
Zwei Motorradfahrer starben im vergangenen Jahr im Rheingau-Taunus-Kreis, und 33 Biker wurden schwer verletzt. Bei schönem Wetter werden einige Straßen am Wochenende zu Rennstrecken. Und nachdem die Parkplätze der Applauskurve an der Aarstraße (B54) nun dauerhaft geschlossen wurden, nimmt die Diskussion über rasende Motorradfahrer Fahrt auf. Beim traditionellen Bikertreffen des Rheingau-Taunus-Kreises ging es daher vorrangig um Sicherheit und Rücksichtnahme, aber auch um Raser-Tourismus aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Polizei kündigte an, effektiver kontrollieren zu wollen.
„Wir wollen, dass man in diesem Land Motorrad fahren kann, aber auch, dass Sie nach jeder Ausfahrt wieder gesund nach Hause kommen“, sagte Landrat Sandro Zehner (CDU) zu den etwa 30 Motorradfahrern, die am Sonntag auf den Grillplatz der Gemeinde Hohenstein gekommen sind. Im Gegensatz zu früheren Treffen waren aber fast nur ältere Fahrer gekommen, denn die jüngeren Biker sind vermutlich verärgert und boykottieren die Veranstaltung. Der Landrat wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass sich aber auch viele Bürger im Kreis über rasende Motorradfahrer ärgern. „Das kann man verstehen. Wer selbst kein Motorrad fährt, aber an einer Strecke wohnt und sich im Sommer auf der Terrasse wie an der Nordschleife des Nürburgrings fühlt, das ist über Jahre hinweg anstrengend“, sagte der Landrat.
Sorge um mentale Gesundheit der Ersthelfer
Für Zehner gibt es zwei grundlegende Ebenen des Problems. Einerseits die Sicherheit der Biker sowie der anderen Verkehrsteilnehmer, denn ein Motorradunfall ende oft mit schweren Verletzungen und geschockten Autofahrern. Der Landrat sorgt sich aber auch um die mentale Gesundheit der Ersthelfer: „Motorradunfälle haben oft ein sehr verwüstetes Schadensbild. Das macht in der Psyche etwas mit Feuerwehrleuten.“
Wegen der vielen Unfälle hatte der Kreis 2025 einen runden Tisch ins Leben gerufen, um mit allen Beteiligten künftige Aktionen abzusprechen. Das ist aber gar nicht so einfach, weil auch der rheinland-pfälzische Teil der Aarstraße im Rhein-Lahn-Kreis betroffen ist. Die Rheinland-Pfälzer haben die Bundesstraße 274 von der Aarstraße in Zollhaus nach Katzenelnbogen, die bei Bikern als „Schliem“ bekannt ist, an Wochenenden und Feiertagen für Motorräder gesperrt.
Der Landesbetrieb Hessen Mobil hat nun die Parkplätze in der Applauskurve auf der Aarstraße bei Michelbach dauerhaft gesperrt. Nach Auskunft von Aarbergens Bürgermeisterin Marion Janßen (CDU) ist das ein Ergebnis des Runden Tisches. „Beim letzten Unfall hat eines der Mitglieder unserer Feuerwehr eine Dreiviertelstunde lang versucht, einen jungen Menschen wiederzubeleben. Aber da war nichts mehr wiederzubeleben“, erinnerte sie sich. Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Aktuell werde geprüft, ob ein Lärmschutzdisplay hilft und ob elliptische Bodenmarkierungen auf der Straße angebracht werden, damit Motorradfahrer die Kurven nicht mehr so stark schneiden.
Im Jahr 2025 gab es 172 Motorradunfälle im Kreis
Die Bürgermeisterin, die selbst Motorrad fährt, berichtete zudem davon, wie die Anwohner die Raserei empfinden. „Marion, ich traue mich wegen der Überholmanöver nicht, nach Bad Schwalbach in die Eisdiele zu fahren“, habe sie eine Bürgerin angeschrieben. Janßen zeigte sich enttäuscht: „Jeder weiß, dass in dem Bereich Tempo 60 gilt. Aber 90 Prozent aller Verkehrsteilnehmer halten sich nicht an die Geschwindigkeit, und das sind nicht nur Motorradfahrer.“ Die Polizei will gegensteuern, und die beiden zuständigen Polizisten Markus Kimmel und Kai Simon berichteten, dass es 2025 insgesamt 172 Motorradunfälle im Kreis gab. Da zu hohe Geschwindigkeit bei fast jedem zweiten Unfall die Ursache sei, kündigte Simon an, künftig mit einer neuen Technik Motorradkennzeichen bei Kontrollen erfassen zu können. Ab nächster Woche werde ein Lärmpegelmessgerät eingesetzt.
Nicht alle Biker sind mit den Veränderungen einverstanden. Dirk Sachse aus Bad Schwalbach ist skeptisch. „Ich hasse es auch, wenn man zu schnell und zu laut fährt, aber in der Applauskurve kann man andere Maßnahmen ergreifen, um für vernünftiges Fahren zu sorgen“, sagte er. Der Sechzigjährige selbst fährt am Wochenende, aber nicht auf der Aarstraße, „weil es zu viele Verrückte gibt“. Sachse plädiert dafür, mehr zu kontrollieren.
Reno Wende aus Taunusstein fordert ebenfalls mehr Kontrollen. „Tempo 60 bringt nichts. Die Leute, die da durchfahren, die halten sich nicht daran“, sagte er. Und kritisierte: „Wir sind doch davon auch betroffen. Wenn einem einer in der Kurve mit dem Kopf schon halb auf der eigenen Spur entgegenkommt, da machst du auch nichts mehr.“ Wende ist Ersthelfer und berichtet: „Wir haben vergangenes Jahr dreimal auf der Schliem Hilfe leisten müssen. Das will keiner sehen.“ Viele Biker kommen laut Wende aus Frankfurt, Offenbach und Darmstadt. „Die fahren die einschlägigen Maschinen, die Superbikes.“ Es handele sich oft um sehr junge Fahrer, die „Maschinen mit 200 PS“ besäßen und teilweise „wie die Geistesgestörten“ im Aartal unterwegs seien.
