Auch Rheinmetall kann nicht alle Hoffnungen erfüllen. Am Dienstag vermeldete Deutschlands größter Rüstungskonzern, dass der Umsatz im ersten Quartal um 7,7 Prozent auf 1,94 Milliarden Euro gestiegen ist. Die Markterwartungen hatten allerdings bei 2,3 Milliarden Euro gelegen. Die Erklärung, das Delta sei vor allem auf Timingeffekte bei den Auslieferungen zurückzuführen, verbunden mit der Zusage, mehr Tempo aufnehmen zu wollen, konnte die Anleger direkt beruhigen. Die Aktie von Rheinmetall lag zum Mittag mit einem Plus von gut vier Prozent an der Spitze des Dax. Da wird die Tatsache, dass Rheinmetall mittlerweile einen Auftragsbestand von 73 Milliarden Euro vor sich herschiebt, eher als Zeichen einer rosigen Zukunft denn als Risiko in Sachen Kundenzufriedenheit gesehen.
Keine Frage: Die hohen Milliardeninvestitionen in Rüstungsgüter in den kommenden Jahren wecken an den Finanzmärkten weiterhin große Begehrlichkeiten. Gerade Deutschland, das in den kommenden Jahren rund 150 Milliarden Euro in die Aufrüstung seiner Streitkräfte stecken wird, rückt dabei in den Fokus von Investoren. Da stören auch einzelne Quartale nicht, in denen die Erwartungen verfehlt werden.
Investoren wollen Substanz sehen
„Fundamental hat sich nichts geändert“, sagt Oliver Seiler, Kapitalmarktpartner der Kanzlei Latham & Watkins in Frankfurt, der auch den Panzergetriebespezialisten Renk an die Börse begleitet hat. „Ausländische wie zunehmend auch deutsche Investoren haben weiterhin großes Interesse an möglichen Börsengängen deutscher Defense-Unternehmen.“ Allerdings sei der Blick genauer geworden, berichtet Seiler. „Investoren wollen die Substanz der Unternehmen sehen.“
Diesen Trend bestätigen aktuelle Zahlen. Ob es um den kumulierten Börsenwert geht, um Start-up-Finanzierung, Übernahmen oder Börsengänge: Die Verteidigungsindustrie spielt in Europa eine Sonderrolle. Die Investmentbank Houlihan Lokey zählt 133 Fusionen und Übernahmen unter Beteiligung europäischer Militärunternehmen im Zeitraum von Januar 2025 bis Anfang April. Die Menge bereitgestellten Risikokapitals ist nach Berechnung der Branchenfachleute sprunghaft gestiegen. Europäische Start-ups aus dem Sektor sammelten im vergangenen Jahr 7,4 Milliarden Euro ein, gut die Hälfte mehr als im Jahr zuvor. Mehr als 200 Investoren seien 2025 in diesem Segment aktiv gewesen.

Mit der russischen Invasion in der Ukraine ist Europa stärker bedroht als je nach dem Ende des Kalten Krieges; zusätzlich zweifeln europäische NATO-Partner seit der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten an der amerikanischen Loyalität im Bündnis. Der europäische Branchenindex Stoxx Europe Total Market Aerospace & Defense Index ist binnen fünf Jahren auf mehr als das Dreifache gestiegen. In einem schwachen Umfeld für Börsengänge hat sich Rüstung zuletzt als wichtiger Treiber etabliert.
Die Frankfurter Börse begrüßte seit Herbst drei Neulinge: den Kieler U-Boot-Hersteller Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), den Spezialisten für U-Boot-Ausfahrgeräte Gabler und das Elektronik-, Feinmechanik- und Softwareunternehmen Vincorion. In Amsterdam ging im Januar CSG aufs Parkett: im bislang größten Börsengang eines Rüstungsunternehmens, was das Emissionsvolumen wie auch die Marktkapitalisierung angeht. Der tschechische Hersteller groß- und kleinkalibriger Munition und schwerer Fahrzeuge erlöste 3,8 Milliarden Euro und ging mit einer Marktkapitalisierung von 25 Milliarden Euro in den Handel.
