Die Latte liegt auf einer Höhe von fast 1,40 Meter. Werden Marleen Gresmeier und Brumsel den Sprung schaffen? Die Zuschauer in der großen Leichtathletikhalle in Frankfurt klatschen rhythmisch, als die Vierzehnjährige auf das Hindernis zuläuft, in einer Hand hält sie dabei Brumsel, ihr Steckenpferd. Souverän springt sie über die Hürde, diese bleibt liegen – Applaus. „Ich trainiere fast täglich“, erzählt das Mädchen kurz darauf noch schwer atmend. Für diese zweite Deutsche Meisterschaft im Hobby Horsing hat sie sich viel vorgenommen: Sie will auch beim Zeitspringen an den Start gehen.
Beim Hobby Horsing werden Pferdesportdisziplinen, zum Beispiel Dressur und Springen, ohne Tiere nachgestellt. Dieser Sport liege im Trend, erzählt der Präsident des Deutschen Hobby-Horsing-Verbands, Andreas Karasek. 10.500 Mitglieder – vor allem Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren – zählt der Verband mittlerweile, damit hat sich die Zahl innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt.
Auch ältere Teilnehmer sind bei dem zweitägigen Turnier dabei. So geht Karasek mit seinen 39 Jahren selbst an den Start, die älteste Teilnehmerin ist 60 Jahre alt. Eingeteilt werden die Teilnehmer in Altersklassen, die jüngsten starten in der U6, die ältesten in der U99.

Der Trend stammt aus Finnland. Vor rund 20 Jahren begannen dort Jugendliche, handgefertigte Steckenpferde mit aufwendigen Plüschköpfen zu basteln, über die sozialen Medien verbreiteten sich die Bilder. 2016 wurde der weltweit erste Hobby-Horsing-Verband gegründet, seit 2018 wird diese Sportart auch in Deutschland angeboten.
Erste Europameisterschaft dieses Jahr
Jonathan Balogun aus dem südhessischen Bensheim gehört als 23 Jahre alter Mann zu den untypischen Hobby Horsern. Als Mitglied des frisch gegründeten Nationalkaders ist er einer der Favoriten bei den Deutschen Meisterschaften. Im Juni wird er bei den ersten Europameisterschaften in dieser Disziplin in Prag an den Start gehen.
Früher sei er Dressur geritten, erklärt er. Doch seinem Pferd habe das keinen Spaß gemacht. Deshalb reitet er mit dem Tier jetzt nur noch spazieren und geht in den Dressurprüfungen im Hobby Horsing an den Start, eine Art Tanzgymnastik. Am liebsten möge er Piaffen und Passagen, also trabähnliche Bewegungen, wie er erzählt: „Die Zehenspitzen sollen dabei gespitzt sein, auch die Körperspannung und der Ausdruck werden bewertet.“

Die meisten Hobby Horser besitzen mehrere Steckenpferde, diese unterscheiden sich je nach eingesetzter Disziplin – so sind etwa die „Dressurpferde“ schwerer als die Springer. Für die Meisterschaften wurden die Steckenpferde sehr sorgfältig zurechtgemacht, etwa mit rosa Glitzersteinen in der Mähne oder einem Fliegenschutz über den Ohren.
Mit versonnenem Blick sitzt ein Mädchen auf einer Bank am Rande des Geschehens und flechtet die Mähne ihres Steckenpferdes ein. Andere tummeln sich an den Verkaufsständen in der Halle, angeboten werden Utensilien rund ums Steckenpferd – von der Trense über Futtereimer bis hin zur Regendecke.
Die Mutter einer 13-Jährigen berichtet, deren Steckenpferde hätten alle einen Namen und einen eigenen Charakter. Ihre Tochter nehme diesen Sport sehr ernst. Sie selbst sei froh über das Hobby, erklärt die Frau weiter: „Sie verbringt weniger Zeit am Handy und bewegt sich viel mehr.“
