Er war Ziggy Stardust und Alladin Sane, der Thin White Duke und der Mann, der vom Himmel fiel, der Koboldkönig Jareth und überhaupt ein Künstler solch vieler Gesichter und Persönlichkeiten, dass eine seiner wahren Leidenschaften hinter all diesen schillernden Figuren oft übersehen wird: Der so wandlungsfähige Rockstar David Bowie war ein Bücherwurm.
Wenn der Musiker auf Tour ging, soll er stets eine mobile Bibliothek im Gepäck gehabt haben. In speziell für diesen Zweck gefertigten Koffern führte er bis zu 1500 Bände mit sich, die ihm zur Entspannung und zur Inspiration dienten. 2013, drei Jahre vor seinem Tod im Januar 2016, stellte er eine Liste mit jenen einhundert Büchern zusammen, die sein Leben veränderten und seine Musik und seine Texte beeinflussten. Es ist eine eklektische Liste, die sowohl gemeinhin zum Literaturkanon zählende Romane als auch sehr spezielle Sachbücher und seltene Comics umfasst. Gleich vier Bücher haben mit Berlin zu tun, jener Stadt, in der ein schwer kokainsüchtiger Bowie in den späten Siebzigerjahren versuchte, von den harten Drogen loszukommen, aber auch ikonisch gewordene Songs wie „Heroes“ aufnahm.
Diese von 1976 bis 1978 dauernde Berlin-Phase gehört zu den spannendsten in Bowies langer Karriere und fasziniert auch einen bekannten deutschen Schauspieler, der allerdings erst über „eine long and winding road“ zu einer heutigen Bowie-Begeisterung gekommen ist: „Erst einmal fand ich den gar nicht so gut“, sagt der sowohl als Theater- wie als Filmschauspieler gefeierte Alexander Scheer („Gundermann“). 1976 in Ostberlin geboren, war ihm Bowies Musik lange fern: „Wir hatten im Osten nicht so viele Möglichkeiten, seine Musik wahrzunehmen. Es gab ja nur das Radio. Ich kannte also seine Platten nicht, und auch nicht seine Videos. Und als dann die Neunzigerjahre kamen, war so vieles durcheinander und so vieles nachzuholen“, sagt Scheer über eine Zeit, in der er sich musikalisch zwischen den Extremen Jimi Hendrix und House bewegte, sich sowohl für Musik von Frank Zappa als auch für Jazz begeisterte, aber auch auf Techno-Raves feierte.

1996 gab es dann für Scheer aber doch eine erste Begegnung mit der Bühnenfigur Bowie, die dem Schauspieler heute allerdings ein wenig peinlich ist: „Damals war Bowie nach einigen Flops wieder auf großer Tour und spielte auch in der Deutschlandhalle in Berlin. Ich wusste von einem anderen Konzert, wie man sich umsonst in die Halle schleichen kann. Zu fünft machten wir uns auf den Weg, und nach einiger Kletterei waren wir dann auch in der Halle. Das Konzert lief da schon, und wir sahen in der Ferne auf der Bühne einen kleinen Typen, der so tat, als wäre er Bowie. Der Sound war mies, die Band war mies, wir kannten kein Lied, es gab keine Show. Wir waren keine Fans, also waren wir nicht aufgeregt, es hat uns nicht gepackt, und so sind wir nach drei Songs wieder abgehauen.“
Die Gleichgültigkeit von damals ist längst höchster Wertschätzung gewichen, wie Scheer, der Bowie 2022 in der Fernsehserie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ verkörperte und 2018 in Falk Richters Hamburger Inszenierung des Bowie-Musicals „Lazarus“ mitwirkte, seit vergangenem Jahr an etlichen ausverkauften Abenden im Berliner Ensemble unter Beweis stellt. In dem gemeinsam mit dem Dramaturgen Steffen Sünkel konzeptionierten Programm „Heroes“ liest Scheer aus ausgewählten Bänden von Bowies Bücherliste und singt, begleitet von einer vierköpfigen Band, die dazu passenden Songs, in denen sich Bowies exzessive Lektüre teils unmittelbar in seinen Songtexten spiegelt.
Mit „Heroes“ ist Scheer nun auf Deutschlandtournee und hat in einem eigens gefertigten Koffer fast alle der Bücher von Bowies Liste dabei, mühsam in Antiquariaten zusammengesucht. Sie dienen als Aufhänger für Scheers Reflexionen über einen wegweisenden Musiker, und sie zeigen verblüffende Querverbindungen zwischen der Lieblingslektüre und vollendeten wie gescheiterten Projekten in Bowies Leben auf. Und nicht zuletzt steht eines dieser Bücher für das unsichtbare Band, das zwischen Bowie und Scheer quasi schon bei dessen Geburt geknüpft worden ist.
„Heroes. Alexander Scheer singt David Bowie“ ist am 14. Mai von 20 Uhr an in der Alten Oper Frankfurt zu sehen. Weitere Auftritte in Berlin (23. Mai und 1. Juni), Bremen (29. Mai), Köln (6. Juni) und Dresden (30. Juni) folgen.
