
Endlich hat ein Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens mal etwas Handfestes gelernt. Der Norweger Morten Wierod ist Elektroingenieur und leitet den Technologiekonzern ABB mit Sitz in Zürich. Er bildet einen wohltuenden Gegensatz zu den ansonsten auf den Chefetagen tonangebenden Juristen oder McKinsey-Veteranen, die routiniert mit Paragraphen und Flipcharts jonglieren, aber nicht wissen, wie sie eine Sicherung auswechseln.
Wierod war während des großen Stromausfalls im vergangenen Jahr in Spanien zufällig selbst vor Ort und kann sowohl ökonomisch als auch technisch erklären, wie es zu dem europaweit beachteten Desaster vor genau einem Jahr kam. Vor dem Blackout am 28. April 2025 war der Stromverbrauch relativ niedrig, am Strommarkt notierten die Preise sogar im negativen Bereich. Daher lohnte es sich kaum, Energie anzubieten, keiner wollte verkaufen. Das Beispiel zeigt, wie wichtig der Zeitpunkt am Energiemarkt ist und warum es eine Grundlast braucht, um die Schwankungen durch Wind- und Sonnenstrom aufzufangen. Spanien habe inzwischen technisch nachgerüstet.
Die große Elektrifizierung der Mobilität und des Heizens
Wierod beschäftigt sich als Vorstandsvorsitzender des Siemens-Konkurrenten ABB nicht nur mit technischen Details, sondern vor allem mit den großen strategischen Linien. Die sehen grob umrissen so aus: Ab dem Jahr 2019 hat sich das Geschäft von ABB grundsätzlich verändert, weil wichtige Sektoren wie die Mobilität und das Heizen immer weiter elektrifiziert wurden. „Die Energiewende ist aus globaler Sicht aber noch nicht erfolgt“, sagte Wierod am Dienstagabend vor dem Frankfurter Journalistenclub ICFW.
Das bedeutet: Obwohl mit Blick auf Elektromobilität und erneuerbare Energien schon viel passiert ist, haben Anbieter wie ABB auch künftig noch viel zu tun und neue Großprojekte in Aussicht. Wierod spricht Englisch, deutsche Buzzwords wie „Energiewende“ oder „Sicherung“ benutzt der Ingenieur aber trotzdem, wenn er zum Beispiel davor warnt, dass die hiesige Energiewende die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland tätiger Unternehmen gefährde. Investitionen wanderten daher vielfach in andere Länder.
ABB hat seine Zentrale in Zürich ausgedünnt, um den Entscheidern vor Ort in den internationalen Märkten möglichst großen operativen Spielraum zu verschaffen. Die Beraterparole „local for local“ ist für Wierod und ABB also keine leere Formel. „Was wir in China verkaufen, stellen wir auch in China her“, sagt der Manager. Ähnlich sei es in anderen wichtigen Märkten wie den USA oder Indien. Diesen lokalen Ansatz verfolge ABB nicht erst seit dem von den USA entfachten Zollkonflikt. Lokale Produktion und separate Lieferketten schützen das Unternehmen auch vor den stark schwankenden Wechselkursen.
China setzt innovative Maßstäbe für Energie und Automatisierung
„Geschwindigkeit ist wichtiger als Synergien“, sagt der Manager mit Blick auf die große Autonomie der 16 operativen Geschäftsbereiche des international tätigen Konzerns, der allein in Deutschland 9000 Mitarbeiter beschäftigt. Geschwindigkeit ist wichtig, schon allein, weil die Konkurrenz aus China nicht schläft. Nach Wierods Einschätzung ist China extrem wettbewerbsfähig geworden, nicht nur mit Blick auf günstige Kosten, sondern inzwischen auch mit Blick auf Innovationen. Er kennt die Entwicklung der Volksrepublik gut, weil er von 2008 bis 2011 dort einen Geschäftsbereich von ABB geleitet hat.
Während einer aktuellen Chinareise konnte Wierod sich von der stark gewachsenen Innovationskraft chinesischer Hersteller überzeugen. Dort besichtigte er ein Großunternehmen, das Akkus für Elektrogeräte und Elektroroller herstellt und zu den chinesischen Marktführern gehört. Nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter sei in der Produktion tätig. Dank weitgehender Automatisierung der Fabriken könnten sich die Mitarbeiter vorwiegend mit Forschung und Entwicklung beschäftigen.
In der Energieerzeugung setzt China laut Wierod ebenfalls Maßstäbe. Das Land baue die erneuerbaren Energien stark aus, setze aber parallel auf moderne Kohlekraftwerke und Atomkraft. Ein solcher Mix sei wichtig, um das Stromnetz stabil zu halten. Denn längst nicht immer scheint die Sonne und weht genug Wind, um den Strom für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft zu erzeugen. Auch Wasserkraft sei ein möglicher Stabilisator, dabei komme es aber auf die Bedingungen im jeweiligen Land an. In Wierods Heimatland Norwegen oder in der Schweiz zum Beispiel spielt Wasserkraft eine wichtige Rolle. China etwa zapft die Wasserkraft mit der gigantischen Talsperre am Drei-Schluchten-Staudamm an.
Im Umbruch befindet sich nicht nur die Energieerzeugung. Auch die Verteilung und der Verkauf von Energie müssen sich laut Wierod verändern. Er spricht von dynamischen Preisen, was nichts anderes bedeutet, als dass Strom zu den Spitzenzeiten mehr kostet als zum Beispiel nachts. Intelligente Netze und intelligente Ladevorrichtungen könnten dafür sorgen, dass der Strom dort hinkommt, wo er gebraucht werde. Doch solange es bei einheitlichen Preisen bleibe, habe niemand einen Anreiz, in Technik zu investieren, die beim Sparen helfe.
