Vor allem Eltern kennen das Problem, das Andreas Kraut mit seinem System lösen will. Wocheneinkauf im Supermarkt. Großes Gedränge an allen Kassen, und nach Murphys Gesetz dauert es immer in derjenigen Schlange am längsten, in der sich der Kunde anstellt. Schon nach wenigen Minuten quengeln die Kinder, packen Süßigkeiten in den Einkaufswagen und spielen Verstecken. „Was an der Kasse länger als drei Minuten dauert, nehmen Kunden als Hindernis wahr“, sagt der Bizerba-Chef, dessen schwäbisches Familienunternehmen vor allem für Waagen bekannt ist. „Jeder will sofort zahlen und nicht warten.“
Um Wartezeiten zu verringern und die Nerven der Kunden zu schonen, setzt der Einzelhandel bislang auf Selbstbezahlsysteme. Dabei scannt der Käufer im Kassenbereich mit einer Laserpistole den Strichcode jedes einzelnen Produkts und bezahlt im Anschluss. Doch die anfängliche Begeisterung verflog schnell: Denn der „Schwund“, wie Bizerba-Chef Kraut nicht eingescannte Produkte nennt, verminderte die im Einzelhandel ohnehin nicht besonders hohen Margen. Hier setzt das System Supersmart von Bizerba an – es soll eine schnelle Abwicklung des Kaufs mit einer effizienten Kontrolle verbinden.

Kern der Idee ist eine genau wiegende Bodenwaage. Wie bei bekannten Selbstbezahlsystemen scannt der Kunde alle Produkte mit einer App auf dem Smartphone oder einem vom Markt bereitgestellten Scanner ein, allerdings schon während des Gangs durch die Regale, und legt sie danach in den Einkaufswagen. Bevor er seinen Einkauf bezahlen kann, muss er den Wagen in ein Terminal mit einer Bodenwaage schieben. Die Waage vergleicht das Gewicht des vollgepackten Wagens mit den eingescannten Produkten. Nur wenn die Zuladung im Wagen exakt mit dem Gewicht der eingebuchten Waren übereinstimmt, gibt das System den Einkauf zum Bezahlen frei. Die Erfindung stammt von dem gleichnamigen israelischen Start-up Supersmart, an dem sich Bizerba mit 50 Prozent beteiligt hat.
Freie Kapazität für die Mitarbeiter
Die Kassenzone gilt im Einzelhandel als ineffizient. Zum einen mache ein Kassierer nichts anderes, als den ganzen Tag Waren über einen Scanner zu ziehen. Zum anderen muss der Kunde alle seine Produkte erst auf das Kassenband legen, um sie danach mühselig wieder einzupacken. „Mit unserem System bekommen die Märkte Kapazitäten, die sie für wertschöpfende Tätigkeiten wie das Bedienen an der Frischtheke einsetzen können“, erläutert Kraut.
Nach Angaben von Bizerba kann das System in mehr als 95 Prozent der Fälle das Gewicht der Waren milligrammgenau bestimmen und somit sicherstellen, dass selbige richtig abgerechnet werden. Zudem erfasst eine Kamera am Terminal den Einkaufswagen, das System kann auf diese Weise mithilfe von Künstlicher Intelligenz Vorschläge machen, welche Waren bei Abweichungen möglicherweise nicht eingescannt worden sind. Bizerba-Chef Kraut hat drei Kundenarten identifiziert: den sorgfältig scannenden, der mit einem Bezahlvorgang, der nur Sekunden dauert, belohnt wird. Den vergesslichen, dem das System die Produkte vorschlägt, die nicht erfasst wurden. Und den betrügerischen, dem die Märkte nun besser auf die Schliche kommen.
Den Verlust durch Betrug an Selbstbezahlsystemen ohne Kontrolle beziffert der Bizerba-Chef auf bis zu zehn Prozent. „Wenn ich den Schwund verringere, wirkt sich das sofort auf das Ergebnis aus.“ Die Anfangsinvestitionen rechnen sich für die Märkte nach Angaben des Unternehmers innerhalb von einem Jahr, danach werde für die Nutzung des Systems nur noch eine Softwaregebühr fällig.
Schon 400 Geschäfte machen mit
Die Idee für Supersmart hatte der Israeli Yair Cleper, der dafür 2014 das gleichnamige Start-up in Tel Aviv gründete. Um dem System weltweit zum Durchbruch zu verhelfen, ist Cleper vor einigen Jahren auf Bizerba zugekommen, erzählt Kraut. Der Waagen-Spezialist sei daraufhin bei Supersmart eingestiegen und habe nach und nach seine Anteile auf 50 Prozent erhöht. Mittlerweile haben Supersmart und Bizerba europaweit mehr als 400 Terminals im Einsatz.
In Deutschland hat die zum Schweizer Coop-Konzern gehörende Lebensmittel-Großhandelskette Selgros in einem Pilotprojekt zwei Märkte in Neu-Isenburg und Braunschweig mit dem System ausgestattet. „Wir werden Supersmart bei uns in weiteren Märkten ausrollen“, erklärt Marcus Klang, der bei Selgros das Prozessmanagement verantwortet. Klang nennt drei Gründe für den Einsatz des Systems. Zum einen könne man die Kosten im Kassenbereich reduzieren, zum anderen ermögliche man Kunden, die keinen Wert auf eine persönliche Ansprache legen, einen schnellen Einkauf. „Die Einkäufer müssen ihre Waren eben nicht mehr auf das Band legen und dann wieder einpacken“, sagt Klang. „Und die Prävention von Schwund ist bei diesem System eben ein weiterer großer Vorteil.“
„Völlig irre“, nennt Klang, wie präzise Supersmart wiege und so die einzelnen Produkte voneinander unterscheiden könne. „So gut wie jede Weinflasche hat ihre eigenen Spezifika, und das System erfasst die Unterschiede“, erklärt der Manager weiter. Voraussetzung sei allerdings, dass vor dem Einsatz alle Waren im Sortiment erfasst und ganz genau gewogen werden.
Ungeachtet aller Euphorie über das System ist aber sowohl für Selgros-Manager Klang als auch für Bizerba-Chef Kraut eine Sache klar: Die Supersmart-Terminals werden klassische Kassen mit Förderband und Kassierer nicht obsolet machen – zumindest nicht in absehbarer Zeit. Es werde immer Kunden geben, die während des Bezahlens mit einem Menschen interagieren wollen – und bereit sind, dafür Zeit zu opfern. Nur Self-Checkout-Systeme ohne Schwund-Kontrolle werden verschwinden. Und Bizerba-Chef Kraut hofft, dass dafür dann Supersmart-Systeme eingesetzt werden.
