
Das Zitat der japanischen Ministerpräsidentin kam so überraschend, dass es manchen Zeitungen eine eigene Schlagzeile wert war: Sie brauche doch etwas mehr Schlaf, habe Sanae Takaichi einem alten Parteifreund anvertraut. Und das, nachdem sie vor einem halben Jahr ihr Amt angetreten hatte mit dem Ausruf, sie wolle „arbeiten, arbeiten, arbeiten“, um Japan wieder zurück auf die Weltbühne zu bringen, und schon mal kurzfristige Meetings um drei Uhr früh einberief.
Geschont hat sich die erste Frau an der Regierungsspitze in Tokio bislang nicht. Allein in der vergangenen Woche hat ihre Regierung zwei Änderungen auf den Weg gebracht, die das Prädikat „historisch“ verdienen. Die seit dem Zweiten Weltkrieg geltenden Beschränkungen für den Export „tödlicher Waffen“ hat sie weitgehend aufgehoben und fast gleichzeitig die Gründung eines Geheimdienstes beschlossen, der das Land widerstandsfähiger gegen Bedrohungen von außen und innen und dabei unabhängig von den Informationen ausländischer Dienste machen soll.
Nicht mehr pazifistisch
Beide Schritte stehen für ein neues Japan, das sich nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg dem Pazifismus verschrieben hatte. Das Land sieht sich durch die Aufrüstung seiner Nachbarn China, Russland und Nordkorea zunehmend bedroht und will sich zugleich nicht mehr blind auf die seit Jahrzehnten bestehenden Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten verlassen.
Die nationalkonservative Takaichi und Donald Trump präsentieren sich zwar gerne als enge Freunde, die sich seit ihrem Amtsantritt im Oktober schon gegenseitig in Tokio und Washington besucht haben. Doch der Präsident verlangt von den Japanern wie von den Europäern mehr eigenen Einsatz für ihre militärische Sicherheit und hat die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt auch in seinen Zolltiraden keineswegs verschont. Mit dem Überraschungsüberfall auf Iran hat er das Land zudem fast vollständig von seinen Energielieferanten am Golf abgeschnitten – und garnierte das noch mit einem heiklen Vergleich zu dem Überfall Japans auf Pearl Harbor.
Die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten bleibt zwar für Tokio essenziell. Doch auf Trumps Aufforderungen, Japan solle sich mit Kriegsschiffen in der Straße von Hormus engagieren, schloss sich Takaichi einer Erklärung der Europäer an, wonach eine solche Mission erst nach einer Waffenruhe und bei klarer rechtlicher Grundlage möglich sei. Sowohl die gelockerten Regeln für Rüstungsexporte als auch die Geheimdienstpläne sind Versuche, Japan als selbstbewusste Mittelmacht zu positionieren, in einer Welt, in der die Großmächte USA, China und Russland die Regeln zusehends unter sich ausmachen wollen. Dafür sucht Takaichi die Nähe gleichgesinnter Mittelmächte und stößt auf viel Gegenliebe: von Macron über Starmer bis hin zu Meloni und Carney waren seit ihrem Amtsantritt im Oktober die Regierungschefs aller G-7-Staaten in Tokio – mit Ausnahme von Bundeskanzler Friedrich Merz.
Für Deutschland war im März Verteidigungsminister Boris Pistorius zu Gast und beschwor gemeinsam mit seinem japanischen Amtskollegen vor den Kriegsschiffen der Selbstverteidigungskräfte die enge Partnerschaft der beiden Länder. Von den gelockerten Regeln für Rüstungsexporte will auch die deutsche Rüstungsindustrie profitieren – und zugleich ebenfalls unabhängiger von Amerika werden. So könnten die neuen Motoren für die Taurus- Marschflugkörper nicht aus den USA kommen, sondern von dem japanischen Konzern Kawasaki Heavy Industries.
Neue Mittelstreckenraketen
Japan will indes nicht nur mit neuen Gesetzen Stärke beweisen. Auf seinen südwestlichen Inseln stationiert das Land neue selbst entwickelte Mittelstreckenraketen. Anders als die bisherigen Waffen sollen sie nicht nur Angriffe durch Schiffe und Flugzeuge abwehren können. Mit verlängerten Reichweiten könnten sie auch Ziele entlang der chinesischen Küste und in Nordkorea treffen. In einer gemeinsamen Großübung mit den Vereinigten Staaten und den Philippinen beteiligten sich die Selbstverteidigungskräfte gerade mit 1400 Soldaten und übernahmen erstmals eine tragende Rolle.
Wie belastbar die Treueschwüre der Mittelmächte sind, muss sich aber freilich noch erweisen. Der größte anzunehmende Ernstfall wäre der Einmarsch Chinas in Taiwan. Peking sieht das Eiland als abtrünnige Provinz, Takaichi war schon lange vor ihrem Aufstieg zur Ministerpräsidentin eine Förderin der autonom und demokratisch regierten Hightech-Insel. Sie liegt nur 100 Kilometer von japanischen Inseln entfernt. Eine Blockade der Meerenge zu Festlandchina hätte für Japans Versorgung und Exporte noch weit schlimmere Auswirkungen als jene der Straße von Hormus.
