
Herr Kubicki, angenommen, Sie werden FDP-Chef. Was machen Sie an Tag eins?
Ich warte die Wahl der weiteren Mitglieder des Präsidiums und des Bundesvorstandes ab. Mit denen setze ich mich dann sehr schnell zusammen, um die Aufgaben zu verteilen. Wir werden klären, wer für welche politische Position steht und sein Gesicht damit verbinden wird. Da ich Führung so verstehe, dass die Leute ihre Aufgaben auch erfüllen, wird es eine Kontrolle für unseren gemeinsamen Erfolg geben.
Wie messen Sie den Erfolg?
Nicht daran, wie häufig sie Kreisparteitage besuchen, sondern daran, wie häufig sie nach außen wirken. Wie häufig sie bei Verbänden sind, die für die FDP politisch wichtig sind, wie oft sie in den Medien erscheinen, wie häufig sie auf tagesaktuelle politische Ereignisse reagieren. Wir leiden darunter, dass die FDP im vergangenen Jahr öffentlich unsichtbar geworden ist. Das hat sich in den vergangenen drei Wochen – mit meiner Kandidatur – geändert. Das belegt, dass unsere politischen Konkurrenten und auch viele Medien damit rechnen, dass die FDP wieder Erfolg haben kann.
Es könnte auch einfach Lust am Spektakel, Freude am Streit anderer oder Interesse an Ihrer Person belegen.
Interesse an meiner Person ist dann auch gut für die FDP. Bisher wird die Marke Kubicki nicht mehr richtig mit der FDP verbunden. Das wird sich ändern in dem Moment, von dem an ich Vorsitzender bin.
Was ist Ihr Ziel für die nächsten Monate?
Dass wir bis zum Mai nächsten Jahres in Umfragen deutlich über fünf Prozent stehen. Und weil Köpfe Themen transportieren, müssen wir sichtbar sein. Nicht ich allein. In meiner Vorstellung ist zum Beispiel Bijan Djir-Sarai derjenige, der künftig das außen- und sicherheitspolitische Gesicht der FDP ist. Jens Teutrine spielt für mich auch eine wichtige Rolle – er hat sich im Leben richtig was aufgebaut aus einer schwierigen Lage heraus. So jemand kann das Aufstiegsversprechen der FDP wieder mit Leben füllen.
Apropos Inhalte: Kürzlich haben Sie kritisiert, dass Ihnen in einem Interview des „Spiegel“ keine einzige Sachfrage gestellt worden sei.
Na ja, die saßen hier, und erst wollten sie von mir hören, dass ich Rechtspopulist sei, was ich nicht bin – das würde nicht einmal Ralf Stegner über mich sagen –, und dann wollten sie mit mir über Alkohol reden. Ich trinke gern mal ein Glas Wein, wie andere auch. Dann wollten die Journalisten noch über Kriegsfilme mit mir sprechen.
Haben Sie die Befürchtung, diese Art der Beschäftigung mit Ihnen könnte von den politischen Inhalten der FDP ablenken?
Die Leute haben ja zum Glück noch andere Möglichkeiten, sich über die politischen Inhalte der FDP und auch über meine persönlichen Schwerpunkte zu informieren. Ich habe mehrere Bücher geschrieben, die auch Eingang gefunden haben in andere Bücher …
Mir müssen Sie das nicht sagen, ich habe ja schon einmal ein Gespräch nur über Bücher mit Ihnen geführt.
Ja, eben. Und was ich da schreibe, sage ich auch überall, wo ich hinkomme. Die Leute sind oft begeistert. Manchmal denke ich, es geht denen gar nicht um jedes Detail, das ich da erzähle. Es ist aber ein Gefühl, das die Leute mit mir verbinden. Neulich war ich beim Zukunftstag Mittelstand. Da kam ich fast nicht mehr raus, durch den Jubelsturm. Da haben ein paar junge starke Männer mich durch einen Seitenausgang rausführen müssen. Das war irre. Ich dachte mir: Was ist hier gerade passiert?
