Liebe Leserin, lieber Leser,
wo
geht man am besten hin, um den Frühling zu schmecken? Das fragte ich
mich, als es sonnig wurde in der Stadt. Erste Antwort: nach draußen
ins Grüne. Aber windgebeutelte Tischtücher und Blütenstände im
Weinglas weckten dann doch nicht die erhofften Gefühle. Also dachte
ich: Lern von den Pflanzen. Und landete im Gewächshaus.
Die
Hygge Farm in Nienstedten war früher eine Blumengärtnerei. Heute
versorgt sie das Restaurant Hygge in Klein Flottbek mit Kräutern und
Gemüse; aber von freitags bis sonntags hat auch das Deli vor Ort
geöffnet. Man kann sich das Ambiente fast wie ein urbanes Café
vorstellen: Ein paar Leute brunchen, andere sitzen bei einem Kaffee
am Laptop. Auch Daydrinking mit Sekt oder Hefeweizen scheint ziemlich
beliebt zu sein.
Spannend
wird es, wenn man durch eine der beiden Seitentüren geht. Da wächst
in zwei großen Glashäusern aus den Sechzigern ein guter Teil von
dem, was hier auf den Teller kommt. Im Moment sieht man vor allem
Blätter und Blüten; das Gemüse braucht noch ein wenig Zeit. Aber
hinter dem gleichen Grün stecken tausend Aromen – vom vanilligen
Waldmeister bis zum Wasabino-Salat, der wirklich nach Meerrettich
schmeckt. Für Stadtmenschen lohnt es sich, an einer der Führungen
teilzunehmen, die hier angeboten werden. Aber auch Deli-Gäste dürfen
sich umschauen und vielleicht ein paar Blättchen zupfen; fast alles
hier ist essbar und schmeckt oft ganz unerwartet.
Die
Küche des Deli ist nur für einfache Speisen ausgelegt. So merkt man
umso
besser, welchen Unterschied Frische macht. Ein Genuss ist schon der
Mischsalat mit mariniertem Spargel, Burrata und Cocktailtomaten. Noch
besser: der stramme Max. Das Ei und der hauchdünne Schinken kommen
von befreundeten Erzeugern aus dem Umland
– eine
Art Tauschwirtschaft.
Saisonal
zu kochen, ist auf der Hygge Farm kein Lippenbekenntnis, sondern
schlichte Notwendigkeit. Der Mischsalat wird in ein paar Wochen schon
anders schmecken als jetzt. Was auch heißt, dass das Essen hier so
schnell nicht langweilig wird. Schöner Zufall, dass der
Loki-Schmidt-Garten nur einen Spaziergang entfernt ist. Wer beides
verbindet, erlebt so viel Frühling, wie Hamburg zu bieten hat.
Ich wünsche Ihnen einen
schönen Tag!
Ihr
Michael Allmaier
Was heute wichtig ist
Heute
startet die Badesaison. 16
offizielle Badestellen an 14 Badegewässern in Hamburg sind bis
Mitte September geöffnet. (Nein, die Elbe gehört nicht dazu.) Laut
Stadt ist die Wasserqualität fast überall ausgezeichnet. Die
teils abweichenden Saisonzeiten für alle Badegewässer finden Sie
hier.
Zum 837.
Hafengeburtstag, der heute beginnt, werden etwa 250 Schiffe
erwartet, darunter ein Forschungsschiff sowie Einsatzschiffe von
Bundespolizei, Fischereischutz und Zoll, die alle zu besichtigen
sind. Zwischen den Ein- und Auslaufparaden gibt es auch wieder das
Schlepperballett. Angesichts der Energiekrise kritisiert der Nabu
Hamburg die Paraden und das Feuerwerk als falsches Signal.
