
Marie Luise Kaschnitz sei eine „Mittlerin zwischen Tradition und Gegenwart sowie zwischen der älteren und der jungen Generation“, schrieb der Anglist Helmut Viebrock 1967 an den Dekan der Goethe-Universität. Damit begründete er, wieso der Autorin die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte, die sie ein Jahr später auch bekam.
Im Rahmen des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“, das am 3. Mai zu Ende gegangen ist, lud das Universitätsarchiv zu einer Hauslesung, die sich der Autorin widmete. Dabei wurden ihre literarischen Texte mit Briefen und Dokumenten zu einer Textcollage verwoben und von Lehrenden des Fachbereichs Neue Philologien präsentiert. Gezeigt wurden außerdem Fotografien und Dokumente aus dem Universitätsarchiv und dem Nachlass des Schriftstellers Horst Bingel, Kaschnitz’ langjährigen Nachbarn in der Wiesenau.
Die historischen Zeugnisse zeichnen das Bild einer Autorin, die sich als Grande Dame zu behaupten wusste, aber durchaus auch ihre Zweifel hatte. Nachdem ein Rezensent ihren Band „Ferngespräche“ (1966) als „Damenliteratur“ bezeichnet hatte, schrieb Kaschnitz in ihrem Tagebuch: „Auf hohen Absätzen durch groben Kies.“ Tangiert hatte sie das wohl kaum.
Als zweite Frau hielt sie die Poetikdozentur
Als sie jedoch 1967 den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste erhielt, schrieb sie, dass ihr eine solche Ehre nicht zustehe und sie obendrein in ihrer Freiheit und Anonymität behindere. „Die Ursache solcher Versteckwünsche, solcher Unlust am Licht der Öffentlichkeit, ist aber wohl nichts anderes als die Überzeugung, dass man nicht wirklich genügt hat und vielleicht niemals wirklich genügen kann“, schrieb Kaschnitz. „Man mag als Künstler oder als Person anderen gefallen, ohne doch an sich oder an seiner Arbeit Gefallen zu finden.“
Die zahlreichen Auszeichnungen, die sie erhielt, sprechen eine andere Sprache. 1955 bekam Kaschnitz als erste Frau den Georg-Büchner-Preis, 1960 hatte sie als zweite Frau nach Ingeborg Bachmann die Frankfurter Poetikdozentur inne. Bei ihren Vorlesungen im Sommersemester 1960 war auch Verleger Siegfried Unseld zu Gast, der die Autorin für den Suhrkamp Verlag gewinnen wollte und damit auch Erfolg hatte.
Jahre später schrieb Unseld in einem Briefwechsel, Kaschnitz solle zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Insel-Verlags, der zu Suhrkamp gehört, als Festrednerin auftreten. Er stelle sich „ein poetisches Bekenntnis und Bekenntnis zur Poesie“ vor. Die Rede mit dem Titel „Rettung durch Phantasie“ aber konnte Kaschnitz nicht mehr selbst halten. Zwei Tage zuvor starb sie am 10. Oktober 1974 in Rom.