Ich weiß es nicht. Es ist unheimlich. Ich werde immer angekündigt als der, der Klartext spricht. Dabei kann ich mit dem Begriff gar nichts anfangen.
Neulich haben Sie den Kanzler „Eierarsch“ genannt.
Ich habe ihn nicht so genannt, sondern bin gefragt worden, was ich gedacht habe, als er die FDP für tot erklärt hat. Ich hätte auch andere Schimpfwörter denken können, wie so ziemlich jedes FDP-Mitglied sie nach so einer Attacke gedacht haben dürfte. Ich hab aber in der Sekunde eben so gedacht.
Wie kommen Sie eigentlich auf so ein Wort?
Der Begriff kommt aus dem Ruhrpott, dort hat er auch keinen bösartigen Charakter. Ich habe ihn von Möllemann. Parteitag 1996, er wollte wiedergewählt werden als Landesvorsitzender und hatte große Angst. Es gab zwei Gegenkandidaten. Da habe ich ihm nachts die Rede geschrieben, die er halten wollte. Und als er dann tatsächlich gewählt wurde, ist er aufgesprungen und hat mir im Überschwang zugerufen: „Sie Eierarsch!“ Da habe ich gesagt: Wenn Sie mich schon „Eierarsch“ nennen, können wir uns auch duzen.
Noch mal zurück zu den Sachthemen. Welche wollen Sie, falls Sie Parteichef werden, in den Fokus rücken?
Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir uns mit den Themen beschäftigen, die die Menschen gerade beschäftigen. Und was ist das? Die Sorge um die Planbarkeit ihres Lebens, in Bezug auf äußere Sicherheit und Wirtschaft. Die Leute merken ja, dass es mit der Wirtschaft wirklich bergab geht. Das bedeutet für viele Menschen, dass sie die Vorstellungen für ihr Leben in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren vielleicht revidieren müssen. Warum das so ist und wie wir es ändern wollen, ist ein entscheidendes Thema. Dazu gehört auch die Frage der Energieversorgung. Ein zweiter Punkt für mich ist, und das liegt mir unglaublich am Herzen, die Freiheit des Aufstiegs.
Ja. Viele Kinder sprechen gar kein richtiges Deutsch mehr. Und damit meine ich nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern auch solche aus deutschen Familien, die keine Bücher mehr lesen und verlernt haben, überhaupt ordentlich zu kommunizieren. Was sollen denn das für Bildungskarrieren werden? Deshalb finde ich es gut, dass wir darüber diskutieren, ob wir nicht auch fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für schulische Bildung ausgeben wollen, wenn wir schon fünf Prozent für Verteidigung ausgeben.
Öffentlich hört man Sie mehr über Meinungsfreiheit reden.
Das ist auch eines meiner Lieblingsthemen: Rechtsdurchsetzung. Das Grundgesetz geht von selbständigen Individuen aus, die nicht nur alle gleichwertig sind, sondern auch alle ihre eigene Meinung haben dürfen. Und das zu schützen und zu garantieren, ist Aufgabe des Staates. Aufgabe ist nicht, die Menschen zu erziehen.
Darin ist man sich in der FDP einig. Trotzdem gibt es einen Teil der Partei, der Ihren Konkurrenten Henning Höne als Parteichef will. Angenommen, Sie werden es: Wie nehmen Sie diese Leute dann mit?
Henning Höne und ich haben ja gar kein Problem miteinander. Er ist Vorsitzender des größten Landesverbandes – ich will ihn groß-, nicht kleinmachen. Und grundsätzlich gehe ich davon aus, dass auch meine Kritiker mich dann unterstützen. Wir haben ja dasselbe Ziel, und wer da gegen mich arbeitet, arbeitet auch gegen den Erfolg der FDP.
