In der alten Heimat lastet Leon Draisaitl noch immer der Ruf an, kein sonderlich aufregender Interviewpartner zu sein. Der Kölner Eishockeystar redet nun mal selten öffentlich in seiner Muttersprache – und zieht sich dann meist auf Sportphrasen zurück. Ein besonderer Satz ist aus seinen zwölf Profijahren nicht hängen geblieben. Ganz anders ist das, wenn er auf Englisch spricht. So wie nach dem frühen Play-off-Aus der Edmonton Oilers in der National Hockey League (NHL). Da holten erst Draisaitl und dann sein Kapitän Connor McDavid zu einem Rundumschlag aus, der in Kanada nun die Schlagzeilen dominiert.
„Besorgt“ sei er, sagte Draisaitl. Nicht nur mit Blick auf das Team, das nach zwei Finalteilnahmen in Folge nun gleich in der ersten Runde die Segel strich. Der Dreißigjährige meinte damit „auch unser Coaching und unser Management. Ich denke, der gesamte Klub hat einen Rückschritt gemacht.“ McDavid hatte die Oilers bereits nach der entscheidenden Niederlage gegen die Anaheim Ducks ein „durchschnittliches Team mit hohen Erwartungen“ genannt.
Am Samstag legte er nach: „Die Geduld ist offensichtlich am Ende.“ Auch das war eine klare Botschaft an Trainer und Manager. Denn obwohl die Oilers zwei der fünf besten Eishockeyspieler der Welt haben, scheiterten sie abermals an zu schwachen Torhütern, einer zu schwachen Defensive und zu wenig Tiefe. „Wir sind kein Team, das nur aus drei oder vier Spielern besteht“, sagte Draisaitl unmissverständlich.
Jahr der Enttäuschungen statt Karrierehöhepunkt
Eigentlich sollte 2026 für Draisaitl der Höhepunkt seiner Karriere werden. Als bestbezahlter Spieler der Welt (Jahresgehalt rund zwölf Millionen Euro) wollte er bei seiner ersten Olympiateilnahme endlich auch dem deutschen Publikum zeigen, was für ein Ausnahmeathlet er ist. Danach sollte der Stanley Cup her.
Doch Olympia endete im Viertelfinale mit einem desaströsen 2:6 gegen keinesfalls besser besetzte Slowaken. Eine „verbrauchte Chance“, sagte Draisaitl, flog gleich am nächsten Morgen zurück nach Kanada. Doch kurz später verletzte er sich am Knie, fiel wochenlang aus. Zwar stand er in den Play-offs wieder auf dem Eis, war mit drei Toren und sieben Vorlagen in sechs Spielen Edmontons erfolgreichster Stürmer. Aber er hatte „nicht das Gefühl, die nötige Spritzigkeit zu haben“.

Draisaitl ist nicht der einzige deutsche NHL-Star, der sich die Saison anders vorgestellt hat. Auch Moritz Seider, Tim Stützle und JJ Peterka – allesamt mit dicken Millionenverträgen ausgestattet und Gesichter ihrer Teams – erlebten enttäuschende Winterspiele, plagten sich mit Verletzungen herum und sind bereits in der Sommerpause.
Seider hat sich zwar endgültig in der Weltspitze etabliert, galt im Winter gar als Kandidat für den NHL-Verteidiger des Jahres, aber seine Detroit Red Wings verpassten die Play-offs abermals. Danach sei der Fünfundzwanzigjährige „ziemlich leer“ gewesen, sagte er bei Magentasport. „Man hat viel richtig gemacht und spielt persönlich gut, aber am Ende reicht es nicht.“
Stützle konnte nicht mal das behaupten. In der Hauptrunde war der Vierundzwanzigjährige noch bester Torjäger und Topscorer der Ottawa Senators. Aber in den Play-offs sammelte er nur einen Scorerpunkt. Er habe es „offensiv einfach nicht hinbekommen“, sagte Stützle, der während der vier schnellen Niederlagen gegen Carolina immer genervter wirkte. Das ganze Team müsse lernen, „seine Frustration zu zügeln“. Am längsten spielte noch JJ Peterka von den Utah Mammoth mit. Aber auch der Vierundzwanzigjährige blieb in der entscheidenden Phase blass, war während der sechs Play-off-Spiele gegen Las Vegas an keinem Tor beteiligt.
Wer spielt mit bei der WM?
Natürlich gäbe es da noch eine Möglichkeit, die Laune wieder zu heben: die Weltmeisterschaft von kommender Woche an in der Schweiz. Insofern könnte das frühe Ausscheiden seiner NHL-Stars ein Segen für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) sein. Nach den zuletzt enttäuschenden Turnieren muss vor der Heim-WM im nächsten Jahr wieder ein Erfolgserlebnis her. Aber wegen ihrer Verletzungen scheint kaum ein Überseeprofi Lust auf das Turnier in Zürich zu haben. „Mal schauen“, sagte Draisaitl, er habe sich ja mit einer Verletzung durch die Play-offs geschleppt. Stützle klang ähnlich: „Ich denke, eher nicht.“

DEB-Sportdirektor Christian Künast hat die Absagen mittlerweile bestätigt, auch Peterkas. Zumindest hat Torhüter Philipp Grubauer (Seattle Kraken) sein Kommen angekündigt. Auch Seider würde gern spielen, weswegen er sich gerade in Mannheim behandeln lässt. „Er ist auf einem guten Weg, aber noch nicht ganz da, wo er auch selber hinwill“, sagt Künast. Die Entscheidung soll nach dem letzten Testspiel am kommendem Sonntag gegen die Amerikaner fallen.
Leon Draisaitl wird das – wenn überhaupt – aus der Ferne beobachten. Er muss jetzt erst mal fit werden, um im Herbst den nächsten Anlauf auf den Stanley Cup zu nehmen. Vielleicht ist es schon einer der letzten mit den Oilers. Sein Vertrag gilt zwar bis 2033, aber der von McDavid nur bis 2028. „Stand jetzt haben wir zwei Jahre“, mahnte Draisaitl, „wir müssen uns deutlich verbessern.“ Und zwar schnell. Die Zeit drängt.