Bei einer Festrede
zum Übersee-Tag im Hamburger Rathaus hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) um Verständnis für das langsame Reformtempo in
Deutschland gebeten. Was die Bundesregierung tue, solle »für
mehrere Jahre, vielleicht für ein Jahrzehnt« tragfähig sein. Die
Reform der Krankenversicherung sei bereits auf dem Weg, noch im Mai
folge die Reform der Pflegeversicherung.
Auf einer Hamburger
Polizeiwache soll ein Polizist heimlich seine Kolleginnen in den
Wasch- und Duschräumen gefilmt haben. Einem Sprecher der
Innenbehörde zufolge läuft ein Ermittlungsverfahren. Der 28 Jahre
alte Polizist sei vom Dienst suspendiert worden.
Der FC St. Pauli und
die Gewerkschaft Ver.di haben sich auf einen Haustarifvertrag
geeinigt. Nach Angaben von Ver.di-Verhandlungsführer André
Kretschmar ist das ein Novum in der Bundesliga. Der Vertrag läuft
bis zum 30. Juni 2028, die Grundgehälter gelten rückwirkend vom 1.
Juni 2025 an.
Nachricht des Tages
Ab
morgen soll es in Hamburg erneut
ein propalästinensisches Protestcamp
geben. Organisiert wird es von der Gruppe Thawra, was aus dem
Arabischen übersetzt »Revolution« bedeutet. Der Hamburger
Verfassungsschutz stuft die Gruppe seit 2025 als »gesichert
extremistisch« ein. Die Behörde erkenne einen »deutlichen
Antisemitismus«, die Gruppe wird dem linksradikalen Spektrum
zugeordnet.
Ursprünglich
wollten die Organisatoren das Camp auf der Moorweide gegenüber dem
Bahnhof Dammtor errichten. Dort begannen am 25. Oktober 1941 die
Deportationen Tausender Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma in
die Konzentrations- und Vernichtungslager. In einem offenen Brief an
die Bürgerschaft hatte die jüdische Gemeinde die Standortwahl als
»nicht hinnehmbar« kritisiert. Aus Sicht der Gemeinde wäre dies
eine »zynische Verhöhnung der Opfer der Schoa«.
Die
Versammlungsbehörde schritt ein. »Unter Berücksichtigung des
besonderen historischen örtlichen Kontextes untersagte die
Versammlungsbehörde die Nutzung der Örtlichkeit ›Moorweide‹«,
teilte ein Polizeisprecher mit. Das Camp soll nun stattdessen im
Schanzenpark aufgebaut werden und soll sieben Tage dauern.
Bereits
2024 hatte Thawra zu einem propalästinensischen Protestcamp
aufgerufen. Von Mai bis September campierten teils Hunderte Menschen
auf der Moorweide. Im Umfeld der Versammlung kam es bereits zu
Straftaten. Eine Anmelderin des Camps soll eine Hörerin einer
Antisemitismusvorlesung im Mai des Jahres an der Universität Hamburg
angegriffen haben.
Sie wurde 2025 zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer
Geldstrafe verurteilt, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bei
einem anderen Einsatz wurden Polizeibeamte von einer
Camp-Teilnehmerin angegriffen.
Von Tom Kroll
Aus Hamburg
»Gehen Sie lieber ins Hafenmuseum!«
Am
Wochenende feiert Hamburg den 837. Geburtstag seines Hafens mit einem
Volksfest. Eine alte Tradition? Historiker Christoph Strupp von der
Forschungsstelle
für Zeitgeschichte in Hamburg sagt: eher eine Imageveranstaltung. Die
Fragen stellte ZEIT-Autor Tom Kroll, lesen Sie hier einen Auszug aus
dem Interview.
DIE
ZEIT: Herr Strupp, morgen beginnt der
837. Hafengeburtstag. Sie sprachen einmal von einer »Inszenierung«.
Warum?
