Baumwolle ist eines jener Naturprodukte, die einmal sehr kostbar waren, dann aber im Zuge einer extremen Industrialisierung nahezu wertlos wurden. Heute braucht es kaum noch Menschen für Anbau, Ernte, Verarbeitung. Und die Länder, die Baumwolle anbieten, sind einem brutalen Weltmarkt ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund muss man wohl die jungen Frauen sehen, die zu Beginn des sudanesischen Films „Cotton Queen“ ins Bild kommen. Sie streifen singend durch ein Baumwollfeld, ernten von Hand und tragen ihre Ballen anschließend in ein nahe liegendes Dorf, wo eine alte Frau namens Al-Sit die Ware in Empfang nimmt.
Wie sich bald herausstellt, soll nichts weiterverkauft werden. Die Fasern werden lokal verwendet für den Bedarf der Frauen. Mit diesem deutlichen Hinweis auf sehr naturnahe Intimprodukte ist ein erster Akzent gesetzt. Denn in westlichen Ländern wird auch immer wieder darüber diskutiert, ob Tampons und Slipeinlagen einfach Konsumartikel wie alle anderen sind oder ob es dafür nicht einen geschützten Markt geben sollte. Die Lösung von Al-Sit setzt direkt bei einem Rohstoff an und hat Implikationen weit darüber hinaus. Denn die Regisseurin Suzannah Mirghani zielt offensichtlich auf einen Kulturmythos für ihr Land Sudan, eine ehemalige britische Kolonie und heute von einem Krieg verwüstet, der in weiten Teilen des Landes ein alltägliches Leben unmöglich macht.
Dagegen setzt „Cotton Queen“ eine modellhafte Dorfwelt, die aus der politischen Gegenwart bewusst herausgehalten wird. Ein paar Häuser, die Felder, der Nil, das ist es schon im Wesentlichen. Unter den Häusern erweckt das größte die Neugierde der jungen Frauen. Es steht nämlich leer und wird allgemein „das britische Haus“ genannt. Als hier ein Mann auftaucht, der sich als der neue Besitzer erweist, steht das Matriarchat zum ersten Mal infrage. Nafisa, die Enkeltochter von Al-Sit, birgt aus dem Anwesen eine alte Zeitung, in der von einer „Cotton Queen“ die Rede ist, die vor langer Zeit gefeiert wurde. Es ist eben die nun alte Frau Al-Sit, die mit ihren Narben auf den markanten Wangen deutliche Spuren von geheimnisvollen Erfahrungen trägt.
Komplexe Zusammenhänge verdichtet auf drei Generationen
Im völlig überlasteten Kurzzeitgedächtnis heutiger Zeitgenossenschaft weiß man von Sudan vielleicht, dass das ostafrikanische Land bis vor wenigen Jahren von einem islamistischen Diktator beherrscht wurde, der in einer bewundernswerten Volksbewegung vertrieben wurde, woraufhin das alte Establishment (die Armee und eine Miliz, beide stark extraktivistisch geprägt) aufeinander losging und das Volk erneut in die Opferrolle gedrängt wurde. Wenn man historisch noch ein paar Schritte weiter zurückgehen wollte, wäre man beinahe schon bei Karl May: „Im Lande des Mahdi“. Diese komplexen Zusammenhänge verdichtet Suzannah Mirghani auf drei Generationen, ein episches Muster, das nicht erst seit den „Buddenbrooks“ bewährt ist und das sie auch feministisch wendet: Bei ihr zählt nicht das väterliche Wort, sondern das der Mütter. Das heißt nicht, dass Nafisa in jeder Hinsicht als ermächtigte junge Frau ihren Weg gehen könnte. Auch für sie gibt es noch eine Menge aufzulösen, und die große Autorität Al-Sit erweist sich als denkbar ambivalente Figur.
Dies hat wiederum damit zu tun, dass sie (wie das „britische Haus“) für den Übergang von der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit steht. Dieser Übergang ist, so kann man „Cotton Queen“ lesen, noch keineswegs abgeschlossen. Und auf ewig kann sich auch das Ökodorf am großen Strom nicht von der modernen Welt abkapseln.

Der Geschäftsmann Tijani, der mit Anzug und Krawatte wie ein Vorbote dieser Moderne auftritt, wird sofort als Heiratskandidat gesehen. Und auch Nafisas Mutter macht sich Hoffnungen, denn in einer Ehe mit einem wohlhabenden Mann sieht sie für ihre Tochter eine zwar traditionelle, doch optimale Perspektive. Dass Tijani ausgerechnet die Baumwollwirtschaft von Al-Sit aushebeln will, indem er den Menschen neue Züchtungen offeriert, die man jedes Jahr neu kaufen muss, weil sie sich nicht von selbst fortpflanzen, sollte aber Warnsignal genug sein.
Autorin und Dichterin
Für die Regisseurin Suzannah Mirghani ist „Cotton Queen“ der erste abendfüllende Spielfilm. Sie entstammt einer Verbindung einer russischen Mutter mit einem Vater aus Sudan und lebt seit vielen Jahren in Qatar. Dort ist sie auch als akademische Autorin hervorgetreten („Target Markets: International Terrorism Meets Global Capitalism in the Mall“ erschien sogar bei einem deutschen Verlag), und als Dichterin legte sie schon früh eine Spur zu dem ökosystemischen Ansatz, der nun auch „Cotton Queen“ prägt: „Some Behavioral Characteristics of the Sudanese Honey Bee“ heißt eines ihrer Gedichte, das in spielerisch szientistischem Ton eben den Zugriff verhandelt, mit dem Menschen wie Tijani nicht nur die Baumwolle gefügig machen. Für „Cotton Queen“ fand sie schließlich eine Mentorin in Annemarie Jacir, eine christlich-palästinensische Regisseurin, von der im Mai das Geschichtsepos „Palästina 36“ in die Kinos in Deutschland kommt.
Wenn eine intellektuelle Künstlerin ihren ersten Erzählfilm macht, wird man es ihr nicht verdenken, wenn sie hoch zielt: „Cotton Queen“ deutet ja schon mit dem Titel an, dass es um einen Übergang von Natur- bis zu Verfassungsfragen geht. Und die einbehaltene Baumwolle, die das weibliche Geschlecht beschützen soll, ist bei Suzannah Mirghani auch ein Instrument gegen die Praxis der Genitalverstümmelung. Damit macht sie außerdem deutlich, dass ihre politischen Anliegen über der Tagespolitik liegen – dass „Cotton Queen“ so tut, als würden sich die Untaten der „Rapid Support Forces“ in einer anderen Welt, ja in einem anderen Kosmos ereignen, ist aber wohl auch als erster Schritt eines möglichen Widerstands dagegen lesbar. Die nächste Volksbewegung, die sich in der Graswurzelorganisation der „Emergency Response Rooms“ auch in schwierigsten Zeiten schon wieder vorbereitet, findet in Suzannah Mirghani eine Position aus dem Exil, die eine leitmotivische Erzählung anbietet – und in der Figur von Nafisa auch eine Heldin mit hohem Identifikationswert.
