
Wenn Musik, und vor allem die populäre, die Gesellschaft widerspiegelt, dann muss einem langsam angst und bange werden. Denn immer mehr Popmusik kommt offensichtlich aus der Retorte. Künstliche Intelligenz analysiert die erfolgreichen, zumeist erschreckend simplen Muster und kann so Hits am Fließband produzieren: Viervierteltakt, gleicher Beat, gleichbleibende Lautstärke, höchstens vier Harmonien, die sich in Endlosschleife wiederholen, dazu flacher Singsang mit dümmlichen Texten.
Was noch menschengemacht, was computergeneriert oder mit KI stark nachbearbeitet ist, ist kaum noch auszumachen. Da gibt es Musikvideos von Livekonzerten in großen Stadien, die nie stattgefunden haben und bei denen nur die surreale Bühnenshow mit unmöglichen Effekten verrät, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Umgebungen, Landschaften und Choreographien können täuschend echt simuliert werden. Bei der Wahrnehmung konzentriert sich ohnehin fast alles auf das Visuelle. Der akustische Eindruck, das Hören der Musik, ist Nebensache.
In der Eröffnungsshow zur Fußball-Weltmeisterschaft am 12. Juni in Los Angeles wird beispielsweise die thailändische Sängerin und Schauspielerin Lisa (oder wahlweise Lalisa) auftreten, bekannt als Mitglied der Girlgroup Blackpink, einer K-Pop-Band der dritten Generation. Sie produziert teils Musikvideos der beschriebenen Art mit enormen Reichweiten, was sich die FIFA nun zunutze macht. Ein Blackpink-Hit namens „Pink Venom“, der als Sprechgesang im Refrain die Zeile „La tatata, la tatata“ wiederholt, ist auf Youtube innerhalb von drei Jahren eine Milliarde Mal aufgerufen worden. Der Kanal der Band hat 101 Millionen Abonnenten.
Die Thais sind nun verständlicherweise stolz auf ihren Superstar. Klar ist aber auch, dass die „Musik“ und das Drumherum völlig austauschbar sind. Es ist alles eine Soße, international. Nur gibt der asiatische Musikmarkt wohl besonders viel her. Vergangen sind so die Zeiten, als der deutsche Musikproduzent Frank Farian die Welt noch mit Boney M. und Milli Vanilli täuschte.
Man ist ja schon froh, wenn nach deren Vorbild überhaupt noch jemand real auf der Bühne herumhampelt. Demnächst werden es womöglich Avatare sein, die uns das beglückende Tralala mit bunten Bildern liefern. Die Show, für die sich ausgerechnet die Siebzigerjahre-Ikonen von ABBA mit Hunderten von Kameras filmen ließen, soll jedenfalls unglaublich sein. Man meine, bei dem virtuellen Konzert, das seit 2022 unter dem Titel „ABBA Voyage“ in der Londoner ABBA-Arena läuft, die 3D-Animationen der „ABBAtars“ auf der Bühne anfassen zu können, versichern Augenzeugen.
Kulturpessimismus hilft hier jedenfalls nicht weiter. Positives Denken hieße, zu versuchen, die KI auch für höherwertige künstlerische Produktionen nutzbar zu machen. Das ist der Ansatz des KI-Festivals im Staatstheater Darmstadt, das noch bis zum 17. Mai läuft.
