Nein, er kam nicht für Sarah Engels eigens nach Wien, die deutsche Kandidatin beim Eurovision Song Contest (ESC). Kulturstaatsminister Wolfram Weimer war in der Stadt, um Israels Teilnehmer Noam Bettan den Rücken zu stärken. So hatte es der parteilose Politiker in Brüssel laut der Deutschen Presse-Agentur am Rande eines Treffens der europäischen Kulturminister über den ESC am Dienstag angekündigt. Er sei sehr froh, dass Israel antreten dürfe, und fahre deshalb nach Wien, um sich auch den israelischen Sänger anzuhören. „Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten.“
Da klang es noch nicht danach, als ob es bei seinem Besuch auch um Sarah Engels gehen könnte. Weimer aber kam dann doch zum Empfang des deutschen Botschafters in Österreich, Vito Cecere, und seines italienischen Kollegen Giovanni Pugliese am Mittwochabend in der Arena21 im Wiener Museumsquartier.
Der Botschafterempfang der deutschen ESC-Delegation hat Tradition und findet meist zusammen mit dem Gastgeberland statt. Österreichs Kandidat Cosmó aber stand kurz zuvor noch bei der ersten Generalprobe für das zweite Halbfinale auf der Bühne in der Wiener Stadthalle; er war also verhindert. So traten Sarah Engels und der Italiener Sal Da Vinci nacheinander und dann auch gemeinsam auf. Sie sang „Fire“, er sein „Per Sempre Sì“.
Nur am Rande ging es auch um Israel und die Boykotte
Bei dem Empfang ging es nur am Rande um Israel und die Boykotte mehrerer Länder, darunter Spanien und die Niederlande. Weimer hatte sich stets dafür eingesetzt, dass Israel teilnehmen kann, andere Länder kritisieren das Vorgehen der Regierung Benjamin Netanjahu im Gazastreifen und in Libanon im Nachgang zu dem Überfall der Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023.
Die Sender seien autonom, aber er sei froh, dass sich am Ende eine deutliche Mehrheit „für die Offenheit, für die Toleranz und für das einigende Band der Musik“ entschieden habe, sagte Weimer. Das Interesse am ESC sei gewaltig. „Ich glaube, wir können uns auf einen ESC freuen, der ein ganz großes Musikfest ist.“
Beim Botschafterempfang ging Weimer natürlich dann doch auf Sarah Engels ein. Die Bundesregierung drücke ihr die Daumen, er glaube schon, dass die Dreiunddreißigjährige gute Chancen im Finale habe. Das sehen die ESC-Auguren und Wettbüros derzeit anders, aber Sarah Engels lässt sich davon nicht unterkriegen.

Was sie in Wien gelernt habe? „Party machen.“ Und etwas ernster fügte sie hinzu, dass sie hoffe, die Zuschauer würden die Botschaft ihres Liedes verstehen, das von Stärke und Selbstvertrauen handele und dem Mut, wieder zu sich selbst zu finden. Mut zeigt sie auch auf der Bühne, da lässt sie sich von einem Podest gut zwei Meter rückwärts in die Arme ihrer Tänzerinnen fallen. Was ihr anfangs nicht leichtgefallen sei, sie sei ja nur 1,63 Meter groß. Doch auch das soll eine Botschaft sein: „Wir Frauen fangen uns auf.“
Auf Instagram ging sie später auch noch einmal auf die Möglichkeit ihres Scheiterns ein. „Wir sehen oft zuerst das Negative. Fragen uns eher ,Was wäre, wenn es schiefgeht?‘ statt ,Was wäre, wenn es wunderschön wird?‘“ Was wünscht sie sich also? „Dass man in Deutschland mal sieht und sagt: He, da ist eine Frau, und die brennt für das, was sie tut, und die möchte für ihr eigenes Land wirklich alles geben. Und Deutschland steht hinter dieser Frau.“
Auch zu Israel hatte sich Engels zuvor immer wieder geäußert. Der ESC sei für sie die falsche Bühne, um tiefe politische Konflikte auszutragen. Der F.A.Z. hatte sie im Interview gesagt, dass der ESC ein Ort sei, „an dem Musik verbindet und Menschen zusammenbringt – unabhängig von Herkunft oder politischen Themen. Es geht darum, Geschichten durch Musik zu erzählen und für einen Moment etwas Positives zu schaffen. Genau darauf möchte ich meinen Fokus legen.“
Gleich der erste ESC 1956 war auch politisch
Dass der ESC nie unpolitisch war, die Europäische Rundfunkunion (EBU) aber bis heute Wert darauf legt, dass er nicht zum politischen Sprachrohr von irgendjemandem wird, auch das ist dieser Tage ein großes Thema in Wien. Tatsächlich kann man gleich in der Entscheidung Deutschlands 1956, zum ersten ESC neben dem Österreicher Freddy Quinn auch Walter Andreas Schwarz zu entsenden, eine durch und durch politische Entscheidung sehen.
Schwarz war wegen seiner jüdischen Abstammung mit seiner Familie seit 1938 in einem Konzentrationslager gewesen; seine Eltern starben, er überlebte wohl nur deshalb, weil der Lagerkommandant ein ehemaliger Schulfreund von ihm war. Beim ersten, damals Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea genannten Wettbewerb in Lugano kam der 1913 in Aschersleben im Harz geborene Schwarz mit seinem Lied „Im Wartesaal zum großen Glück“ auf Platz vier, Freddy Quinn mit „So geht das jede Nacht“ auf Platz elf. Jedes der sieben teilnehmenden Länder entsandte damals zwei Künstler, um der Veranstaltung mehr Gewicht zu verleihen.
Auch die Entscheidung des Österreichischen Rundfunks (ORF), im sich zuspitzenden Ost-West-Konflikt und kurz vor dem Prager Frühling 1968, der Invasion von Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei, den Tschechen Karel Gott zum ESC nach London zu schicken, kann durchaus politisch verstanden werden.
Ein Jahr später soll der ORF dann den ESC boykottiert haben, weil man nicht in Spanien in der Franco-Diktatur auftreten wollte. 1968 hatte die Spanierin Massiel mit ihrem Lied „La, la, la“ gewonnen. „Offiziell gesagt wurde das aber nicht: Man habe keinen passenden Künstler gefunden, hieß es“, schreibt der Sender dazu.
Und noch etwas gab der ORF demnach damals bekannt: Man werde sich mit stärkerer Hingabe der Förderung des Schlagernachwuchses widmen. Gerade einmal 45 Jahre später gewann Conchita Wurst 2014 für Österreich zum zweiten Mal nach Udo Jürgens 1966 den ESC, wenn auch nicht mit einem Schlager.