Neuerdings ist in Amsterdam noch ein weiteres tschechisches Waffenunternehmen notiert: Colt CZ Group, Spezialist für Kleinwaffen und Munition, hält zusätzlich zur Prager Stammbörse eine Zweitnotiz. Sie dient nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Radek Musil dazu, die „Sichtbarkeit bei internationalen Investoren zu erweitern, die Liquidität unserer Aktien zu erhöhen und so die Attraktivität der Colt-CZ-Aktie zu stärken“.
Satelliten und U-Boote sind gefragt
Das nächste größere Projekt ist schon absehbar: Zwei Jahre nach dem Minderheitseinstieg durch KKR bereitet der Raumfahrtkonzern OHB eine volle Rückkehr an die Börse vor, wie in Finanzkreisen bestätigt wird. Die Familie Fuchs als Mehrheitseignerin und der US-Investor arbeiten an Plänen zum Verkauf sowohl neuer Aktien über eine Kapitalerhöhung als auch bestehender Aktien. Nach Informationen der F.A.Z. fungieren als übergeordnete Berater die Investmentbank Rothschild und KKR mit seiner Spezialeinheit KKR Capital Markets.
OHB ist zwar zu einem kleinen Teil – sechs Prozent – im Streubesitz, weswegen das Vorhaben formal kein echter Börsengang ist (Initial Public Offering, IPO). Mit dem geplanten Schritt würde das Bremer Unternehmen aber wieder zu einem gelisteten Unternehmen mit nennenswerter Liquidität. In Frankfurter Finanzkreisen ist daher davon die Rede, dass er Züge eines „Re-IPO“ trage, also eines neuerlichen IPO. Drei Banken sollen als globale Koordinatoren das Vorhaben begleiten, wie in Finanzkreisen bestätigt wird: Deutsche Bank, JP Morgan, Goldman Sachs.
OHB will das Wachstum finanzieren, das durch öffentliche Aufträge anstehen dürfte. Das Unternehmen ist vor allem als Satellitenhersteller bekannt. Mit Rheinmetall plant der Konzern ein Gemeinschaftsunternehmen, mit dem sich beide Parteien um einen milliardenschweren Auftrag der Bundeswehr für den Aufbau eines militärischen Satellitennetzwerks bewerben wollen. Das Bundeskartellamt gab im April die Zustimmung für das Gemeinschaftsunternehmen.
Wer wird der nächste Neoprime?
Als IPO-Kandidaten werden auch die Start-ups Quantum System und Helsing gehandelt. Quantum ist als Spezialist für Aufklärungsdrohnen im zivilen Bereich gestartet. Als sich der Bedarf der Bundeswehr für Angriffsdrohnen abzeichnete, rief Gründer Florian Seibel mit Stark Defence ein weiteres Unternehmen ins Leben. Zu den Minderheitsfinanciers gehört auch der umstrittene US-Investor Peter Thiel. Zu Beginn des Jahres erhielt Stark einen ersten Auftrag der Bundeswehr. Zusammen kommen die beiden Unternehmen auf eine Bewertung von mehr als vier Milliarden Euro. Schon seit einiger Zeit wird in Finanzkreisen ein Quantum-Börsengang ausgelotet. Allerdings könnte davor noch eine weitere Finanzierungsrunde stehen. Auch über ein Zusammengehen mit Stark vor dem IPO wird spekuliert.

Die große Frage lautet, welches der vielen Start-ups den Sprung aus der Nische schafft und ein „Neoprime“ wird, also ein großer Anbieter mit breitem Sortiment. Dies gilt auch für Helsing, das ebenfalls für knapp eine halbe Milliarde Euro Kamikazedrohnen an die Bundeswehr liefern wird. Mit zwölf Milliarden Euro gelten die Münchner als Europas wertvollstes Defence-Start-up. In den Finanzierungsrunden setzte Helsing bislang auf europäische Investoren, unter anderem Spotify-Gründer Daniel Ek.
Die Frage nach neuen Börsengängen wird Anleger in den kommenden Monaten weiterhin beschäftigen. „Es ist derzeit kein ausgeprägter M&A-Markt, dafür sind die Bewertungen zum Teil zu hoch“, schätzt Oliver Seiler von Latham & Watkins. Generell sieht er in der Entwicklung eine große Chance für den deutschen Markt. „Es gibt hier immer noch eine ausgeprägte Ingenieurs- und Entwicklungskunst, die Investoren schätzen.“