Christoph
Strupp: Die Zahl 837 suggeriert, dass
in Hamburg bereits 836 weitere Hafengeburtstage gefeiert wurden, dem
ist nicht so. Dass man den Hafen so vermenschlicht, dass man sogar
seinen Geburtstag feiert, wäre früheren Zeitgenossen nicht in den
Sinn gekommen. Zudem geht das Datum auf die Abschrift einer Urkunde
vom 7. Mai 1189 zurück: Darin erkennt Friedrich Barbarossa der Stadt
Zollfreiheit auf der Unterelbe zu, aber ein Hafen existierte zu der
Zeit zweifellos schon.
ZEIT:
War der Hafen in Hamburg nicht schon immer identitätsstiftend?
Strupp:
Ja, das stimmt. Der Hafen hatte schon immer eine zentrale
wirtschaftliche Bedeutung. Doch dass er als Werbeträger für die
Stadt genutzt wird, ist eine Entwicklung des späten 19.
Jahrhunderts.
ZEIT:
Wann begann die Inszenierung?
Strupp:
Im Kaiserreich sprachen Senat und Bürgerinnen und Bürger von
Hamburg als »Welthafenstadt«, später vom »Tor zur Welt«. Da lag
auch eine
allgemeine Sehnsucht nach »Übersee« in der Luft (Z+). Bereits in den 1920er-Jahren gab es Hafenrundfahrten, dazu
Fotopostkarten mit dem Hafenpanorama, erste Filme und nicht zuletzt
das Hafenkonzert im Radio.
ZEIT:
Und wann begannen die Geburtstagsfeiern?
Strupp:
Erstmals richteten die Nationalsozialisten 1939 eine Art »Geburtstag«
aus: Zum 750. Jahrestag veranstalteten sie den »Hansetag«. Doch das
war kein Volksfest, sondern ein Elitetreffen von Politik und
Wirtschaftsführern. Nach dem Krieg griff man dieses Konzept wieder
auf – ab 1950 richtete der
Hamburger Übersee-Club (Z+) am 7. Mai
»Übersee-Tage« aus.
Wie
aus diesen »Übersee-Tagen« der Hafengeburtstag wurde, so wie wir
ihn kennen, lesen
Sie weiter in der ungekürzten Fassung. →
Zum
Artikel (Z+)
Schon gelesen?
Die letzten Stunden bis zum Frieden
Der
8. Mai 1945 markiert den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus in
Deutschland. Voriges Jahr, zum 80.
Jahrestag, hat ZEIT-Autor Tom Kroll
aufgeschrieben, wie sich die Ereignisse in Hamburg entfalteten. Wir
haben den Text für Sie aus
dem Archiv geholt. → Zum Artikel
(Z+)
Darauf können Sie sich freuen
Am
Sonntag zeigt das 3001 Kino die Premiere des Dokumentarfilms »Loki
Schmidt – Blumen des Lebens«. Der Regisseur Rasmus Gerlach porträtiert darin Loki Schmidt
anhand von gefilmten Interviews, Audioaufnahmen und Fotografien. Der Film
zeichnet ihren Weg zur berühmten Naturschützerin nach und eröffnet
zugleich private Einblicke, unter anderem durch eine Führung
durch das Haus der Familie Schmidt. Der Regisseur wird bei der
Premiere anwesend sein.
»Loki
Schmidt – Blumen des Lebens«, 10.5., 17 Uhr; 3001 Kino,
Schanzenstraße 75 (im Hof); Tickets
bekommen Sie hier.
Meine Stadt
Hamburger Schnack
Im
vollen Regionalzug von Lübeck nach Hamburg. Ein älterer Fahrgast
hat zunächst einen Rucksack neben sich auf dem Sitz liegen, nimmt
ihn aber für einen jungen Fahrgast zur Seite. Der bedankt sich mit:
»Danke, bist ein Schatz.« Daraufhin der betagtere Fahrgast: »Das
sagt meine Frau auch immer zu mir.«
Gehört
von Wiebke Neelsen
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