebenfalls an Agile Robots beteiligt. Smartphone- und Laptop-Hersteller sind die wichtigsten Kunden von Agile Robots. Dahinter folgt die Autoindustrie. Agile Robots verfügt neben Deutschland auch über wichtige Produktionsstätten in China. Dort sind Peking, Shanghai und Shenzhen wichtige Standorte.
Trotzdem fühlt sich Chen in Deutschland als Stammsitz sehr wohl. „Die industrielle Infrastruktur ist hervorragend, das gilt auch für die Universitäten“, sagte er. Derzeit gibt es rund 25.000 Roboter und Roboterarme, die Agile an Unternehmen ausgeliefert hat. Darunter befinden sich rund 5000 Humanoide. Einzelne Kundennamen nennen Chen und der 59 Jahre alte Sexton nicht. Die Unternehmen dürften die Produkte von Agile überwiegend in Pilotprojekten einsetzen, in denen die Tauglichkeit für die tatsächliche Produktion getestet wird.
In Fürstenfeldbruck kann Agile Robots nach Aussagen von Sexton im Jahr bis zu 10.000 Roboter fertigen. Zum Teil werden eigene Roboter eingesetzt, um die nächste Generation von Robotern herzustellen. Derzeit arbeitet das Werk mit einer Kapazitätsauslastung von 20 Prozent. In diesem Jahr dürften Sexton zufolge Tausende von Robotern an Kunden ausgeliefert werden.
