Den Tscharli ist er nie losgeworden. Vielleicht, weil er sich dann selbst hätte loswerden müssen, aber das Rezept für eine solche Rosskur ist noch nicht erfunden. Der Münchner Lebenskünstler Karl „Tscharli“ Häusler, den Helmut Dietl und Anita Niemeyer für die BR-Fernsehserie „Münchner Geschichten“ (1974) erdachten, ist einer, der im Zweifelsfall lieber geht – zum Baden, und nicht einer geregelten Arbeit nach. Begründung: „Weil des nix is – für einen Menschen mit einer empfindlichen Sensibilität – ein Gschäft – verstehst?“ An der Seite der altersmilden Therese Giehse wurde aus dem Nachwuchsschauspieler Günther Maria Halmer der ewige Tscharli, mit einem sicheren Platz im Herzen seiner Zuschauer.
Auf Tscharli folgte Anwalt Abel
Halmer, am 5. Januar 1943 in Rosenheim als Sohn eines strengen und prügelnden Juristen geboren, unternahm diverse Berufsfindungsversuche, bevor er von 1967 bis 1969 an der Falckenberg-Schule zum Schauspieler ausgebildet wurde, und danach sogleich am Resi und an den Kammerspielen auf der Bühne stand. Der Theaterlaufbahn kam dann besagter Tscharli in die Quere, der Halmer die Tür zu internationalen Filmproduktionen und heimischen Fernsehserien öffnete. Er spielte neben Ben Kingsley und Martin Sheen in Richard Attenboroughs „Ghandi“-Film von 1982, später auch mit Maximilian Schell und Omar Sharif.
1988 ging die ZDF-Serie „Anwalt Abel“ an den Start, mit ihr wurde Halmer dauerhaft zum öffentlichen-rechtlichen Markenartikel als Melancholiker. Ein Mann, dem Frauenherzen zufliegen, während er für Anstand und Moral kämpft, und dabei Gefühle sowie Intellekt hinter einem kritischen Blick, einem gespitzten Mund und vielen Denk- und Sorgenfalten zu verbergen weiß – bis er wahlweise den ewigen Lausbuben, den Verführer oder den großen Liebenden aufblitzen lässt.

In den Genuss dieses häufig unrasierten, dabei stets unnachahmlichen Grantlergrüblerlächelns kamen als Filmpartnerinnen unter anderem immer wieder Senta Berger, auch Hannelore Elsner, Thekla Carola Wied und Suzanne von Borsody. Halmer spielte im „Tatort“ und im „Traumschiff“, er nahm seichte Drehbücher als Herausforderung, sofern ihm die Drehorte gefielen, und sorgte dafür, dass aus dem Heile-Welt-Schrott Edelmetallanteile heraus schimmerten. Es zeugt von Schauspielkunst, televisionären Hochglanzoberflächen eine Patina verleihen zu können – und nebenbei jahrzehntelang vor der Kamera in Würde zu altern.
Sein Familienleben im Chiemgau hielt Halmer privat, für die Klatschblätter empfahl er sich höchstens als Eheberater, der weiß, wie man 50 Ehejahre glücklich gestaltet. 2017 legte der passionierte Golfer und Vater zweier Söhne seine Autobiographie unter dem Titel „Fliegen kann jeder. Ansichten eines Widerborstigen“ vor.
Im vergangenen Sommer kehrte Halmer in der Titelrolle von Franz Xaver Kroetz’ Neubearbeitung des „Brandner Kaspar“ an das Residenztheater zurück. Dorthin, wo er 1970 in der Uraufführung der Neufassung von Marieluise Fleißers „Pioniere in Ingolstadt“ auf der Bühne gestanden hatte.
Das war ein großes Glück für seine Fans, das leider nur zwölf Aufführungen währte, dann musste er gesundheitsbedingt auf die Rolle verzichten. Am 10. Mai ist Günther Maria Halmer, wie am gestrigen Freitag bekannt wurde, im Alter von 83 Jahren gestorben. In den „Münchner Geschichten“ sagt Tscharlis bester Freund Gustl am Ende eines langen Faschingsausritts gen Sacramento: „So ist des im Leben, zerst is schön, und dann is auf amoi alles vorbei“. Darauf Tscharli: „Genau.“
